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nnz-doku: Das Ende der Bike Systems GmbH

Freitag, 26. Oktober 2007, 16:14 Uhr
Nordhausen (nnz). Die nnz hatte heute über das letzte Fahrrad, das in Nordhausen gebaut wurde, berichtet. Innerhalb der doku-Reihe veröffentlicht die nnz ein Statement des Betriebsrates...


Seit Anfang Juli diesen Jahres kämpft die Belegschaft des Nordhäuser Fahrradwerks Bike Systems GmbH um den Erhalt ihrer Arbeitsplätze, den Erhalt des Standortes Nordhausen, um Gerechtigkeit und letztlich gegen den milliardenschweren Gegner Lone-Star. Die Lone-Star Gruppe ist ein amerikanisches Unternehmen, welches seit einigen Jahren auch auf dem deutschen Markt tätig ist. Zur Firmenstrategie gehört, dass Anteile an oder ganze Unternehmen aufgekauft werden um soviel Kapital wie möglich herauszuziehen. Dafür ist dem Investor jedes Mittel recht ohne dabei an Standorterhaltung, Arbeitsplätze, persönliche Schicksale oder an soziale Fürsorge zu denken. Typisch für das Wirken einer so genannten „Heuschrecke“ ist, dass nahezu immer Arbeitsplätze in Größenordnungen abgebaut, Betriebteile geschlossen oder sogar ganze Unternehmen zu Gunsten der eigenen Profitgier geschlossen werden.

So traf es auch die Bike Systems GmbH in Nordhausen. 2005 kaufte die Lone-Star-Gruppe die Biria-Gruppe auf, zu welcher der Standort Neukirch in Sachsen aber auch der in Nordhausen gehörte. Nach und nach wurden der Übernahme folgend alle Aufträge, Kundenkontakte und Geschäftsbeziehungen an den Konkurrenten, die Mitteldeutschen Fahrradwerke AG (MIFA) in Sangerhausen übertragen. Dadurch gelang es Lone-Star einen Aktienanteil von 25% des Sangerhäuser Unternehmens zu zeichnen. Aber was bedeutete das für das Nordhäuser Werk? Fortan fertigte man dort in Lohnarbeit Aufträge für die MIFA. Die Bike Systems GmbH hing damit am Tropf der eigentlichen Konkurrenz und war somit schon damals Opfer eines Deals zwischen Lone-Star und der MIFA.

Nun galt es für Lone-Star die ehemaligen Biria-Werke zu schließen. Ende 2006 das Werk in Neukirch und später Nordhausen. Anfang des Jahres bekam die Bike Systems GmbH einen neuen Geschäftsführer, welcher auch schon im sächsischen Werk tätig war. Seine Aufgabe: Abwickeln! So kam es, dass am 20.06.2007 verkündet wurde, dass die Bike Systems GmbH zum 30.06.2007 die Produktion einstellt.

Tief betroffen und erschrocken über diesen Schritt des Gesellschafters, beschloss die Belegschaft am 10.07. diesen Jahres bei einer Betriebversammlung das Werk zu besetzen, denn Zugeständnisse hatte der Betriebsrat im festen Glauben an den Erhalt der Arbeitsplätze genug gemacht und zu verlieren gab es nichts mehr. Fortan besetzten die rund 130 Frauen und Männer in 3 Schichten rund um die Uhr das Werk.

Schnell bekam man Solidarität durch die IG-Metall, dem DGB, ver.di, DIE LINKE, die SPD, Bündnis 90/Die Grünen, dem Theater, der Stadtverwaltung Nordhausen, dem Landratsamt und vor allem durch die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Nordhausen, dem Landkreis und mehr und mehr durch viele Menschen bundesweit, aus Europa und sogar auch Lateinamerika um nur einige wenige zu nennen. Unzählige E-Mails, Briefe, Sach- und Geldspenden gingen in der Freiherr-vom-Stein-Straße ein. Zeitweise ging es zu wie im Taubenschlag, denn viele Menschen wollten sehen was in Nordhausen passiert.

