Kunst und Grauen
Donnerstag, 26. Juni 2008, 10:28 Uhr
Im kommenden Monat rückt erstmals das KZ Mittelbau-Dora in den Fokus der Reihe "Bild des Monats aus der Kunstsammlung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora". Um welches Bild es sich dabei handelt sowie Hintergründe dazu, die gibt es schon heute für nnz-Leser...
Die Ausstellung "Überlebensmittel - Zeugnis - Kunstwerk -Bildgedächtnis" der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist die erste und nach wie vor einzige ständige Kunstausstellung am Ort eines ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers in Deutschland. Die 1998 in Buchenwald eröffnete Dauerausstellung befindet sich in der ehemaligen Lagerdesinfektion, dem ersten Gebäude, das Häftlinge im Lager betraten. Sie verließen diesen Ort am ganzen Körper geschoren und desinfiziert, ihrer Würde beraubt - nur mehr auf eine Nummer reduziert. Wo die Entwürdigung von Menschen gleichsam symbolisch verdichtet greifbar wird, zeigt die Gedenkstätte heute Kunstwerke, die sich dieser Entwürdigung entgegenstellen:
Werke, die trotz der großen Not im Konzentrationslager - Selbstbehauptungswillen und Resistenz zeugend - oder nach der Befreiung in Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen entstanden sind.
Mit dem Bild des Monats startete die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora im vergangenen Jahr (Mai 2007) eine Reihe, mit der die Aufmerksamkeit auf besondere Aspekte der Zeichnungen, Malerei, Grafik und Objekte ihrer Kunstsammlung gelegt wird. Über die Würdigung der Häftlinge hinaus, bietet das "Bild des Monats" Gedenkstättenbesuchern einen weiteren Zugang zur Lagergeschichte und zur Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen.
Mit dem "Bild des Monats Juli 2008" rückt nun zum ersten Mal das KZ Mittelbau-Dora in den Fokus der Reihe.
Dominik Cerný: K.L. Dora: Wohnen im Stollen
Acht Jahre nach Kriegsende legte der tschechische Maler Dominik Cerný in einer Folge von fünf Holzschnitten Zeugnis ab von den im KZ Mittelbau-Dora durchlittenen Schrecken: von dem Grauen des Lebens, Arbeitens und massenhaften Sterbens im Stollen des Kohnsteins in Nordthüringen. Sein Holzschnitt K.L. Dora: Bydlení ve štole” (Wohnen im Stollen) zeigt das Eingepferchtsein der Häftlinge auf den Pritschen, die Enge und Gedrängtheit im Stollen. Die Menschen sind als Silhouetten, ohne individuelle Züge gezeichnet; häufig markieren nur weiße Punkte ihre Köpfe, die Gesichter sind nicht zu erkennen. Aus dieser gleichsam amorphen Masse sind einzelne Situationen beispielhaft herausgehoben: jemand verrichtet seine Notdurft
über einem Fass, davor liegt ein Toter, ein Mann kratzt einen Essenkübel aus, ein anderer isst auf dem Fußboden.
Die 1953 von Dominik Cerný gefertigte Holzschnittfolge über das Konzentrationslager Dora führt nicht nur die katastrophalen Bedingungen in den Stollen vor Augen — sie erinnert auch an all jene geschundenen und ermordeten Häftlingen, deren Lebenskraft skrupellos für die Raketenproduktion in NSDeutschland ausgepresst und deren Existenz im Stollen ausgelöscht wurde.
Cerny (Foto: Archiv)
Dominik Cerný wurde am 4. August 1903 in Chrlice bei Brno/Brünn geboren. In Brünn absolvierte er ein Lehramtsstudium und war anschließend als Pädagoge in Südmähren tätig. Er ließ sich in Hluk nieder, befasste sich mit ethnografischen Studien und hielt Landschaft und Menschen seiner mährischen Heimat in Zeichnungen und Aquarellen fest. Unter deutscher Besatzung schloss er sich dem tschechischen Widerstand an und wurde im Oktober 1942 in das KZ Auschwitz deportiert. Im sogenannten Lagermuseum malte er Auftragswerke für die SS. Im August 1943 verschleppte ihn die SS nach Buchenwald und von dort aus wenige Wochen später in das Außenlager Dora. Nach der Befreiung aus dem Lager kehrte Dominik Cerný nach Hluk zurück. 1951 und 1953 veröffentlichte er die Holzschnittfolgen Oswientim und K.L. Dora-Sangerhausen. Bekannt wurde er als passionierter Maler seiner Region. 1963 pensioniert, starb er am 13. Juni 1973 in
Hluk.
