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Eine nicht gehaltene Rede

Freitag, 07. Juni 2002, 07:25 Uhr
Bleicherode (nnz). Die nnz berichtete gestern über die Visionen eines Chemieparks in Bleicherode. Viele Gäste hörten zu. Nur der Betriebsrat fehlte. nnz veröffentlicht seine „nicht gehaltene Rede“.


Sehr geehrte Damen und Herren,

gern hätte auch der Betriebsrat der Deusa International GmbH den Weg zum sogenannten Presse-Event nach Bleicherode gefunden, um sein Interesse und seine Verbundenheit zum Sanierungsprojekt Deusa zum Ausdruck zu bringen, welches in der Tat in Deutschland seinesgleichen sucht. Leider war dies nicht erwünscht und der Betriebsrat wurde nicht eingeladen. Angesichts der Rede des Geschäftsführer der Deusa International GmbH, Herrn Kerl, vor versammelter Prominenz ist es für den Betriebsrat dringend angezeigt, sich direkt dazu zu Wort zu melden.

In der Tat ist es dringend geboten, wie Herr Kerl feststellt, dass das Sanierungsprojekt Deusa International nach nunmehr fast einem Jahr auch das Vertrauen der Mitarbeiter gewinnt. Leider ist gerade hier eine Vertrauensbildung ausgeblieben.

Wir sehen heute der zweiten Massenentlassung in der Deusa entgegen, mit einem Fachkräfteverlust sondergleichen, der kaum wettzumachen ist. Das Unternehmen entkleidet sich damit weiter einer seiner wichtigsten Ressource. Keiner der gekündigten Mitarbeiter kommt in den Genuß einer Vorruhestandsregelung wie Herr Kerl vorspiegelt. Alle sind ausnahmslos in die Arbeitslosigkeit entlassen worden. Der Betriebsrat bezweifelt, wie man durch solche Maßnahmen ein stark sanierungsbedürftiges Unternehmen von Grund auf effizient und wettbewerbsfähig macht. Diesen Mitarbeitern aber auch noch, wie in der Rede von Herrn Kerl unterstellt, hinterher zu rufen, dass sie störende Element gewesen seien, ist der Gipfel des Hohns. Vielmehr verrät die Sprachwahl, dass es noch um ganz anderes gehen muß. Bitter ist es für diese Mitarbeiter, dass sie sich gerade für diesen Investor stark gemacht haben.

Der Betriebsrat hatte von Anfang an der Geschäftsleitung seine volle Unterstützung für einen nachhaltigen Sanierungskurs angeboten. Dies wurde aber immer wieder mit einer großzügigen Handbewegung ausgeschlagen. Für den frisch aus dem Westen eingeflogenen Herrn Kerl war es nur schon eine Zumutung erfahren zu müssen, dass es hier einen Betriebsrat und eine Belegschaft gab, die sehr wohl in der Lage waren, seine dünnen und an den entscheidenden Stellen nicht nachhaltigen Konzepte zu durchschauen. Das Schwadronieren von einem „Chemiepark Bleicherode“ ist ein Beispiel dafür. Ein „Chemiepark“ ersetzt nicht grundsolides Vorgehen bei Gewinnung und Verarbeitung im Prozeß. Daß hier im ersten Jahr bereits Entscheidendes versäumt wurde, belegt der Produktionseinbruch bei Kali um 30 Prozent seit Beginn dieses Jahres. Dies ist nicht in erster Linie der alten Geschäftsführung anzulasten, sondern den nach Antritt von Herrn Kerl ausgebliebenen Sanierungs- und Ersatzinvestitionen. Erst wenn diese Fragen nachhaltig und nach allgemein anerkannten Standards entsprechend gelöst sind, kann auch ein Chemiepark wahrscheinlich werden. Sonst bleibt ein solches hohles Gerede.

Falls sich diese Grundposition nicht ändert, bleibt dem Betriebsrat nichts anderes übrig, als für die Einhaltung von Recht und Gesetz weiter vor Gericht zu sorgen, wie er das mit Erfolg bereits getan hat. Eine 42-Stunden-Woche ist untersagt und der Tarifvertrag ist einzuhalten.

Falko Kauf, Betriebsratsvorsitzender Deusa International GmbH
Autor: nnz

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