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Die etwas andere Unterrichtsstunde

Montag, 15. April 2002, 16:16 Uhr
Nordhausen (nnz). Am Humboldt-Gymnasium und in der Berufsschule in der Straße der Genossenschaften fiel heute der Unterricht aus - für einige Stunden. Ein Staatsanwalt hatte sich angesagt.


Der Unterrichtsausfall im normalen Lehrplan war normal und vorbereitend beansichtigt. Der Staatsanwalt kam aus Braunschweig und gilt als Experte für Rechtsextremismus. Gemeinsam mit dem Nordhäuser CDU-Landtagsabgeordneten Dr. Klaus Zeh wollte Hans-Jürgen Grasemann nicht nur einen Vortrag halten, sondern auch mit den jungen Menschen ins Gespräch kommen. Hintergrund dieser Veranstaltung, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung initiiert und begleitet wurde, waren und sind die Aufmärsche der NPD in Nordhausen.

Es war eine schwierige Materie, die der erfahrene Jurist da zu vermitteln hatte. Wieso schützt der Staat die Demos der NPD? Warum werden derartige Veranstaltungen nicht durch Gerichte verboten, sondern vielfach erlaubt, wenn andere es bereits untersagt hatten? Wohl kaum an einer anderen Materie lässt sich die Komplexität aber auch die Struktur eines Rechtsstaates komplizierte und zugleich anschaulicher darstellen. Verstehen war in erster Linie angesagt.

„Wir wollten die Schüler in Nordhausen für diese Problematik sensibilisieren. Wir wollten ihnen klar machen, dass es in einer Demokratie gewisse Grundregeln gibt, die allerdings nicht missbraucht werden dürfen. Und wir wollten den jungen Menschen klar machen, dass die Auseinandersetzung mit Extremismus schon weit vorher beginnen muß, als am Tag eines rechten Aufmarsches“, schildert Oberstaatsanwalt Grasemann einen Teil seiner Eindrücke. Beeindruckt zeigte sich auch Dr. Klaus Zeh von der Disziplin der Jugendlichen. Ob nun in der Aula der Berufsschule mit 70 Zuhörern oder im Leistungskurs Geschichte im Gymnasium in einer Runde von rund 15 Schülern - da wurde das Pausenzeichen glattweg überhört.

Vor allem die Schule sollte mehr und mehr zu einem Podium und Mittel der Prävention in Richtung Extremismus und Gewalt genutzt werden. Hier gebe es die ersten Ansätze, in diesem Alter seien die Jugendlichen anfällig für das „Andere“. Die Schule sei aber auch der Ort, wo denen, die sich in irgendeinen Extremismus „verliebt“ hätten, das erste Mal Grenzen gezeigt werden müssen. Die Schule ist aber nur eine Facette in diesem Bemühen, andere Partner müssen mitziehen, vor allem die Politik.

In diesem Sinne sei es wichtig, dass der Nordhäuser Stadtrat zu einer Unterschriftenaktion aufgerufen habe, sagte Dr. Zeh, mit den Unterschriften werden die Bürger dieser Stadt dokumentieren, dass sie nicht wegschauen, wenn der braune Mob durch die Straßen ziehe. „Wir wollen zeigen, dass wir dagegen sind“. Juristisch haben die Unterschriften überhaupt keinen Wert. Bei der Entscheidungsfindung der Verwaltungsgerichte über ein Verbot oder Nichtverbot dürfen sich nicht mit einfließen, sagte Grasemann.

Klar wurde nach diesen Unterrichtsstunden, dass die Beschäftigung mit einem solchen Thema zwingend notwendig ist. Nicht immer leicht wird es sein, die passende Form oder den passenden Rahmen dafür zu finden. Möglichkeiten gibt es genug, man sollte sie aber finden und nutzen ­ gemeinsam.
Autor: nnz

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