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JS-special: Deutschland vor USA

Samstag, 16. Februar 2002, 10:24 Uhr
Nordhausen (nnz). „Industrie bezeichnet Ökolabel für Handys als Unsinn“ hieß es gestern in einer Presseverlautbarung. Damit reagierten Unternehmen der Branche auf einen entsprechenden Vorschlag von Bundesumweltminister Jürgen Trittin.


Die Diskussionen über Gefährlichkeit oder Unbedenklichkeit von Mobilfunkanlagen und Handys ist so alt wie es diese modernen Kommunikationsmittel gibt. Auf einer jüngst stattgefundenen Tagung in der Evangelischen Akademie in Loccum (Niedersachsen), die diesem Thema gewidmet war, wurde einerseits beteuert, dass es derzeit keine wissenschaftlichen Beweise von Gesundheitsgefahren gebe, andererseits mahnte der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Wolfram König, bei den Herstellern die Entwicklung strahlungsärmerer Handys und Sendeanlagen an. Die Frage möglicher Risiken sei jedoch nicht abschließend beantwortet. Von Bundestagsabgeordneten Gerhard Jüttemann (PDS), der an dieser Tagung teilnahm, erwartet nnz noch einen ausführlicheren Bericht.

Vor diesem Hintergrund prüft derzeit die Bundesregierung die Einführung eines Gütesiegels für strahlungsarme Handys, teilte auf Anfrage Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye Anfang Februar mit. Staatsminister Hans Martin Bury werde darüber mit den Herstellern sprechen. Im übrigen hatte tatsächlich auch Umweltminister Jürgen Trittin ein solches „Ökosiegel“ vorgeschlagen, wobei er sich auf erste wissenschaftliche Erkenntnisse stützt, denen zufolge Handy-Strahlung gesundheitsschädlich sein könnte.

Die ablehnende Reaktion der Industrie kam prompt: das vorgeschlagene Ökolabel für Handys sei „Unsinn“, weil es ökologisch „nichts bringen“ werde. Diese Äußerung kam vom Präsidenten des Branchenverbandes Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien), Volker Jung. Es diene lediglich der Beruhigung von Menschen, „die heute vor dem Mobilfunk Angst haben“. Die Pläne des Umweltministers seien deshalb lediglich „eine Show zur Selbstdarstellung“.

In der derzeit schwierigen Lage brauche die Branche Freiheiten. „Was sie nicht braucht, sind wertlose, so genannte Ökolabels für Handys. Sollten diese Siegel aber kommen, würden natürlich alle Hersteller mitmachen. Wobei es ganz gleich sei, ob es um eine freiwillige Selbstverpflichtung oder eine vorgeschriebene Auszeichnung gehe. Schon aus Wettbewerbsgründen könne es sich dann kein Produzent leisten, das Siegel nicht aufs Handy zu kleben. Im übrigen hätten sich die Mobilfunkbetreiber bereits verpflichtet, bei den Herstellern darauf zu drängen, möglichst strahlungsarme Geräte auf den Markt zu bringen. Wobei es bezeichnenderweise immer nur um „strahlungsarme“ und nie um „strahlungsfreie“ Geräte geht.

Unabhängig aber von eindeutigen wissenschaftlichen Ergebnissen, die irgendwann einmal kommen werden, ist die weitere Verbreitung von Handys nicht aufzuhalten. Im vergangenen Jahr habe die Zahl der Mobilfunkanschlüsse die der herkömmlichen Telefone in Deutschland erstmals überholt. „Das ist ein Vorgang von immenser Bedeutung“, konstatierte Bitkom-Präsident Volker Jung. Mit 56 Millionen Mobilfunkteilnehmern gebe es mehr als in den viel größeren USA. Bei den mobilen breitbandigen Anwendungen, die erst mit der UMTS-Einführung voll ausgespielt werden könnten, sei Europa und besonders die Bundesrepublik den USA bereits „um Jahre voraus“. Wie er unter diesen Umständen die Lage der Branche als schwierig bezeichnen kann, ist rätselhaft. Eine solche dürfte frühestens mit der Sättigung des Marktes eintreten.

Bei den Internet-Nutzern sehe es demgegenüber anders aus. Da lägen die Vereinigten Staaten und Skandinavien vorn. Zwar seien im vergangenen Jahr sieben Millionen Deutsche erstmals online gegangen. Immerhin 37 Prozent bewegten sich regelmäßig im Netz der Netze. Damit landet die Bundesrepublik aber trotzdem nur auf dem achten Platz in einer Gegenüberstellung mit anderen Industrienationen.
Autor: nnz

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