Allein diese enorme Solidarität war für die Belegschaft der Antrieb durchzuhalten und zu kämpfen. In Nordhausen stand man also nicht allein, auch wenn letztlich es nicht gelang die Landesregierung als Partner zu gewinnen. Der Ratschlag seitens der Landesregierung war, dass man schon im Juli das Angebot der Geschäftsführung annehmen sollte. Dies schlug man aus, denn im Unternehmen blieben nicht einmal genügend finanzielle Mittel um die Kündigungsfristen zu überbrücken, geschweige denn einen Sozialplan zu initiieren.

Letztlich war der Gipfel das MDR-Interview am 10.10. indem der Wirtschaftsminister des Freistaates Thüringen, Herr Reinholz (CDU), allein der Gewerkschaft IG-Metall und dem Betriebrat die Schuld an der Situation gab und für die Zukunft empfahl, man sollte doch einfach auf die Politik und den Wirtschaftsminister hören. Seitens der Belegschaft heißt es, dass man sich als Minister und gleichzeitig Nordhäuser Bürger für diese Aussage schämen solle!

Zu dem Kampf gehörte auch, dass fast in jeder Woche Aktionen und Veranstaltungen durchgeführt wurden um weiter auf die Situation und die Ungerechtigkeiten im Zuge der Schließung der Bike Systems GmbH aufmerksam zu werden. Ein Gummi-Entenrennen fand auf der Zorge statt, Auftritte von Bands auf dem Firmengelände, eine Flyeraktion mit einer traditionellen Straßenbahn im gesamten Stadtgebiet, Kinoabende auf dem Werksgelände um nur einige zu nennen.

Der größte Coup gelang aber, als man sich die Produktion des Strike-Bikes auf die Fahnen schrieb. Das Strike-Bike erfüllt zwei Funktionen. Zum einen ist es eine Protestnote für alle die so ein Fahrrad erwerben, zum anderen, dass man mit der Produktion dieser verhältnismäßig kleinen Stückzahl von 1.800 Rädern den Beweis antritt, dass eine effiziente und kostendeckende Produktion von Fahrrädern in Nordhausen sehr wohl möglich ist und nicht viel zu teuer, wie es die Lone-Star-Gruppe vorgab als man begründen musste warum das Werk in Nordhausen schließen müsse.

Für die Produktion waren 1.500 - 1.800 Vorbestellungen nötig, welche man schnell erreichte. Wieder kamen Bestellungen aus dem gesamten Bundesgebiet, den Niederlanden und Großbritannien. In der Woche von 22.10.2007 liefen nun wieder Fahrräder in Nordhausen vom Band. Man sah die glücklichen Gesichter der Menschen, die einfach nur Fahrräder bauen wollen um damit den Unterhalt für ihre Familien zu verdienen.

Trotz aller Mühe, aller Kraft und aller Ideen die die Belegschaft in ihren Kampf gesteckt hatte, fand sich kein neuer Investor der bereit, war die Bike Systems GmbH zu übernehmen. Auch wenn der Kampf verloren ist, somit ab dem 01.11.2007 das Insolvenzverfahren eröffnet wird und die Fahrradbauer über eine Transfergesellschaft fit für den ersten Arbeitsmarkt gemacht werden sollen, war es doch Inspiration und Hoffnung für viele Menschen, die deutschlandweit für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze kämpfen und nicht bereit sind diesen hohen Preis im Zuge der Globalisierung zu zahlen.

Bevor die tapferen Fahrradbauer in ihre ungewisse Zukunft starten, laden sie ein letztes Mal ein. Am 30.10.2007 findet auf dem Werksgelände in der Freiherr-vom-Stein-Strasse das Abschlussfest der Belegschaft statt, zu dem noch einmal alle Helferinnen und Helfer der vergangenen Monate herzlich eingeladen sind. Für die Versorgung und die Unterhaltung ist gesorgt! Mit dieser Einladung möchten 130 Menschen Danke sagen, Danke für die große Unterstützung und Danke für das Interesse an ihrem Schicksal hier in Nordhausen.

Trotz dem verlorenen Kampf, denn im ehemaligen IFA-Fahrradwerk werden am 1. November endgültig die Lichter gelöscht und auch weiterhin wird Lone-Star als eine von vielen „Heuschrecken“ versuchen auf dem Rücken der Menschen Profit zu machen, bleibt der alte Slogan: Nordhausen ist überall – Menschen vor Profite!
Die Mitarbeiter der Bike Systems GmbH
Autor: nnz

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