Holzschnitt, Blatt der Folge K.L. Dora-Sangerhausen, 1953 Kunstsammlung Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Inv.-Nr. VI 2155 G b
Autor: nnzDie Ausstellung "Überlebensmittel - Zeugnis - Kunstwerk -Bildgedächtnis" der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora ist die erste und nach wie vor einzige ständige Kunstausstellung am Ort eines ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrationslagers in Deutschland. Die 1998 in Buchenwald eröffnete Dauerausstellung befindet sich in der ehemaligen Lagerdesinfektion, dem ersten Gebäude, das Häftlinge im Lager betraten. Sie verließen diesen Ort am ganzen Körper geschoren und desinfiziert, ihrer Würde beraubt - nur mehr auf eine Nummer reduziert. Wo die Entwürdigung von Menschen gleichsam symbolisch verdichtet greifbar wird, zeigt die Gedenkstätte heute Kunstwerke, die sich dieser Entwürdigung entgegenstellen:
Werke, die trotz der großen Not im Konzentrationslager - Selbstbehauptungswillen und Resistenz zeugend - oder nach der Befreiung in Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen entstanden sind.
Mit dem Bild des Monats startete die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora im vergangenen Jahr (Mai 2007) eine Reihe, mit der die Aufmerksamkeit auf besondere Aspekte der Zeichnungen, Malerei, Grafik und Objekte ihrer Kunstsammlung gelegt wird. Über die Würdigung der Häftlinge hinaus, bietet das "Bild des Monats" Gedenkstättenbesuchern einen weiteren Zugang zur Lagergeschichte und zur Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen.
Mit dem "Bild des Monats Juli 2008" rückt nun zum ersten Mal das KZ Mittelbau-Dora in den Fokus der Reihe.
Dominik Cerný: K.L. Dora: Wohnen im Stollen
Acht Jahre nach Kriegsende legte der tschechische Maler Dominik Cerný in einer Folge von fünf Holzschnitten Zeugnis ab von den im KZ Mittelbau-Dora durchlittenen Schrecken: von dem Grauen des Lebens, Arbeitens und massenhaften Sterbens im Stollen des Kohnsteins in Nordthüringen. Sein Holzschnitt K.L. Dora: Bydlení ve štole” (Wohnen im Stollen) zeigt das Eingepferchtsein der Häftlinge auf den Pritschen, die Enge und Gedrängtheit im Stollen. Die Menschen sind als Silhouetten, ohne individuelle Züge gezeichnet; häufig markieren nur weiße Punkte ihre Köpfe, die Gesichter sind nicht zu erkennen. Aus dieser gleichsam amorphen Masse sind einzelne Situationen beispielhaft herausgehoben: jemand verrichtet seine Notdurft
über einem Fass, davor liegt ein Toter, ein Mann kratzt einen Essenkübel aus, ein anderer isst auf dem Fußboden.
Die 1953 von Dominik Cerný gefertigte Holzschnittfolge über das Konzentrationslager Dora führt nicht nur die katastrophalen Bedingungen in den Stollen vor Augen — sie erinnert auch an all jene geschundenen und ermordeten Häftlingen, deren Lebenskraft skrupellos für die Raketenproduktion in NSDeutschland ausgepresst und deren Existenz im Stollen ausgelöscht wurde.
Cerny (Foto: Archiv)
Dominik Cerný wurde am 4. August 1903 in Chrlice bei Brno/Brünn geboren. In Brünn absolvierte er ein Lehramtsstudium und war anschließend als Pädagoge in Südmähren tätig. Er ließ sich in Hluk nieder, befasste sich mit ethnografischen Studien und hielt Landschaft und Menschen seiner mährischen Heimat in Zeichnungen und Aquarellen fest. Unter deutscher Besatzung schloss er sich dem tschechischen Widerstand an und wurde im Oktober 1942 in das KZ Auschwitz deportiert. Im sogenannten Lagermuseum malte er Auftragswerke für die SS. Im August 1943 verschleppte ihn die SS nach Buchenwald und von dort aus wenige Wochen später in das Außenlager Dora. Nach der Befreiung aus dem Lager kehrte Dominik Cerný nach Hluk zurück. 1951 und 1953 veröffentlichte er die Holzschnittfolgen Oswientim und K.L. Dora-Sangerhausen. Bekannt wurde er als passionierter Maler seiner Region. 1963 pensioniert, starb er am 13. Juni 1973 inHluk.
Holzschnitt, Blatt der Folge K.L. Dora-Sangerhausen, 1953 Kunstsammlung Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Inv.-Nr. VI 2155 G b

