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Vorgetragen

Dienstag, 22. April 2008, 08:35 Uhr
Viele Vereine arbeiten im Vereinshaus Thomas Mann, viele Vorträge sind da zu hören. nnz-Leser Hans-Georg Backhaus hatte sich in der vergangenen Woche einen davon angehört...


Vor Jahren hatte sich die Stadtverwaltung Nordhausen des früheren Domizils des Deutschen Kulturbundes in der Wilhelm-Nebelung-Straße 39 angenommen und nach Sanierung und Neustrukturierung das "Vereinshaus Thomas Mann" den Bürgern für vielfältige kulturelle Tätigkeiten zur Verfügung gestellt. Vereine, Gruppierungen und Parteien nutzen seither dieses Gebäude gerne für Zusammenkünfte und Feierlichkeiten.

Mit Beginn des Jahres 2006 hat nun auch die kleine Nordhäuser jüdische Gemeinde "Schalom" hier eine Heimstatt gefunden. Sie zählt gegenwärtig etwa 30 Mitglieder. Von Zeit zu Zeit lädt sie sich Referenten zu aktuellen oder historischen Themen ein. Kürzlich war Kreiskatechet i. R. Herbert Gerhardt zu Gast. In seinem über einstündigen Vortrag berichtete er vor äußerst interessiertem Publikum über "Die Geschichte der Juden in der DDR".

Schon zu Beginn seiner Ausführungen war zu spüren, dass Gerhardt ein ausgezeichneter Kenner der Materie ist. Er hatte mit allen Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in der DDR persönliche Begegnungen. Insgesamt gab es sechs Gemeinden. Sie hatten ihre Sitze in Schwerin, Berlin, Magdeburg, Halle, Dresden und Erfurt. Als Kirchenmann und politisch interessierter wie engagierter Bürger (er war Mitglied der CDU und saß für seine Partei u.a. mit Nachwende-Bürgermeister Dr. Manfred Schrödter mehrere Jahrzehnte im Nordhäuser Kreistag) hat sich der Referent schon sehr frühzeitig mit der Situation der jüdischen Bürger im Nachkriegsdeutschland beschäftigt. Nach dem verlorenen Krieg war zunächst Aufräumen angesagt. Nicht nur die durch die Bombardements deutscher Städte entstandenen Schuttberge, auch der politische Unrat aus der Nazizeit musste bei Seite geräumt werden. Neuorientierung der Deutschen in Ost wie in West stand auf der Tagesordnung und der tägliche Kampf um die Existenzsicherung.

Und was war mit den Juden? Diejenigen, die die KZs überlebt hatten oder rechtzeitig ins Exil gegangen waren, suchten nach einer neuen Heimat. Manche kamen ins besetzte Deutschland zurück. Nicht selten stellten sich viele von ihnen die Frage, kann dieses Land wieder zur Heimat werden? Nicht alle trauten den ehemals Reichsdeutschen und den Siegermächten, die Deutschland inzwischen besetzt hielten und wichtige politische und wirtschaftliche Entscheidungen zu treffen hatten. Der Argwohn saß verständlicherweise tief, und so wanderten viele von ihnen nach Israel aus, an dessen Gründung im Jahre 1948 auch die Sowjetunion bedeutenden Anteil hatte. Dieser Umstand fand übrigens später aus politisch-taktischen Gründen kaum noch Erwähnung oder geriet in Vergessenheit.

Im selben Jahr wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet. 1949 schließlich folgte die Gründung der Deutschen Demokratischen Republik. Schon bald wurden unterschiedliche Sichtweisen und Einstellungen der Ost- und Westdeutschen zu ihren jüdischen Mitbürgern erkennbar. Deutlich wurde dies vor allem während des Prozesses der Neu- bzw. Wiedergründung von Parteien in der BRD und der DDR. Nicht wenige Juden gehörten während des Dritten Reiches der SPD an. In Ostdeutschland wurden durch die Vereinigung von KPD und SPD zur SED – ob gewollt oder nicht - viele jüdische Bürger zu Mitgliedern der SED. Doch durch gemeinsam erlebtes Leid war ein gewisses Vertrauensverhältnis vorhanden, das unterschiedliche politische Sichtweisen zunächst in den Hintergrund rücken ließ. Doch die SED hatte sich den Atheismus auf ihre Fahnen geschrieben, und so blieben Konflikte auf Dauer nicht aus. Der DDR-Alltag aber erforderte pragmatische Handlungsweisen und Entscheidungen. Das sahen die Juden in der DDR wie auch die herrschende Partei so. Etwa 900 Mitglieder zählten die jüdischen Gemeinden in der gesamten DDR - ein überschaubarer Personenkreis.

