Soll die Goldene Aue versilbert werden? nnz-Interview mit Dieter Göbel
Freitag, 24. November 2000, 10:32 Uhr
Nordhausen (nnz). Die Wellen schlagen hoch in der Goldenen Aue - bei den Landwirten, aber auch bei den anderen Bürgern der umliegenden Gemeinden. Auf einem 105 Hektar großen Gebiet entlang der Bundesstraße B80 von Bielen bis Urbach möchte der Planungsverband "Industriegebiet Goldene Aue/Windehausen" ein Industriegebiet ansiedeln. Das Argument, damit Arbeitsplätze in der Region zu schaffen, steht auf wackligen Füßen. Investoren sind bisher noch nicht in Sicht, die auf dem umstrittenen Areal Betriebe errichten wollen - oder enthält man der Bevölkerung diese nur vor, um erst alles unter Dach zund Fach zu haben. Hartnäckig halten sich Gerüchte, von 80 m hohen Schornsteinen, die die verpestete Luft bei ungünstigem Wind bis in den staatlich anerkannten Kurort Neustadt tragen. Auch von starker Lärmbelastung wird gemunkelt. Die Meinungen um dieses Industriegebiet gehen sehr weit auseinander, die Debatten darüber verschärfen sich. Mit Dieter Göbel, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Nordhausen e.V., führte nnz-Mitarbeiter Rainer Hellberg über die Problematik Industriegebiet Goldenen Aue nachfolgendes Gespräch.
nnz: Herr Göbel, das geplante Industriegebiet entlang der Bundesstraße B80 zwischen Bielen und Urbach erregt seit Wochen die Gemüter. Sie gehören zu den Gegnern dieses Vorhabens. Weshalb?
Göbel: Ich gehöre selbstverständlich zu den Gegnern des geplanten Industriegebietes. Die Landwirtschaft hat in den zurückliegenden Jahren schon viel zu viel Fläche verloren. Wir haben damals beim Bau der Autobahn eingesehen, daß es zu Flächenentzug kommen muß. Bezüglich dieses Industriegebietes kann man nur dagegen sein, weil einige Leute ohne diejenigen Planungen gemacht haben, die durch Flächenentzug betroffen sind. Das sind ganz konkret die Eigentümer, aber insbesondere die Landpächter. Es gibt in Nordhausen und Umgebung genügend Flächen, die für Industrieansiedlungen genutzt werden können, beispielsweise das alte Nobas-Gelände und das Areal am alten Heizwerk. Dort sind große Flächen vorhanden, die sich für die Industrieansiedlung hervorragend eignen, da sie unter anderem Gleisanschluß besitzen. Ich denke, daß die Leute, die in der Verantwortung stehen, sich diesbezüglich mehr Gedanken darüber machen müßten. Außerdem möchte ich an die bestehenden und bereits erschlossenen Gebiete in und um Nordhausen und in Bleicherode erinnern. Die haben viel Geld gekostet, nur Investoren fehlen.
nnz: Sind die Landwirte und die Bewirtschafter oder der Kreisbauernverband Nordhausen zu Planungen im Raum der Goldenen Aue gehört worden?
Göbel:Im Rahmen der Auslegung des regionalen Raumordnugsplanes haben wir im Mai 1998 zur Ausweisung der weißen Flächen - gekennzeichnet nördlich von Bielen bis Windehausen - Stellung bezogen und unsere Bedenken geäußert. Im September 2000 im Rahmen der Auslegung des Bebauungsplanes 01 - Industriegebiet Goldene Aue des Planungsverbandes Industriegebiet Goldene Aue/ Windehausen - wurden diese Bedenken von uns wiederholt vorgebracht. Zu beiden Verfahren ist bis heute keine Antwort erfolgt. Wir müssen davon ausgehen, daß unsere Bedenken überhaupt nicht abgewogen wurden und deshalb fordern wir jetzt im Nachhinein, eine Abwägung unserer damals vorgebrachten Bedenken von der zuständigen Fachbehörde des Landesverwaltungsamtes Thüringen zu diesem Verfahren.
nnz: Von seiten der Befürworter wird ins Feld geführt, daß es sich bei diesem Gebiet um minderwertigen und überdüngten Boden handelt. Ihr Kommentar dazu?
Göbel: Ich kann dazu nur sagen, daß diejenigen, die sich als Befürworter der Industrieansiedlung in der Goldenen Aue präsentieren, nichts mit Landwirtschaft zu tun haben und keine landwirtschaftlichen Vorkenntnisse besitzen.
