Die einzige in Thüringen
Mittwoch, 19. Dezember 2007, 10:09 Uhr
Der Landkreis Nordhausen ist reich an historischen Baudenkmälern, welche auf ganz unmittelbare Art die jahrhundertealte und wechselvolle Geschichte des Südharzer Raums illustrieren. Neben einer Vielzahl von Kirchen sind es vor allem die ehemaligen Adelssitze, die in der Erscheinungsform einer Burg oder Burgruine, die die Erinnerung an vergangene Zeiten bewahren und uns eine Vorstellung von der Architektur früherer Epochen geben. Eine Betrachtung in der nnz von Henrik Bollmann.
Auch wenn die Stadt Nordhausen selbst aufgrund ihrer Tradition als feie Reichsstadt kein höfisches Residenzgebäude besitzt, gibt es mit den Burgen Hohnstein und Lohra zwei imposante Anlagen, die durch ihren exponierten Standort die umgebene Landschaft prägen und jährlich viele interessierte Besucher anlocken.
Burg Lohra (Foto: Bollmann)
Eine der Burganlagen, die beide als Stammsitze regionaler Grafenhäuser erbaut worden sind, besitzt überdies eine architektonische Besonderheit, die sie zu einem kunsthistorischen Kleinod mit überregionaler Bedeutung macht. Es ist die Burg Lohra, welche mit einer Doppelkapelle, einen ausgesprochen seltenen Kirchentypus des Mittelalters in ihren Mauern beherbergt. Doppelkapellen bilden eine Sonderform der romanischen Basilika und zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwei übereinander liegende Sakralräume besitzen. Die Liturgie wurde stets in der oberen der beiden Etagen vollzogen, so dass die Anwesenden in der unteren Etage den Gottesdienst nur akustisch verfolgen konnten.
Zu diesem Zweck besitzen alle Doppelkapellen einen Verbindungsschacht über welchen die Stimme des Priesters nach unten dringen konnte. Warum die Kapellen so gestaltet wurden, dass die Teilnehmer des Gottesdienstes in zwei räumlich abgegrenzte Gruppen geteilt wurden kann mangels schriftlicher Quellen nur vermutet werden. Im Allgemeinen wird angenommen, dass die obere Etage nur für privilegierte Personen, wie etwa einer Grafenfamilie, zugänglich war und diese dadurch ihre herausgehobene Position innerhalb der Gesellschaft des Mittelalters zum Ausdruck bringen konnten.
Baugeschichtlich sind Doppelkapellen eine Erscheinung des 12. und 13. Jahrhunderts, auch wenn sich Vorläufer dieses Kirchentyps bereits in der Karolingerzeit nachweisen lassen. In der Regel findet man sie im Kontext einer dazugehörigen Burg, was sie naturgemäß immer in die Gefahr brachte, bei einer Eroberung und Schleifung der Burg ebenfalls zerstört zu werden.
Dieser Umstand mag auch der Hauptgrund dafür sein, dass sich insgesamt nur etwa ein Dutzend dieser seltenen Kirchen im deutschsprachigen Raum erhalten haben. Selbst in der für seinen Reichtum an hochmittelalterlichen Baudenkmälern bekannten Region Mitteldeutschland gibt neben Lohra nur noch zwei weitere Kirchen dieser Art.
Eine Doppelkapelle befindet sich in der Kernburg der Neuenburg bei Freyburg und die andere steht als einziges verbliebenes Gebäude auf dem Burgberg von Landsberg bei Halle. Lohra ist die kleinste unter diesen drei Kapellen und weist im Vergleich mit den anderen auch die wenigsten Zierelemente auf. Die bescheidenere Ausführung der Kapelle lässt sich in erster Linie auf die geringeren politischen Bedeutung der Burgherren von Lohra zurückführen, die im Rang deutlich hinter den Landgrafen von Thüringen, den Erbauern der Neuenburg, bzw. den wettinischen Landgrafen von Landsberg zurück standen. Überhaupt weiß man wenig über die Grafen von Lohra die erstmalig am Anfang des 12. Jahrhunderts in den Quellen auftauchen und die am Rande der so genannten Eichsfelder Pforte gelegene Burg zum Zentrum ihres vom Werratal bis zur Hainleite reichenden Territoriums machten. Der großzügige Ausbau der Burg, in dessen Verlauf auch die Doppelkapelle errichtet wurde, erfolgte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, als die Grafen verschiedene Ämter im Umfeld des staufischen Kaiserhofes bekleideten.
Bereits Anfang des 13. Jahrhundwerts reißt die Überlieferung zu den Grafen von Lohra ab und die Grafen von Beichlingen werden als neue Besitzer der Grafschaft genannt. Ende des 13. Jahrhunderts wurde diese aber von den Grafen von Hohnstein abgelöst, welche bis zum ihrem Aussterben 1593 die Burg Lohra als Residenz nutzten. Danach gehörte das Amt Lohra zum Bistum Halberstadt und ab 1699 zum Kurfürstentum Brandenburg und damit ab 1701 zum Königreich Preußen. Während des 30jährigen Krieg wurde die Burg schwer in Mitleidenschaft gezogen, so dass von der einstigen romanischen Bausubstanz nur noch wenig erhalten blieb.
Glücklicherweise hat die Doppelkapelle diese kritische Zeit nahezu unbeschadet überstanden und konnte bis auf eine zurückhaltende, barocke Umgestaltung des Obergeschosses ihr ursprüngliches Aussehen und den romanischen Charakter bewahren. Bis heute finden in der Doppelkapelle Gottesdienste statt, die im stimmungsvollen Ambiente des mittelalterlichen Bauwerkes zu einem besonderen Erlebnis werden. Aber auch an Tagen ohne Gottesdienst lohnt ein Ausflug der einzigen erhaltenen Doppelkapelle in Thüringen, und jeder Nordhäuser sollte diesen außergewöhnlichen und über 800 Jahre alten Sakralbau in seinem Landkreis einmal besucht haben.
