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Gefunden: Todernst und kein Spiel

Mittwoch, 03. April 2002, 15:48 Uhr
Nordhausen (nnz). Im weltweiten Netz gibt es viele Informationsquellen, auch für Börsianer. Dort wo sich Profis und Amateure austauschen - den so genannten Boards - ist neben vielem "Müll" auch manches zu finden, was nachdenkenswert erscheint. Im Aktienboard von consors hat die nnz folgenden Beitrag von Peter Kruse gefunden.


Todernst und kein Spiel
Alte Zeiten waren immer die guten Zeiten. So denkt der Mensch jeder Generation, wenn neue Zeiten anbrechen, die von ihm Anpassungen abfordern, die unbequem und voller Ungewissheit sind. Der Wechsel vom zwanzigsten Jahrhundert ins neue Jahrtausend, vom endgültigen Ende der nationalen Industriegesellschaften in den weltweiten Datenstrom einer Wissensgesellschaft, die keine Vaterländer mehr kennt, ist erfüllt von Angst und Sorgen. Das Misstrauen wächst gegenüber Politik und Wirtschaft, weil die Menschen das Gefühl haben, ihre ureigenen Interessen würden verraten. Sie fürchten um die Sicherheit einer individuellen Lebensplanung, viele wissen heute nicht, was morgen sein wird.

Die Belegschaft des Baukonzerns Holzmann konnte nicht ahnen, dass eine zahlenmäßig kleine, hoch bezahlte Führungsmannschaft das Kapital des Konzerns verspielt hat und sie, der eigentliche Wertschöpfer, durch drohende Entlassung den Zusammenbruch auszubaden hätte. War von diesen Menschen ernsthaft zu erwarten, dass sie Verständnis für die kaltblütige Erklärung haben würden, so sei nun mal der Markt.
Geliebt worden sind Banker, Unternehmer und Politiker nie. Aber sie wurden einst geachtet und respektiert, weil sie in dem Ansehen standen, neben eigenem Erfolgsstreben, das jedem Menschen angeboren ist, auch in der Fürsorgepflicht gegenüber anderen zu stehen.

Diese Welt, in der von immer weniger Menschen immer mehr Produkte geschaffen werden, in der von immer weniger Arbeitsplatzbesitzern immer mehr Menschen ohne Arbeit mitfinanziert werden und in der bald von zu wenig jüngeren für immer mehr ältere Menschen Ruhestandsleistungen aufgebracht werden müssen, droht aus den Fugen zu geraten. Ohnmächtig muss der Bürger mit ansehen, wie Institutionen, denen er früher vertraute, versagen oder sich aus der Verantwortung stehlen.

Der Euphemismus vom Global Player ist typisch für diese neue Welt, die in Wirklichkeit kein harmloses Spiel, sondern ein todernstes Unternehmen ist. Nationale Banken und Firmen, die beinahe täglich grenzüberschreitend gigantische Fusionen verkünden, entledigen sich ihrer nationalen Identität, entziehen sich damit automatisch auch der Verantwortung gegenüber dem Volk ihres Herkunftslandes. Ja, sie werden zu "vaterlandslosen Gesellen", getrieben wie von einem göttlichen Auftrag, dort zu wirtschaften, wo die Steuern am geringsten, die Löhne am billigsten und die Gewinne demzufolge am höchsten sind.

Zurück bleiben die Globalisierungsopfer, der zynischen Aufforderung ausgesetzt, sich nicht länger der Mobilität zu verschließen und Dienstleister einer hoch gelobten Job-Welt zu werden: heute hier und morgen da, Hauptsache weg von der Straße. Ist das die Welt, die wir wollen, in der das Reservoir minderwertiger Arbeitsplätze riesenhaft anwächst? Seit der Kapitalismus den Sozialismus besiegt hat, herrscht die Meinung vor, der Staat solle sich als ordnende Kraft aus dem Markt heraushalten. Das kommt so flapsig daher, als wären Tugenden wie Solidarität, Sozialstaatlichkeit und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft mit dem Ausgang des zurückliegenden Jahrhunderts aus der Pflicht entlassen worden.
Peter Kruse
Autor: nnz

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