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Die Botschaft ist angekommen

Montag, 11. März 2002, 13:27 Uhr
Nordhausen (nnz). Es gibt Unterrichtsstunden an Nordhäuser Schulen, die haben einen ganz besonderen Charakter. Eine solche „Geschichtsstunde“ fand am Vormittag in der Regelschule Ost statt. nnz saß auf der Schulbank.


Zeitzeugengespräch Im Rahmen der Internationalen Anne-Frank-Ausstellung war der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Thüringen, Wolfgang Nossen, in der Schule zu Gast. „Zeitzeugengespräch“ nannte sich sein Besuch. Pünktlich nach den Klingelzeichen zur neuen Unterrichtsstunde stürmte die 8. Klasse in einen Klassenraum, der nicht unbedingt zum Besten gehört, was die Nordhäuser Schullandschaft aufzuweisen hat. Rucksäcke wurde hin- und hertransportiert, Handys abgelegt und vielleicht auch ausgeschaltet.

Der 75jährige Nossen erzählte dann aus seinem Leben. Einem Leben als Kind in Breslau. Er berichtete von der Kristallnacht, von zerstörten Geschäften, von einer brennenden Synagoge, von seinem ersten Verhör bei der Gestapo, vom Leben im Ghetto, von seiner Zwangsarbeit als 13 Jahre alter Junge. Er war damals so alt wie seine heutigen Zuhörer. Die wiederum schwiegen, waren beeindruckt. Kein Schwatzen, kein unruhiges Umherrutschen auf den unbequemen Stühlen aus DDR-Zeit.

Wolfgang Nossen erzählte die eigene Biographie, gab zu, dass er sich auf Kellereinbrüche spezialisiert hatte. Er musste die Familie ernähren. Nossen schilderte seine Erlebnisse ohne große Gefühlsausbrüche, machte auch mal einen Scherz. Er benannte sie nie direkt: Eine Zeit, in der Menschenwürde mit Stiefeln getreten wurde, in der jüdisches Leben nichts wert war. Man glaubte, es in diesem zerschlissenen Klassenzimmer heute spüren zu können: Nie wieder eine solche Zeit!

Die Botschaft war nicht vordergründig, sie war aber angekommen in den Köpfen der jungen Menschen. Nur einmal mahnte er an, dass die Saat des Faschismus noch immer nicht gänzlich vernichtet sei. Daß sie niemals wieder aufkeimen darf, dafür sind jetzt schon die 13 und 14 Jahren Mädchen und Jungen zuständig. Sie tragen Mitverantwortung, jetzt schon. Die Schüler in Nordhausen Ost erlebten heute mehr als eine Geschichtsstunde, sie durften einem Zeitzeugen zuhören. Authentizität wirkt eben mehr als ein Packen Bücher. Wolfgang Nossen hat es verstanden, die entscheidende Botschaft ganz sanft in die Köpfe der Schüler zu bekommen: Nie wieder Fremdenhaß und Intoleranz gegenüber anders Denkenden, nie wieder faschistoides Denken in den Köpfen vor allem junger Menschen. Schade nur, dass in der nächsten Unterrichtsstunde wieder die Bücher auf den alten Bänken liegen werden. Und dabei gibt es doch auch in Nordhausen viele Zeitzeugen.
Autor: nnz

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