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Vergangenheit der Südharzstrecke

Sonntag, 23. Juni 2002, 09:48 Uhr
Nordhausen/Walkenried (nnz). Die Südharzstrecke hat ihre Vergangenheit. Nicht nur technisch und logistisch, sondern auch geschichtlich. nnz mit dem Versuch einer Aufarbeitung.


Mitte Juni veranstaltete die Kreisvolkshochschule Osterode in Kooperation mit der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion und der Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz" im Hotel "Goldener Löwe" in Walkenried einen offenen Workshop zur Geschichte der Südharzlinie in den Jahren 1933-45. Auch die Strecke Northeim - Herzberg - Nordhausen der Reichsbahn war, überwiegend im Auftrag der SS, in das NS-Unrecht eingebunden.

So verkehrte hier am 22. April 1942 ein Deportationszug, mit dem die Gestapo 941 deutsche Juden von Düsseldorf ins SS-Sonderlager Trawniki bei Lublin im besetzten Polen verschleppte. Fast 30.000 Reichsmark berechnete die Reichsbahn für diese Fahrt in den Tod. In Trawniki wurden 22.000 Juden ermordet. Bei der Räumung der Südharzer KZ am 4./5. April 1945 wurden 9.000 Häftlinge aus den KZ-Lagern Harzungen, Woffleben und Mittelbau-Dora u.a. durch Walkenried und Herzberg transportiert.

In Viehwaggons gepfercht, ohne Verpflegung erreichten sie nach sechs Tagen das KZ Bergen-Belsen. Ihre Befreiung erlebten viele nicht mehr. Die Leichname von neun am Gleis nach Scharzfeld gefundenen Deportierten ruhen auf dem Herzberger Friedhof. Eisenbahnen sind unpolitisch. Das schützt sie nicht vor Missbrauch, machte Eisenbahner zu Mitwissern und Mitwirkenden bei den Verbrechen des NS-Staates. Der offene Workshop soll zur Aufnahme regionaler Studien zu diesem Thema anregen.

Zuvor fanden zum Gedenken an die durch den Südharz transportierten westdeutschen Juden auf dem Weg in den Holocaust vom April 1942 sowie an die belgischen und anderen Opfer der Deportationen vom April 1945 (Evakuierung der Südharzer KZ-Lager) Gedenkveranstaltungen in Herzberg statt. Im Beisein einer 26-köpfigen Delegation aus Belgien unter Leitung des ehemaligen KZ-Häftlings Leopold Claessens aus Antwerpen wurde vor dem Herzberger Bahnhof ein Gedenkstein enthüllt. Dieser wurde von der Arbeitsgemeinschaft Spurensuche in der Südharzregion mit Unterstützung des Herzberger Industrieunternehmens Bernd Kunze, dem Kalkwerk Gillersheim der Fa. Fels, der Stadt Herzberg und mit technischer Unterstützung der AEK Interform errichtet.

Auf dem Herzberger Friedhof fand eine Gedenkfeier aus Anlass der von der Stadt vorgenommenen Neugestaltung von Begräbnisstätten statt. Hier ruhen neun KZ-Häftlinge, u.a. zwei belgische, deren Leichname Anfang April 1945 entlang der von Scharzfeld kommenden Gleise gefunden wurden.
Burkhard Breme
Autor: nnz

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