Es ist auch bedauerlich, daß sich die Oberbürgermeisterin von Beratern umgibt, die scheinbar nichts von Landwirtschaft verstehen, denn anders kann ich mir die Äußerungen zur Landwirtschaft und der Bodenfruchtbarkeit nicht erklären. Sie hätte uns als ortsansässige Landwirte zu dieser Thematik fragen können. Es ist allgemein bekannt, daß die Goldenen Aue die wertvollsten Böden hat und deshalb besonders geeignet ist, intensive Landwirtschaft zu betreiben. Die Landwirt haben über Generationen hinweg mit guter fachlichen Praxis alles dafür getan, die Felder fruchtbar zu halten. Die Flora und Fauna, die sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat und heute so schützenswert ist, hat sich erst durch die Arbeit der Landwirte entwickelt. Ohne nachhaltige Landwirtschaft wäre diese einzigartige Pflanzen- und Tierwelt dort nie entstanden!
nnz: Ein Hauptargument der Befürworter des Industriegebietes ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Werden dadurch aber nicht auch Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichtet?
Göbel: Mir ist nicht bekannt, daß es potentielle Investoren gibt, die sich auf den geplanten 105 Hektar ansiedeln wollen. Wenn kein Investor vorhanden ist, gibt es auch keine Arbeitsplätze! Mit dem Argument der Schaffung von Arbeitsplätzen sollte man sehr vorsichtig sein. Bisher hat sich der Planungsverband weder zur Art der Industrie noch zur Anzahl der zu erwartenden Arbeitsplätze positioniert. Was soll dann dieses Industriegebiet in der Goldenen Aue. Will man hier neue beleuchtete Wiesen und Äcker schaffen? Davon haben wir in und um Nordhausen schon genug! Natürlich entstehen der Landwirtschaft durch entsprechendem Entzug von Flächen, die besonders für Sonderkulturen wie Kartoffeln geeignet sind, ein Arbeitskräfteverlust. Davon ist aber bei den Befürwortern keine Rede.
nnz: Stimmt es, daß einigen Landeigentümern hinter dem Rücken der Bewirtschafter mit Enteignung gedroht wurde, wenn sie ihr Land nicht verkaufen?
Göbel: Die Frage kann ich mit ja beantworten. Es ist bekannt, daß insbesondere durch Mitarbeiter der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) großer Druck auf Landeigentümer ausgeübt wurde, was darauf hinauslaufen sollte, diese zu enteignen.
nnz: Sie sind selbst praktizierender Landwirt. Wie sehen Sie die Zunkunft der Landwirtschaft in unserer Region?
Göbel: Landwirtschaft gehört zu einem der vielseitigsten und interessantesten Wirkungsbereichen auf der Erde. Leider haben wir Landwirte in den vergangenen Jahren die negativen Seiten unserer Tätigkeit besser kennengelernt. Wir leben in einer Zeit, in der die Wertschätzung der Nahrungsmittel täglich abnimmt. Viele Menschen in unserem Land kenne Hunger nicht mehr. Lebensmittel kommen aus dem Supermarkt und der direkte Bezug zur Produktion und der Landwirtschaft geht verloren. Ich sehe aber trotz alledem die Zukunft der Landwirtschaft in unserer Region positiv, wenn es uns gelingt, die jeglichem Flächenentzug entgegenzuwirken. Der Scheunenhof ist nicht ohne Grund lokaler Agenda 21-Standort. Unser erklärtes Ziel ist die Stärkung der Rolle der Bauern!
Herr Göbel, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
Autor: rhnnz: Herr Göbel, das geplante Industriegebiet entlang der Bundesstraße B80 zwischen Bielen und Urbach erregt seit Wochen die Gemüter. Sie gehören zu den Gegnern dieses Vorhabens. Weshalb?
Göbel: Ich gehöre selbstverständlich zu den Gegnern des geplanten Industriegebietes. Die Landwirtschaft hat in den zurückliegenden Jahren schon viel zu viel Fläche verloren. Wir haben damals beim Bau der Autobahn eingesehen, daß es zu Flächenentzug kommen muß. Bezüglich dieses Industriegebietes kann man nur dagegen sein, weil einige Leute ohne diejenigen Planungen gemacht haben, die durch Flächenentzug betroffen sind. Das sind ganz konkret die Eigentümer, aber insbesondere die Landpächter. Es gibt in Nordhausen und Umgebung genügend Flächen, die für Industrieansiedlungen genutzt werden können, beispielsweise das alte Nobas-Gelände und das Areal am alten Heizwerk. Dort sind große Flächen vorhanden, die sich für die Industrieansiedlung hervorragend eignen, da sie unter anderem Gleisanschluß besitzen. Ich denke, daß die Leute, die in der Verantwortung stehen, sich diesbezüglich mehr Gedanken darüber machen müßten. Außerdem möchte ich an die bestehenden und bereits erschlossenen Gebiete in und um Nordhausen und in Bleicherode erinnern. Die haben viel Geld gekostet, nur Investoren fehlen.
nnz: Sind die Landwirte und die Bewirtschafter oder der Kreisbauernverband Nordhausen zu Planungen im Raum der Goldenen Aue gehört worden?
