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Aufgespürt (3): Der verliebte Kobold

Freitag, 25. Januar 2008, 09:15 Uhr
Sagen und Märchen haben seit eh und je die Menschen fasziniert. Auch im Landkreis Nordhausen haben Sagen ihren Ursprung. Die nnz ist auf eine interessante Entdeckungsreise gegangen.


Vor Zeiten lebte in Untergebra (Niedergebra) an der Hainleite ein Leineweber namens Göttling. Einst lag er noch im süßen Morgenschlummer auf seinem armseligen Lager, da vernahm er halb schlafend in aller Früh des Klipp-klapp, Klipp-klapp seines Webstuhles. Göttlich wachte von dem Lärm auf und sah mit Erstaunen, wie der Stuhl ohne menschliche Hilfe arbeitete und zwar so schnell und kunstgerecht, wie er es noch nie gesehen hatte. Ehe er sich noch von seinem Schock erholen konnte, flüsterte ihm ein feines Stimmchen zu: „Göttling, stehe auf, mache Spulen!“

Nun, wenn das so geht, denkt sich der arme Weber, so mag ich es wohl leiden. Unverdrossen spulte er mit seiner ganzen Familie den ganzen Tag an den schnurrenden Rädern, aber bei aller Mühe schafften sie kaum genug für den unsichtbaren Arbeiter. Der wurde gar nicht müde und lieferte das feinste Linnen. In der folgenden Nacht, als die Familienmitglieder sich von dem anhaltenden Spulen erholen wollten, ertönte es schon wieder wie am Tage zuvor ganz leise: „Göttling, stehe auf, mache Spulen.“ So ging es Tag für Tag. Verwundert sahen die Nachbarn das Vermögen des armen Webers sich schnell mehren.

Fünf Kühe, rund, mit strotzenden Eutern, blökten im Stall, im stattlichsten Anzug saß Göttling in der Schenke und ließ einen harten Taler nach dem anderen springen. Sein vormaliges, so armseliges und baufälliges Häuschen stand bald dem schönsten Bauerngute in nichts nach. Der Weber hatte eine holdselige Tochter, die hieß Marie. Ihresgleichen war nicht mehr zu finden in Gebra und in den Dörfern umher. Aber ihrem Vater, der nun schon ein reicher Mann war, stand keiner von den stattlichen Burschen an, die um das Mägdlein freiten.

Einst war Göttling mit seiner Frau nach Bleicherode zum Jahrmarkt gegangen, die schöne Marie aber plagten Vorwitz und Langeweile. Sie hätte gern gewusst, was für ein geheimnisvolles Wesen den rastlos arbeitenden Webstuhl regiert. Sie trat heran und betrachtete den sich bewegenden Webstuhl. Plötzlich spürte sie einen sanften eiskalten Händedruck. Erschreckt fuhr das Mädchen zurück. Doch dann fasste sich Marie ein Herz und fragte: „Bist du ein böser Geist?“ „Mitnichten“, erwiderte das unsichtbare Wesen. „Dann bist du ein guter Geist?“ „Mitnichten“, hieß es wiederum. „Was bist du dann?“ „Ein Mittelding, ein Mittelding!“ „Warum sieht man dich nicht?“ „Ich habe eine Kappe auf, die mich unsichtbar macht!“ „Wie kommst du ins Haus?“ „Die Butterbarbe hat mich hergebracht, die Butterbarbe aus Großberndten!“ und horchend vernimmt das Mädchen im Wisperton „Ich liebe dich, schöne Marie, ich liebe dich!“

Der arme Kobold war wirklich verliebt. Von nun an stand der Webstuhl zu mancher Stunde still, und der Marie säuselte es ins Ohr: „Ich liebe dich, schöne Marie!“ Das kam der Maid endlich nicht geheuer vor, und sie beklagte sich beim Vater. Der war nun schon lange nicht mehr zufrieden mit dem Kobold, denn der rief jetzt weit seltener als früher: „Göttling, stehe auf, mache Spulen!“ In seinem Verdruss verfluchte Göttling den Kobold und drohte ihm mit diesem und jenem. Als Antwort auf die Drohungen und Schmähungen des Webers kam vom Kobold ein leises Hohngelächter.

Bald stand der Webstuhl ganz verlassen, und Mariechen hörte keine Liebeserklärung mehr. In das gesamte Haus zog aber bald das Unglück ein. Das Vieh ging in kurzer Zeit an einer Seuche ein, ein Blitzschlag setzte die Scheune in Brand, der Webstuhl fiel zusammen, das bare Geld wurde in diebischer Weise entwendet, der Acker gab kaum die Aussaat wieder her. Schön Mariechen ging wie ein Gespenst umher, denn der Kobold hatte es ihr angetan, so dass sie nicht lange darauf starb und zu Grabe getragen wurde.
Autor: nnz

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