Die Spirale dreht sich - nach unten
Montag, 28. Januar 2008, 08:58 Uhr
Über 80 Prozent der nnz-Leser empfinden es als ein Armutszeugnis des Staates, wenn die Politik für das Essen von Schülern Spenden sammeln will und muß. Die nnz hat jetzt noch andere Zahlen die belegen, daß die viel beschriebene Kinderarmut mitten unter uns ist.
Vielleicht erbarmt sich die Ärzteschaft dieses Landkreises ja für die hilfsbedürftigen Kinder in diesem Landkreis. Landrat Joachim Claus (CDU) warb am Samstag zum Ärzteball für seine Spendenaktion zugunsten eines Schulessens in den Grundschulen und Förderzentren. Vielleicht ging der Landrat davon aus, daß diejenigen, die 75 Euro für eine Abendkarte übrig haben, auch für hungernde Kinder ihr Herz, genauer gesagt, ihre Geldbörse nicht verschließen.
Reiches Land – arme Kinder. Das ist für die zweite Beigeordnete des Landkreises, Loni Grünwald (LINKE) längst kein abgedroschener Slogan. Grünwald geht davon aus, das mittlerweile jedes vierte Kind zwischen Rothesütte und Kleinfurra in Armut lebt. Statistisch gesehen sind es fast 2.900 Kinder, die auf eine staatliche Unterstützung angewiesen sind. Erwachsene können sich gegen die Armut wehren, Kinder sind ihr hilflos ausgeliefert, so die zweite Beigeordnete. Die Hilflosigkeit kann kaum in Zahlen gefaßt werden, was dieser Staat, dieses reiche Land jedoch den Kindern zugesteht, daß läßt sich konkret aussagen.
Nehmen wir eine alleinstehende Frau mit einem 13 Jahre alten Kind, eine Bedarfsgemeinschaft, weil die Mutter einfach keinen Job findet: Den beiden stehen als Regelleistung 555 Euro im Monat zu. Für Nahrung und Getränke, so die Gesetzesvorgabe, sind das 211 Euro, also etwa sieben Euro pro Tag. Freizeit und Kultur haben die Statistiker und die Politiker, die ihnen per Gesetzgebung gefolgt sind, nicht vergessen: Es sind 2,03 Euro je Tag, für Mutter und Kind. Für die Gesundheitspflege sind es täglich 74 Cent, die beiden zur Verfügung stehen. Die Zahlen ließen sich noch weiter herunterbrechen.
Fakt ist, Mutter und Kind befinden sich in einem Teufelskreislauf, aus dem sie vermutlich nicht herauskommen. Die Folgen für das Kind sind dramatisch: Kaum Teilhabe an einem Vereinsleben, keine Möglichkeit für Kino- oder Theaterbesuche, an einen Urlaub dürfen diese Kinder nicht einmal denken, Besuche in beliebten Fast-Food-Restaurants gänzlich tabu. Soziokulturell bleiben diese Kinder und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft. Die Hilfsprogramme, die gesetzlichen Möglichkeiten reichen gerade dazu, die Kinder vor einer Verelendung oder Verwahrlosung zu bewahren. Nicht weniger, vor allem aber: nicht mehr.
Da sind solche Initiativen wie die des Landrates zwar gut, vor allem, weil sich nicht unmittelbar vor Wahlen gestartet wurden, sie greifen jedoch nicht weit genug. Beispiel Kindergarten. Loni Grünwald und ihre Mitarbeiter in Jugend- und Sozialbereich wissen von zahlreichen Abmeldungen aus Kindergärten, weil viele sozialschwache Eltern das Essengeld nicht aufbringen können. Die monatlichen Beiträge für den Aufenthalt in den Einrichtungen werden vom Amt bezahlt, es reicht privat einfach nicht fürs Essen. Also müßte die Landrats-Initiative auch für diese Kinder greifen und so werden aus 400.000 Euro schnell mal 500.000, vielleicht auch 600.000 Euro.
Dennoch: Das Problem bleibt, weil es ein gesamtgesellschaftliches ist. Es ist auch ein Verteilungsproblem, bei dem sich allerdings rasend schnell die Relationen ändern, selbst im Unten. Ging die Zahl der erwachsenen Hilfebedürftigen von Ende 2005 zu Ende 2007 im Landkreis Nordhausen um rund 1.000 Frauen und Männern zurück, so ist der Rückgang bei Kindern und Jugendlichen um 117 gerade zu als lächerlich zu konstatieren. Das statistische Lachen jedoch wird den Politikern in einigen Jahren im Halse stecken bleiben. Die Folgen der aktuellen Situation bei Kindern sind heute noch nicht abzusehen. Wer jedoch in die Glaskugel schaut, der wird sich erschrecken.
