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Mauer durchbrochen

Freitag, 25. April 2008, 23:40 Uhr
Die Studiobühne der pro vita Akademie am Hagen war proppevoll als heute Abend kurz nach 20 Uhr die ersten Takte von "The Wall" der englischen Kultrockband Pink Floyd erklangen und ein bemerkenswerter Theaterabend seinen Anfang nahm.

The Wall (Foto: Pro Vita) The Wall (Foto: Pro Vita)

Nichts Einfacheres als das Meisterwerk „The Wall“ erkor sich die Erzieherklasse 06/2 der Nordhäuser Privatschule, um daraus laut Programmheft „Eine Interpretation!“ zu machen. Die Frage war, ob es den angehenden Pädagogen gelingen würde, die Mauer der skeptischen Erwartungen zu durchbrechen.

Schon nach wenigen Minuten war das Publikum verblüfft, am Ende regelrecht begeistert von dem, was die Auszubildenden da auf die Bühne gebracht hatten.

Das war modernes, pantomimisches Bewegungstheater von Laien dargeboten, aber mit einer Verve und Intensität, die einer Profitruppe würdig gewesen wäre. Über 90 Minuten hielten die Darsteller eine Spannung, die zum Greifen nahe war und im Raum knisterte. Allen voran die beiden Hauptdarstellerinnen Anja Teichmann als weiblicher Pink und Nicky Fischer als mephistophelische Antreiberin und Verführerin.

Der Lebensweg der Pink steht im Mittelpunkt der Handlung. Mit eindrucksvollen Bildern voller Klarheit und Verständlichkeit gelingt es dem Ensemble Szenen von Freude, Wut, Ausgrenzung, Brutalität und Angst zu gestalten, ohne dass ein Wort gesprochen werden muss. Pink erlebt viele herbe Rückschläge, gerät auf die schiefe Bahn, bietet ihren Körper an, nimmt Drogen, lässt sich verführen und wird als Diktator zum Massenverführer. Immer wieder steht die unbarmherzige Mauer des Lebens, die es zu zerbrechen gilt und von Pink schlussendlich im Raum verteilt wird.

In den verschiedensten Rollen treten die jungen Leute auf und tanzen und bewegen sich souverän und unverkrampft in ihrem selbst erschaffenen Bühnenbild und den eigenen Kostümen. Neben Anja und Nicky sind es die folgenden 15 angehenden Erzieher, die es verdient haben, hier namentlich genannt zu werden:

Daniela Dietrich, Nancy Drechsler, Katarina Eife, Stefanie Fichtner; Christina George, Carolin Götzl, Kerstin Jonscher, Rainer Kasten, Christin Müller, Boris Neef, Alexandra Rettig, Stephanie Schmidt, Stefanie Wiener, Anita Wilschewski, Daniela Zöllner.

Grundvoraussetzung für eine solche beeindruckende Leistung ist der Fleiß und Wille der ganzen Erzieherklasse gewesen und eine professionelle Anleitung durch ihren Tanztherapie-Lehrer Uwe Rüdiger.

Der ist allerdings kein Laie, sondern war 14 Jahre als Solotänzer am Nordhäuser Theater engagiert und weiß genau, was er tut. Sensibel und doch mit großzügig langer Leine hat er die jungen Leute das Werk über 18 Monate entwickeln lassen, hat mit ihnen Höhen und Tiefen, Freuden und Leid durchlebt. „Ursprünglich“, so erzählt Uwe Rüdiger, „wollten wir nur die Lehrerszene („We don`t need no education“) machen. Damit waren wir so schnell fertig und es hat der Klasse solchen Spaß gemacht, dass wir erst eine zweite, dann eine dritte Szene und schließlich die ganze Rockoper erarbeiteten.“

Mächtig stolz sei er auf seine Klasse, die sich außerhalb des Unterrichts regelmäßig wöchentlich traf und nach einem richtigen Theaterprobenplan ihre Nummern einstudierte. „Es soll Wohnheime geben, da können die Bewohner inzwischen keinen Takt Pink Floyd mehr hören“, sagt Rüdiger lachend. Und mit jeder Klasse könne man so etwas nicht veranstalten, das sei schon ein besonderer Glücksfall, wenn alle so begeistert mitziehen.

Die Erleichterung ist ihm anzumerken an diesem Abend, der wohl für alle Beteiligten unvergesslich bleiben wird. „Sie haben durch dieses Projekt alle an Persönlichkeit gewonnen“, freut sich auch die Schulleiterin Frau Triebel, die sich in der Richtigkeit ihres Ausbildungsfaches Tanztherapie bestätigt sieht.

Unterstützt wurden die jungen Leute von der Kreissparkasse Nordhausen, der Commerzbank Nordhausen, der Firma NEWE und der Firma Gebäudeentkernung Merseburg.

Zwei weitere Vorstellungen am 7. Mai um 19 Uhr und am 23. Mai um 19.30 Uhr sind erst einmal angesetzt. Insgeheim hofft Uwe Rüdiger aber auf sieben Aufführungen.

„Das ist doch auch ein tolles Thema für Schulen“, regte Sparkassenchef Wolfgang Asche an, der unter den Premierenbesuchern war, die lang anhaltenden freundlichen Applaus spendeten.

Den hatten sich die jungen Leute aber auch wirklich verdient. nnz gratuliert jedenfalls zu dieser couragierten Leistung, die hoffentlich noch viele Vorstellungen und zufriedene Besucher erleben wird.
Olaf Schulze
Autor: osch

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