Göbel:Im Rahmen der Auslegung des regionalen Raumordnugsplanes haben wir im Mai 1998 zur Ausweisung der weißen Flächen - gekennzeichnet nördlich von Bielen bis Windehausen - Stellung bezogen und unsere Bedenken geäußert. Im September 2000 im Rahmen der Auslegung des Bebauungsplanes 01 - Industriegebiet Goldene Aue des Planungsverbandes Industriegebiet Goldene Aue/ Windehausen - wurden diese Bedenken von uns wiederholt vorgebracht. Zu beiden Verfahren ist bis heute keine Antwort erfolgt. Wir müssen davon ausgehen, daß unsere Bedenken überhaupt nicht abgewogen wurden und deshalb fordern wir jetzt im Nachhinein, eine Abwägung unserer damals vorgebrachten Bedenken von der zuständigen Fachbehörde des Landesverwaltungsamtes Thüringen zu diesem Verfahren.
nnz: Von seiten der Befürworter wird ins Feld geführt, daß es sich bei diesem Gebiet um minderwertigen und überdüngten Boden handelt. Ihr Kommentar dazu?
Göbel: Ich kann dazu nur sagen, daß diejenigen, die sich als Befürworter der Industrieansiedlung in der Goldenen Aue präsentieren, nichts mit Landwirtschaft zu tun haben und keine landwirtschaftlichen Vorkenntnisse besitzen.
Es ist auch bedauerlich, daß sich die Oberbürgermeisterin von Beratern umgibt, die scheinbar nichts von Landwirtschaft verstehen, denn anders kann ich mir die Äußerungen zur Landwirtschaft und der Bodenfruchtbarkeit nicht erklären. Sie hätte uns als ortsansässige Landwirte zu dieser Thematik fragen können. Es ist allgemein bekannt, daß die Goldenen Aue die wertvollsten Böden hat und deshalb besonders geeignet ist, intensive Landwirtschaft zu betreiben. Die Landwirt haben über Generationen hinweg mit guter fachlichen Praxis alles dafür getan, die Felder fruchtbar zu halten. Die Flora und Fauna, die sich im Laufe der Jahre herausgebildet hat und heute so schützenswert ist, hat sich erst durch die Arbeit der Landwirte entwickelt. Ohne nachhaltige Landwirtschaft wäre diese einzigartige Pflanzen- und Tierwelt dort nie entstanden!
nnz: Ein Hauptargument der Befürworter des Industriegebietes ist die Schaffung von Arbeitsplätzen. Werden dadurch aber nicht auch Arbeitsplätze in der Landwirtschaft vernichtet?
Göbel: Mir ist nicht bekannt, daß es potentielle Investoren gibt, die sich auf den geplanten 105 Hektar ansiedeln wollen. Wenn kein Investor vorhanden ist, gibt es auch keine Arbeitsplätze! Mit dem Argument der Schaffung von Arbeitsplätzen sollte man sehr vorsichtig sein. Bisher hat sich der Planungsverband weder zur Art der Industrie noch zur Anzahl der zu erwartenden Arbeitsplätze positioniert. Was soll dann dieses Industriegebiet in der Goldenen Aue. Will man hier neue beleuchtete Wiesen und Äcker schaffen? Davon haben wir in und um Nordhausen schon genug! Natürlich entstehen der Landwirtschaft durch entsprechendem Entzug von Flächen, die besonders für Sonderkulturen wie Kartoffeln geeignet sind, ein Arbeitskräfteverlust. Davon ist aber bei den Befürwortern keine Rede.
nnz: Stimmt es, daß einigen Landeigentümern hinter dem Rücken der Bewirtschafter mit Enteignung gedroht wurde, wenn sie ihr Land nicht verkaufen?
Göbel: Die Frage kann ich mit ja beantworten. Es ist bekannt, daß insbesondere durch Mitarbeiter der Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) großer Druck auf Landeigentümer ausgeübt wurde, was darauf hinauslaufen sollte, diese zu enteignen.
nnz: Sie sind selbst praktizierender Landwirt. Wie sehen Sie die Zunkunft der Landwirtschaft in unserer Region?
Göbel: Landwirtschaft gehört zu einem der vielseitigsten und interessantesten Wirkungsbereichen auf der Erde. Leider haben wir Landwirte in den vergangenen Jahren die negativen Seiten unserer Tätigkeit besser kennengelernt. Wir leben in einer Zeit, in der die Wertschätzung der Nahrungsmittel täglich abnimmt. Viele Menschen in unserem Land kenne Hunger nicht mehr. Lebensmittel kommen aus dem Supermarkt und der direkte Bezug zur Produktion und der Landwirtschaft geht verloren. Ich sehe aber trotz alledem die Zukunft der Landwirtschaft in unserer Region positiv, wenn es uns gelingt, die jeglichem Flächenentzug entgegenzuwirken. Der Scheunenhof ist nicht ohne Grund lokaler Agenda 21-Standort. Unser erklärtes Ziel ist die Stärkung der Rolle der Bauern!
Herr Göbel, wir bedanken uns für dieses Gespräch.