Autor: nnzVielleicht erbarmt sich die Ärzteschaft dieses Landkreises ja für die hilfsbedürftigen Kinder in diesem Landkreis. Landrat Joachim Claus (CDU) warb am Samstag zum Ärzteball für seine Spendenaktion zugunsten eines Schulessens in den Grundschulen und Förderzentren. Vielleicht ging der Landrat davon aus, daß diejenigen, die 75 Euro für eine Abendkarte übrig haben, auch für hungernde Kinder ihr Herz, genauer gesagt, ihre Geldbörse nicht verschließen.
Reiches Land – arme Kinder. Das ist für die zweite Beigeordnete des Landkreises, Loni Grünwald (LINKE) längst kein abgedroschener Slogan. Grünwald geht davon aus, das mittlerweile jedes vierte Kind zwischen Rothesütte und Kleinfurra in Armut lebt. Statistisch gesehen sind es fast 2.900 Kinder, die auf eine staatliche Unterstützung angewiesen sind. Erwachsene können sich gegen die Armut wehren, Kinder sind ihr hilflos ausgeliefert, so die zweite Beigeordnete. Die Hilflosigkeit kann kaum in Zahlen gefaßt werden, was dieser Staat, dieses reiche Land jedoch den Kindern zugesteht, daß läßt sich konkret aussagen.
Nehmen wir eine alleinstehende Frau mit einem 13 Jahre alten Kind, eine Bedarfsgemeinschaft, weil die Mutter einfach keinen Job findet: Den beiden stehen als Regelleistung 555 Euro im Monat zu. Für Nahrung und Getränke, so die Gesetzesvorgabe, sind das 211 Euro, also etwa sieben Euro pro Tag. Freizeit und Kultur haben die Statistiker und die Politiker, die ihnen per Gesetzgebung gefolgt sind, nicht vergessen: Es sind 2,03 Euro je Tag, für Mutter und Kind. Für die Gesundheitspflege sind es täglich 74 Cent, die beiden zur Verfügung stehen. Die Zahlen ließen sich noch weiter herunterbrechen.
Fakt ist, Mutter und Kind befinden sich in einem Teufelskreislauf, aus dem sie vermutlich nicht herauskommen. Die Folgen für das Kind sind dramatisch: Kaum Teilhabe an einem Vereinsleben, keine Möglichkeit für Kino- oder Theaterbesuche, an einen Urlaub dürfen diese Kinder nicht einmal denken, Besuche in beliebten Fast-Food-Restaurants gänzlich tabu. Soziokulturell bleiben diese Kinder und Jugendlichen am Rand der Gesellschaft. Die Hilfsprogramme, die gesetzlichen Möglichkeiten reichen gerade dazu, die Kinder vor einer Verelendung oder Verwahrlosung zu bewahren. Nicht weniger, vor allem aber: nicht mehr.
Da sind solche Initiativen wie die des Landrates zwar gut, vor allem, weil sich nicht unmittelbar vor Wahlen gestartet wurden, sie greifen jedoch nicht weit genug. Beispiel Kindergarten. Loni Grünwald und ihre Mitarbeiter in Jugend- und Sozialbereich wissen von zahlreichen Abmeldungen aus Kindergärten, weil viele sozialschwache Eltern das Essengeld nicht aufbringen können. Die monatlichen Beiträge für den Aufenthalt in den Einrichtungen werden vom Amt bezahlt, es reicht privat einfach nicht fürs Essen. Also müßte die Landrats-Initiative auch für diese Kinder greifen und so werden aus 400.000 Euro schnell mal 500.000, vielleicht auch 600.000 Euro.
Dennoch: Das Problem bleibt, weil es ein gesamtgesellschaftliches ist. Es ist auch ein Verteilungsproblem, bei dem sich allerdings rasend schnell die Relationen ändern, selbst im Unten. Ging die Zahl der erwachsenen Hilfebedürftigen von Ende 2005 zu Ende 2007 im Landkreis Nordhausen um rund 1.000 Frauen und Männern zurück, so ist der Rückgang bei Kindern und Jugendlichen um 117 gerade zu als lächerlich zu konstatieren. Das statistische Lachen jedoch wird den Politikern in einigen Jahren im Halse stecken bleiben. Die Folgen der aktuellen Situation bei Kindern sind heute noch nicht abzusehen. Wer jedoch in die Glaskugel schaut, der wird sich erschrecken.
