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nnz-Doku (4) : Brief und Gebet

Dienstag, 30. April 2002, 12:58 Uhr
Nordhausen (nnz). In Hinblick auf die Ereignisse am Erfurter Gutemberg-Gymnasium hat der evangelische Kirchenkreis Südharz einen Brief an die Gemeinde, Einrichtungen und Mitarbeiter geschrieben. nnz veröffentlicht das Schreiben in seiner Doku-Reihe. Außerdem finden Sie den Text eines Gebets.


Liebe Schwestern und Brüder,

das Entsetzen und die Trauer um die Toten vom vergangenen Freitag im Johann-Gutenberg-Gymnasium in Erfurt lassen uns nicht zur Ruhe kommen. Wir denken an die unmittelbar Beteiligten und Betroffenen Schüler und Lehrer, Eltern und Polizisten, und wir sprechen unsere Klagen und unsere Fragen vor Gott aus.

Wir bitten Sie, in all den Gesprächen und Überlegungen dieser Tage den Forderungen nach schnellen Maßnahmen zu widerstehen. So sehr öffentliche Gewaltdarstellungen zu kritisieren sind, so bedenklich die massenhafte Verbreitung von Kleinwaffen ist, so viele Mängel wir in der pädagogischen Arbeit, in der Schulorganisation, aber ebenso in unserem Familienalltag und in unserer demokratischen Kultur finden mögen, so sehr wissen wir, daß immer wieder, auch unter guten Bedingungen und auch in uns selbst Hass aufsteigen und zerstörerische Kräfte sich ausbreiten können.

Wir nehmen die Bitte aus Erfurt auf und geben sie an Sie alle weiter: am kommenden Freitag, am 3. Mai um 12 Uhr sollen für 5 Minuten die Glocken in unseren Kirchen läuten. Vom Schulamt ist vorgeschlagen worden, zu dieser Zeit in Abstimmung zwischen den Schulen und den örtlichen Kirchengemeinden eine angemessene Form des Gedenkens zu suchen. Das kann ein Schweigen in der Schule während des Glockenläutens sein, oder eine geöffnete Kirche zu dieser Zeit, in der Kerzen zur Fürbitte entzündet werden können, das kann auch eine Andacht sein, die Religionslehrer oder Gemeindeglieder, Pfarrer und Schüler gemeinsam vorbereiten.

Wir bitten Sie alle, in Ihren Gebeten - persönlich oder am Freitag während des Geläuts oder in den Gottesdiensten am Sonntag - der toten Schüler und Lehrer, der Sekretärin und des Polizisten und ihrer Angehörigen, Kollegen und Freunde zu gedenken. Wir bitten Sie, in Ihren Gebete ebenso die Eltern, Freunde und Angehörigen von Robert Steinhäuser in ihrer Fassungslosigkeit und Trauer zu begleiten.

Lehrerinnen und Lehrer, Schülerinnen und Schüler bitten wir: bleiben Sie mit Ihrer Trauer und mit Ihrer Wut nicht allein, suchen Sie die Gelegenheit zum Gespräch und zur Beratung.

Das Gebet, das die Schulbeauftrage unseres Kirchenkreises, Pfarrerin Dorothee Land, aufgeschrieben hat, geben wir an Sie weiter.

Ihre
Petra Gunst, Präses der Kreissynode
Curt Stauss, Superintendent




Gebet

Mein Gott warum? Warum dieses Grauen?

Wir stehen vor dem Kreuz deines Sohnes Jesus Christus und begreifen nicht, was sich am vergangenen Freitag in Erfurt ereignet hat. Bittere Gewalt. Brutaler Tod. Die Macht des Bösen.

Mein Gott, wo warst du? Wie groß ist der Hass, wie tief die Verletzungen, dass ein Mensch mit 19 Jahren zu so einer Tat fähig ist?

Wir klagen dir die Menschen, die sterben mussten. Du kennst sie.

Wir klagen dir unsere Ohnmacht, unseren Zorn.

Wir bitten dich für Schülerinnen und Schüler und ihre Eltern, für Lehrerinnen und Lehrer, für alle Angestellten des Johann-Gutenberg-Gymnasium, für Einsatzkräfte, Polizisten, Ärzte, Sanitäter, Seelsorger, für alle die um Worte ringen, um das Leid nicht der Sprachlosigkeit zu überlassen, für alle die nun ein Leben lang mit den Bildern dieses Tages weiterleben müssen.

Wir flehen dich an, sei jetzt bei den Trauernden. Schick ihnen Menschen zur Seite, die aushalten, die zuhören, die einfach da sind.

Wir bringen zum Kreuz unsere Sehnsucht nach Trost, nach Hoffnung, nach einer Antwort, wie es weitergehen kann.

Wo es uns an Worten mangelt, da hör du jetzt in der Stille auf das, was unausgesprochen geblieben ist.

STILLE

Wir glauben: Eine Kraft bist du denen, die nach dir fragen.
So zeige dich mit deiner Kraft.
Wir rufen zu dir: Kyrie eleison
Autor: nnz

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