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Die Koexistenz des Unterschiedlichen

Montag, 18. Februar 2008, 07:47 Uhr
Am kommenden Samstag (23.2.), um 14.30 Uhr, laden die Mitglieder des Fördervereins "Dichterstätte Sarah Kirsch" Limlingerode alle Freunde des dichterischen Wortes zu ihrer monatlichen Lesung in die Lange Reihe 11 ein. Im Mittelpunkt des Programms stehen...


...das lyrische Werk und poetische Prosaskizzen der 1921 in Wien geborenen Dichterin Ilse Aichinger. "Verschenkter Rat", so der Titel ihrer gesammelten Gedichte, die in den Jahren zwischen 1955 und 1978 entstanden. Die darin mit Wörtern gezeichnete Realität ist genau beobachtet und entzieht sich jeder hintergründigen Interpretation. Es ist ein Abenteuer, mit den Texten der Dichterin die Realität neu zu betrachten.

Man erlebt, wie uns das scheinbar Alltägliche plötzlich sonderbar fremd erscheint, weil es aus seinen gewohnten Zusammenhängen genommen wird. Dadurch verschieben sich unsere Wahrnehmungshorizonte. Bekanntes rückt ins Fremde und kann so völlig neu entdeckt werden, um, wie Ilse Aichinger es sagt, dem Undeutlichen unserer Zeit eine Kontur zu geben. Ihre Sprache entzieht sich dem System der Kausalität.

Die Sprachlogik folgt einer eigenen Grammatik, der Koexistenz des Unterschiedlichen: aus "Apfel-und Schneeresten ein Verhältnis herzustellen, das unaufhebbar ist." Gleich einem Haiku schwingt in ihrer Lyrik der Ton der Stille, das Licht eines fotografierten Augenblickes. Mit den Wörtern sind Farben, Gerüche und Schwingungen. Diese lassen unglaubliche Orte in unseren Erinnerungslandschaften auferstehen.

Neben dem Lyrischen wird am Samstag in Limlingerode auch Prosa Ilse Aichingers zu Wort kommen. "Unglaubwürdige Reisen", lautet der Titel ihres Buches, das 2005 bei Fischer erschienen ist. Zwischen September 2001 und Dezember 2004 hat sie für den Wiener "Standard" Reisefeuilletons geschrieben.

In diesen poetischen Texten unternimmt sie wundersame Streifzüge durch die Erinnerung. In der Atmosphäre des Wiener Kaffeehauses "Demel" verbindet sie schreibend die Gegenwart mit dem Vergangenen. "Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen", heißt es gleich zu Beginn. Nein, es zieht sie nicht in die Ferne, denn dort fände sie sich nicht wieder. Ilse Aichinger bleibt zu Hause, im Bekannten. Ihre virtuellen Reisen finden am Kaffeehaustisch im Kopf statt. Das Universum der eigenen Geschichte gilt es zu bereisen, um die Gegenwart zu begreifen, um "Präsenzen" zu schaffen.

Ilse Aichinger ist eine der bedeutendsten Autorinnen der Gegenwartsliteratur. Ihr Werk wurde mit zahlreichen Preisen geehrt.
Karin Kisker
Autor: nnz

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