Henrik Bollmann
Autor: nnzAuch wenn die Stadt Nordhausen selbst aufgrund ihrer Tradition als feie Reichsstadt kein höfisches Residenzgebäude besitzt, gibt es mit den Burgen Hohnstein und Lohra zwei imposante Anlagen, die durch ihren exponierten Standort die umgebene Landschaft prägen und jährlich viele interessierte Besucher anlocken.
Burg Lohra (Foto: Bollmann)
Eine der Burganlagen, die beide als Stammsitze regionaler Grafenhäuser erbaut worden sind, besitzt überdies eine architektonische Besonderheit, die sie zu einem kunsthistorischen Kleinod mit überregionaler Bedeutung macht. Es ist die Burg Lohra, welche mit einer Doppelkapelle, einen ausgesprochen seltenen Kirchentypus des Mittelalters in ihren Mauern beherbergt. Doppelkapellen bilden eine Sonderform der romanischen Basilika und zeichnen sich dadurch aus, dass sie zwei übereinander liegende Sakralräume besitzen. Die Liturgie wurde stets in der oberen der beiden Etagen vollzogen, so dass die Anwesenden in der unteren Etage den Gottesdienst nur akustisch verfolgen konnten. Zu diesem Zweck besitzen alle Doppelkapellen einen Verbindungsschacht über welchen die Stimme des Priesters nach unten dringen konnte. Warum die Kapellen so gestaltet wurden, dass die Teilnehmer des Gottesdienstes in zwei räumlich abgegrenzte Gruppen geteilt wurden kann mangels schriftlicher Quellen nur vermutet werden. Im Allgemeinen wird angenommen, dass die obere Etage nur für privilegierte Personen, wie etwa einer Grafenfamilie, zugänglich war und diese dadurch ihre herausgehobene Position innerhalb der Gesellschaft des Mittelalters zum Ausdruck bringen konnten.
Baugeschichtlich sind Doppelkapellen eine Erscheinung des 12. und 13. Jahrhunderts, auch wenn sich Vorläufer dieses Kirchentyps bereits in der Karolingerzeit nachweisen lassen. In der Regel findet man sie im Kontext einer dazugehörigen Burg, was sie naturgemäß immer in die Gefahr brachte, bei einer Eroberung und Schleifung der Burg ebenfalls zerstört zu werden.
Dieser Umstand mag auch der Hauptgrund dafür sein, dass sich insgesamt nur etwa ein Dutzend dieser seltenen Kirchen im deutschsprachigen Raum erhalten haben. Selbst in der für seinen Reichtum an hochmittelalterlichen Baudenkmälern bekannten Region Mitteldeutschland gibt neben Lohra nur noch zwei weitere Kirchen dieser Art.
Eine Doppelkapelle befindet sich in der Kernburg der Neuenburg bei Freyburg und die andere steht als einziges verbliebenes Gebäude auf dem Burgberg von Landsberg bei Halle. Lohra ist die kleinste unter diesen drei Kapellen und weist im Vergleich mit den anderen auch die wenigsten Zierelemente auf. Die bescheidenere Ausführung der Kapelle lässt sich in erster Linie auf die geringeren politischen Bedeutung der Burgherren von Lohra zurückführen, die im Rang deutlich hinter den Landgrafen von Thüringen, den Erbauern der Neuenburg, bzw. den wettinischen Landgrafen von Landsberg zurück standen. Überhaupt weiß man wenig über die Grafen von Lohra die erstmalig am Anfang des 12. Jahrhunderts in den Quellen auftauchen und die am Rande der so genannten Eichsfelder Pforte gelegene Burg zum Zentrum ihres vom Werratal bis zur Hainleite reichenden Territoriums machten. Der großzügige Ausbau der Burg, in dessen Verlauf auch die Doppelkapelle errichtet wurde, erfolgte in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, als die Grafen verschiedene Ämter im Umfeld des staufischen Kaiserhofes bekleideten.
Bereits Anfang des 13. Jahrhundwerts reißt die Überlieferung zu den Grafen von Lohra ab und die Grafen von Beichlingen werden als neue Besitzer der Grafschaft genannt. Ende des 13. Jahrhunderts wurde diese aber von den Grafen von Hohnstein abgelöst, welche bis zum ihrem Aussterben 1593 die Burg Lohra als Residenz nutzten. Danach gehörte das Amt Lohra zum Bistum Halberstadt und ab 1699 zum Kurfürstentum Brandenburg und damit ab 1701 zum Königreich Preußen. Während des 30jährigen Krieg wurde die Burg schwer in Mitleidenschaft gezogen, so dass von der einstigen romanischen Bausubstanz nur noch wenig erhalten blieb.
Glücklicherweise hat die Doppelkapelle diese kritische Zeit nahezu unbeschadet überstanden und konnte bis auf eine zurückhaltende, barocke Umgestaltung des Obergeschosses ihr ursprüngliches Aussehen und den romanischen Charakter bewahren. Bis heute finden in der Doppelkapelle Gottesdienste statt, die im stimmungsvollen Ambiente des mittelalterlichen Bauwerkes zu einem besonderen Erlebnis werden. Aber auch an Tagen ohne Gottesdienst lohnt ein Ausflug der einzigen erhaltenen Doppelkapelle in Thüringen, und jeder Nordhäuser sollte diesen außergewöhnlichen und über 800 Jahre alten Sakralbau in seinem Landkreis einmal besucht haben.
Henrik Bollmann



