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Buchbilder-Bilderbücher

Dienstag, 15. April 2008, 07:51 Uhr
Am 16. April 2008 ist es 73 Jahre her, dass im Dorf Limlingerode ein Mädchen im damaligen Pfarrhaus geboren wurde, das den Namen Ingrid Bernstein trug, das als junge Frau in Halle Biologie studierte, ihre Neigung zum Schreiben von Literatur entdeckte...


Die Frau verheiratete sich mit Rainer Kirsch, einem Lyriker, und legte sich das Pseudonym Sarah zu, als sie selbst veröffentlichte. Im Jahr 1965 gaben die Kirschs einen gemeinsamen Gedichtband heraus, „Gespräch mit dem Saurier“, mit acht farbigen Tafeln nebst Einband vom Künstler Ronald Paris, dessen Retrospektive „Lob des Realismus“ zur Zeit im Marstall im Schloss Sondershausen zu sehen ist. In der Bibliothek in Limlingerode gibt es seit kurzem das erwähnte Gedichtbuch, das Paris uns bei der Ausstellungseröffnung gern signierte. Vorher, im Gespräch mit dem Künstler Horst Peter Meyer aus Weimar, hatten wir erfahren, dass Ronald Paris 1964 ein Ölporträt der Kirschs geschaffen habe, das aber nicht mehr existiere. Das bedauerten wir, aber ... Wenige Tage später kam aus Weimar eine Ablichtung des Doppelporträts aus einem Katalog zu uns ins Haus.

Dank des fruchtbaren Wechselspiels von Literatur und Kunst spannen und spinnen sich so seit Jahren viele Fäden zu der „Dichterstätte Sarah Kirsch“ hin und von ihr hinaus ins Weite. Ein aktuelles Beispiel soll das verdeutlichen. Kürzlich holte ich für uns in der Humboldt-Universität in Berlin ein in mehrfacher Hinsicht gewichtiges Buch ab; es ist großformatig, enthält zahlreiche doppelfaltige Seiten, beschrieben mit Gedichten Sarah Kirschs, illustriert von 13 Studentinnen und Studenten im edlen Schwarzweiß. Hergestellt wurde das bibliophile Buch im Menzel-Dach der Humboldt-Uni. Dahinter verbergen sich mehrere für das Schaffen von Kunst eingerichtete Räume, genauer gesagt: das Seminar für künstlerisch-ästhetische Praxis der Universität. Es wird geleitet von Prof. Dr. Ruth Tesmar, einer sehr einfallsreichen Lehrmeisterin und Künstlerin.

Unsere Bekanntschaft rührt von ihren 19 Kunstblättern her, die sie im Jahr 2007 für die 10. „Limlingeröder Diskurse“ über das Werk von Sarah Kirsch schuf. Sie war so angetan von der Tätigkeit des Fördervereins, dass sie uns bat, im Menzel-Dach vor Studenten die Dichterin und ihre Beziehung zum Ort Limlingerode vorzustellen. Das geschah im Dezember 2007 vor sehr aufgeschlossenen jungen Damen und Herren. Dieser Vortrag war eingebettet in das Seminar „Buchbilder und Bilderbücher – Theoretische und praktische Aspekte von Literatur und bildender Kunst“. In dreizehn Lehrveranstaltungen gingen Theorie und Praxis Hand in Hand.

Das Menzel-Dach selbst besitzt das Werkzeug zum Drucken, Zeichnen, Malen, Collagenherstellen usw., dazu zahlreiche Anschauungsmittel wie Belletristik, Illustrierte Bücher für jedes Alter, Kunstbücher, Kunstdrucke, originale Kunstwerke u. a. Besonders förderlich für das Studium an originaler Kunst ist die Verbindung zum Kupferstichkabinett im Kunstforum in Berlin, eine der bedeutenden Sammlungen dieser Art in der Welt. Dort konnten die Studierenden, die sich zum Seminar gemeldet hatten, frühe Meisterleistungen der Buchkunst besehen, illuminierte Handschriften, Blockbücher, Inkunabeln, bis hin zur Buchkunst der Meister der Moderne. Ziel der Lehrveranstaltung war es, ein Buchobjekt mit dem Titel „Im Zwiegespräch: Künstler und Dichter“ zu schaffen.

Für das praktische Arbeiten wurden kleine Gruppen gebildet, denn zu den lyrischen Texten der Kirsch, die sich die jungen Leute ausgewählt hatten, sollten nun grafische Bilder erfunden werden. Mit Hilfe der Copy-Technik gelang das vom tiefen Schwarz hin zu unglaublich vielen Grautönen. Eingewoben wurde strahlendes Weiß. Mancher mochte es kompakt, ein anderer erarbeitete Filigranes. Der eine entwirft eine Grundform, die vielfach variiert wird, der andere orientiert sich an mehreren Formen, oft ineinander verwoben. Strenges und Verspieltes treten auf, so, wie es uns auch in den Gedichten Sarah Kirschs begegnet. Danke für dieses Buch-Kunstwerk, das auch die Dichterin besitzt.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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