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Briefwechsel mit dem "Steppenwolf"

Montag, 01. Juli 2002, 15:34 Uhr
Nordhausen (nnz). Während der 5. Limlingeröder Diskurse kamen einige Teilnehmer mit dem Dichter Wulf Kirsten ins Gespräch, der dabei auch auf einige Schriftsteller hinwies, die in Nordhausen beheimatet waren. Neben Rudolf Hagelstange verwies er auf Adolf Scheer, von dem er einige gute Naturgedichte gelesen hat. Was der mit Hermann Hesse zu tun hat, das hat Heidelore Kneffel für die nnz aufgeschrieben.

„Ich konnte Kirsten Auskunft geben, dass der Nachlass Scheers, der 1984 verstarb, in mehreren Kartons im Meyenburg-Museum aufbewahrt wird. Bei meinen Recherchen über seinen Briefwechsel mit dem Künstler Ernst Barlach aus Güstrow stieß ich auf mehrere Hefte, in denen der umfangreiche Briefwechsel Scheers mit Schriftstellern, Künstlern, Komponisten, Musikern und Verlegern in Abschriften von seiner Hand dokumentiert ist. Am 2. Juli jährt sich der 125. Geburtstag Hermann Hesses. Mit diesem Dichter begann Adolf Scheer im Jahr 1947 einen Briefwechsel, der über Hesses Tod im August 1962 hinausging, denn mit Hesses Frau Ninon setzte er diesen bis 1963 fort.

Die Briefe Scheers, die jährlich zu Hesses Geburtstag, zu Ostern und zu Weihnachten versandt wurden oder zu anderen Ereignissen, die mit Hermann Hesse zu tun haben, sind an Herrn Dr. Hermann Hesse, Montagnola bei Lugano, Schweiz, adressiert. Die Antworten Hesses sind nicht im Nachlass. Aber aus Scheers Abschriften erfährt man, dass Hesse ihm selbst oder durch die Verlage seine Romane, Erzählungen, Essays zukommen ließ. Diese Drucke sind gleichfalls nicht im Meyenburg-Museum. Scheer lebte mit seiner Frau im fortgeschrittenen Alter im Pflegeheim in Werna bei Ellrich. Es ist nicht bekannt, ob er seine Bibliothek dorthin mitnahm. Er erblindete mehr und mehr, konnte also in den letzten Lebensjahren nicht mehr lesen. Der Briefwechsel erwähnt, dass Scheer aufmerksam alle Rundfunksendungen und Zeitungsartikel verfolgte, die Nachrichten über Hesse brachten. Er benennt den Dichter in seinen Briefen als Freund.

Hier soll der Brief Erwähnung finden, den der Nordhäuser am 28.6.1962 nach Montagnola sandte, also im Todesjahr Hesses. Seit 1931 wohnten Hesses in der Casa Hesse, die der befreundete H. C. Bodmer auf Lebenszeit als Wohnsitz zur Verfügung gestellt hatte. Von dort hat man einen weiten Blick auf den Luganer See und die Berge. Diese einzigartigen Blicke kennt man von den Aquarellen, die Hermann Hesse dort schuf. Ob Adolf Scheer so ein Aquarell besaß - denn Hesse malte oft auch kleine Bilder auf sein Briefpapier -, ist aus den Scheerbriefen nicht ersichtlich.

"Lieber Herr Dr. Hesse!

Fünfundachtzig Jahre! Welch eine lange Zeit, wenn sie vor einem liegt, und doch, was ist sie im Ablauf der Erdgeschichte, wo man mit Milliarden von Jahren rechnet. Jedoch auf menschliche Verhältnisse bezogen, sind fünfundachtzig Jahre doch eine große Spanne, ausgefüllt bei ihnen mit dichterischem und künstlerischem Schaffen. Wie hat sich das Staatenbild während dieser Zeit auf der Erde verwandelt. Kaiser und Könige gingen und die Völker traten die Herrschaft an, was ihnen zuvor versagt wurde. Alles Leben ist ein Übergang, ein Kommen und Gehen, ein Zurück in die Anfänge, an die Quellen allen Ursprungs. Ich wünsche Ihnen, lieber Herr Dr. Hesse, zu Ihrem Geburtstag viel Freude, Liebe und Gesundheit. Zuneigung wird Ihnen wohl von vielen Seiten zuteil werden.

Als einen bescheidenen Freundesgruß lege ich Ihnen das Gedicht "Die Wiese blüht" bei und hoffe sehr, dass es Sie erfreuen möge. Imme wieder ergreift mich bei einem Gang durch die Fluren ein Ährenfeld mit seinen unzähligen Halmen, die sich im leisen Hauch des Sommers wiegen. In den Lüften darüber erklingen die Lieder der Lerche. Heilig ist der Boden, darauf das Kostbare reift, damit es die Menschen vor Not und Hunger bewahrt. Doch es gibt noch einen anderen Hunger, nämlich den nach dem gesprochenen und geschriebenem Wort, was Speise für den menschlichen Geist ist. Und Sie, lieber Freund, haben in reichem Maße für diese Speise gesorgt durch Ihre Gedichte, Romane und Erzählungen, die überall in der Welt gelesen, bewundert und geliebt werden. Auch ich zähle zu den Lesern, denen Ihre Kunst Freunde und Beglückung schenkte.

Ich hoffe sehr, lieber Freund, dass Sie noch manches Gedicht oder Prosastück schreiben können, um den Menschen damit so manches zu sagen, was nur Sie sagen können. In herzlicher Verbundenheit bin ich Ihr Adolf Scheer"
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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