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Aufwartung

Dienstag, 07. August 2007, 15:43 Uhr

Besuch bei Bke Systems
Nordhausen (nnz). Politiker aller Ligen gaben sich heute in der Bike Systems GmbH die Klinke des Werktores in die Hand. Wer da zu Gast war und was schließlich dabei herauskam, das erfahren Sie natürlich schon heute in Ihrer nnz.

Versammelt (Foto: nnz) Versammelt (Foto: nnz)

Alles noch im Dunkeln

Los ging die Aufwartung bereits am Morgen. Da kam – völlig unangemeldet für den Betriebsrat, aber auch für einige kommunale Größen in Nordhausen, Thüringens Wirtschaftsstaatssekretär Prof. Christian Juckenack (CDU) ins Werk. Der Mann wollte sich über die Situation im Unternehmen informieren und redete rund eine Stunde mit Geschäftsführer Frederick P. Müller. Dann gab es ein paar aufmunternde Worte für die Belegschaft. Wichtig sei doch, daß man nicht in die Arbeitslosigkeit mit einer Abfindung gehe, sondern Chancen für eine Weiterbeschäftigung über eine Transfergesellschaft wahrnehme. Ein Gewerkschafter sagte der nnz, Juckenack habe eindringlich für eine solche Gesellschaft votiert, egal zu welchen Bedingungen.

Genau aber das ist ein strittiger, bislang unüberwindlicher Verhandlungsgraben. Die Unternehmensleitung votiert für eine Dauer der Auffanggesellschaft, die sich aus den individuellen Kündigungsfristen und einem zweimonatigen Bonus zusammensetzt. Das wiederum bedingt eine Verweildauer in dieser Gesellschaft von vier bis zu 10 Monaten – je nach Betriebszugehörigkeit. Die Arbeitnehmerseite hingegen verlangt eine zwölfmonatige Transfergesellschaft und einen, auf 90 Prozent aufgestockten Lohn.

Am Nachmittag dann der Auflauf der lokalen Politprominenz: Während Landrat Joachim Claus (CDU) vor dem Werkstor bereits von einem Kamera-Team begrüßt wurde, warteten im Speisesaal schon Bürgermeister Matthias Jendricke (SPD), Dezernentin Inge Klaan (CDU), DGB-Regionsvorsitzender Andreas Wieninger sowie Rechtsanwalt Jürgen Metz und der Betriebsrat von Bike Systems.

Dort repetierte Metz die Historie des Unternehmens seit dem Verkauf durch den Investor Biria. Es sei schon sehr merkwürdig, daß die Bike Systems GmbH nur ein Stammkapital von 25.000 Euro aufweise, also das Mindeste, Im Jahr 2005 habe das Unternehmen einen Verlust von 250.000 Euro aufgewiesen, 2006 wuchs der auf 1,2 Millionen Euro an und im ersten Halbjahr 2007, so der Blick in die Gewinn- und Verlustrechnung standen schon wieder 600.000 Euro zu Buche. Die Miesen seien zwar immer wieder durch Patronatserklärungen ausgeglichen worden, doch Anfang Juli seien eben nur noch knapp 830.000 Euro in der Kasse gewesen, da man zuvor alle Gläubiger – außer die Beschäftigten – bedient habe. Für den „Rest“, also die 135 Frauen und Männer hatte der Gesellschafter noch die erwähnten über 800.000 Euro. Allein für die Auszahlung der Kündigungsfristen und eine Auffanggesellschaft seien, so Metz, runde 1,4 Millionen Euro notwendig. Diese Rechnereien hätten dazu geführt, daß eine Transfergesellschaft nur auf Basis des Kurzarbeitergeldes funktionieren würde.

Nun zurück zur Landesregierung. Man müsse schon genau hinhören, was der Herr Staatssekretär heute Vormittag verkündet habe, meinte ein Beobachter im Nachgang. Es seien die Bedingungen des Gesellschafters, für die Christian Juckenack plädiert habe. Und wenn eben dessen Geld nicht reiche, dann könne der Steuerzahler dafür ruhig aufkommen. Das wäre die Arbeitsagentur in Nordhausen, die dann zahle. Und im Übrigen: Die könne natürlich auch bei der Akquirierung von Arbeitsplätzen in und um Nordhausen herum helfen, ließ sein Pressesprecher am Nachmittag wissen.

Deftiger ausgedrückt: Die Gewinne, natürlich auch die des Gesellschafters an anderer Fonds-Front, die werden privatisiert, die Verluste, auch die menschlichen, die werden mal schön sozialisiert. So weiß die Gesellschaft wenigstens, was Solidarität bedeutet.
Autor: nnz

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