Alsbald entschloss sich die DDR-Führung, das jüdische Leben zu fördern und somit auch zu finanzieren. Mittel aus dem Staatshaushalt erhielten fortan auch die Landesgemeinden. Die Kontakte beispielsweise zwischen der Thüringer Landesgemeinde und dem Rat des Bezirkes Erfurt waren so gut, dass in der Folge der Bau einen neuen Synagoge in der Bezirkshauptstadt ermöglicht wurde. Und in den Städten mit kleinen Gemeinden sorgte der Staat für entsprechende Gebetsräume. Bald gab es das 28 Seiten starke und vierteljährlich erscheinende „Jüdische Nachrichtenblatt in der DDR“. So war Kommunikation gesichert. Ein neuer Chor, der oft auch im DDR-Rundfunk zu hören war, bereicherte das jüdische Leben nachhaltig.

Während das 1. Programm von Radio DDR den christlichen Kirchen immer sonntags Raum für religiöse Feiern gab, war es dem Berliner Rundfunk vorbehalten, alle 14 Tage eine Sabbat-Feier zu senden. Doch die Jüdischen Gemeinden hatten Nachwuchssorgen. Etwa 15 Kinder waren gerade mal zu betreuen und mit dem jüdischen Leben vertraut zu machen. Sie waren in der gesamten DDR verstreut. Damit sich die Kinder wenigstens einmal im Jahr begegnen konnten, ermöglichte die DDR –Führung nach langwierigen Gesprächen die Errichtung eines Ferienlagers an der Ostsee.

Doch von fortwährenden unbeschwerten Zeiten für die jüdischen DDR-Bürger konnte keine Rede sein. Der sowjetische Staats- und Parteichef Stalin startete eine antijüdische Kampagne, die auch andere sozialistischen Staaten erreichte und von der auch die DDR schon wegen ihrer „brüderlichen Verbundenheit zur Sowjetunion“ nicht verschont blieb. Judenwitze wurden gezielt in die Welt gesetzt oder antijüdische Karikaturen veröffentlicht.

Auch wenn es in den folgenden Jahren immer wieder Versuche gab, jüdische Mitbürger auf die eine oder andere Weise zu entwürdigen, so konnten doch stets auch Erfolge erzielt werden. Da die Juden ihre eigene Zeitrechnung haben, kam ein jüdischer Kalender heraus, und in Ostberlin wurde die Jüdische Bibliothek eingerichtet. Für den geistlichen Nachwuchs entsendete man junge Männer auf die Rabbiner-Schule nach Ungarn. Nach der Wende mussten auch die jüdischen Bürger eine schmerzliche Erfahrung machen: Auch ihre Gemeinden waren durch Stasispitzel unterwandert gewesen.

Überhaupt war antisemitisches Gedankengut in der DDR-Zeit immer gegenwärtig –mal mehr mal weniger offen. Herbert Gerhardt berichtete von einem Ereignis, dass ihn bis heute beschäftigt: Unmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg der Israelis gegen Ägypten 1966 musste es gewesen sein. Im Nordhäuser Kreistag sollte eine Entschließung gegen Israel verabschiedet werden. Es kam ohne vorherige Debatte zur Abstimmung. Die CDU-Mitglieder Herbert Gerhardt und Dr. Manfred Schrödter hoben weder bei „Ja“ noch bei „Gegenstimmen“ ihre Hand. Sie wollten sich der Stimme enthalten. Doch danach wurde einfach nicht gefragt. Gerhardt war verwundert, scheute sich aber nachzufragen. Bis heute schämt er sich dafür.

Unmittelbar nach der Machtübernahme durch den Staatsratsvorsitzenden Erich Honecker 1973 war in der DDR eine verstärkte Berichterstattung über jüdisches Leben zu verzeichnen. Die beliebte Zeitung „Wochenpost“ aber auch das SED-Zentralorgan „Neuen Deutschland“ veröffentlichten groß aufgemachte Artikel. Die vom Schulbuch-Verlag Volk und Wissen Berlin heraus gegebenen Geschichtsbücher zeichneten sich durch große Breite und Sachlichkeit in den Abschnitten über das Judentum aus. Auch in der Rolandstadt wurden von Kirchenleitungen und den politisch Verantwortlichen hoffnungsvolle Zeichen gesetzt.

Auf Anregung des evangelischen Pfarrkonvents und mit tatkräftiger Unterstützung durch den Nordhäuser Bürgermeister Peter Heiter (Mitglied der SED) konnte am 9. November 1988 ein Gedenkstein für die durch die Nazis verfolgten und ermordeten Juden eingeweiht werden. Er befindet sich unweit der einstigen prachtvollen Nordhäuser Synagoge. Seit dieser Zeit treffen sich an dieser Stelle immer am 9. November die Südharzer, um der jüdischen Opfer zu gedenken.
Hans-Georg Backhaus
Autor: nnz

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