Ein Fest fürs Auge und fürs Ohr
Mittwoch, 27. Juni 2007, 15:09 Uhr
Nordhausen (nnz). Am vergangenen fanden die Limlingeröder Diskurse statt. Es waren die zehnten. Aus diesem Anlaß ein Rückblick in der nnz von Karin Kisker.
Auch Sarah Kirsch war präsent: Auf edlem roten Papier stand geschrieben: Und für die Diskurse drücke ich die Daumen. Das Programm ist so gut, wie es das sonst nirgends giebt, kömmt es mir vor. Grüße for die Füße und alles Gute am Hute! Um es vorab zu sagen: Sarah Kirschs Daumendrücken hat geholfen, weil das Programm auch wirklich so gut war, wie´s der Dichterin in ihrer Grußadresse vorkommt.
Alle gesammelten Stühle des Salong Musenbundt waren an beiden Tagen besetzt. Und man hielt es auch zum zehnten Male wieder mit Goethe, wie es am 30. November 2002 anlässlich der ersten Diskurse bereits verkündet ward: Wir wollen, dass die Menschen in unserer Dichterstätte erfahren, was welterfahrene Häuslichkeit sei. Wohlergehen soll es ihnen dabei mit Dichtung, trefflichen Bildern und Musik - eben ganz im Sinne des Alten.
So begann der Samstag denn auch mit der Eröffnung der neuen Hauskunst- Galerie, der HausART Nr. XXI // 3/2007 Zauberlicht – farbige Blätter zum Werk Sarah Kirschs.
Diese im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaften Blätter stammen von der Berliner Künstlerin Ruth Tesmar und sind eigens für die Jubiläums-Diskurse der Dichterstätte gestaltet. Tesmar, 1951 in Potsdam geboren, promoviert, Diplom für Malerei und Grafik an der Berliner Kunsthochschule, ist seit 1993 Professorin des Seminars für Künstlerisch-Ästhetische-Praxis an der Humboldt Universität und leitet dort das Menzel-Dach, das ganz im Sinne humboldtscher Tradition bestrebt ist, durch lebendige Anschauung Intellektualität mit Intuition und Imagination zu verbinden, eine Ausnahmeerscheinung in Deutschland!
So sind auch die 19 Blätter der HausArt zu verstehen. Zeichenhaft greifen sie auf, was sich durch die Magie des Dichterinnen-Wortes der bildenden Künstlerin offenbart. Das Verständnis für Bild und Wort ergibt sich hier eben nicht allein aus der Erkenntnis von Bild und Wort. Die Symbiose beider Elemente im Bildkunstwerk zeigt, dass das Wissen um die Dinge dem unnütz ist oder gar schadet, der kein Wissen vom Geist der Dinge hat. Die wunderbar durchschatteten Blätter lassen die Farben geheimnisvoll leuchten und das Geheimnis dringt als wesentlicher Augenblick durch Maske und Aufmachung des Betrachters irrlichtgleich in sein ungeschminktes Herz. Zauberlicht !
Ruth Tesmar spürt den Leidenschaften der Dichter und Denker nach, greift ins Dunkle unserer Existenz und bringt so die lichten Seiten des Seins zum Klingen. Nichts verliert sich im Unverbindlichen, alles hat mit allem zu tun. Die Bilder zeichnen es auf: Die Dinge bestehen, weil sie in unserem Gedächtnis, in unserem Sein, Bestand haben, weil wir Menschen sind und nicht wölfischen Bluts.
Im Anschluss an die Eröffnung der HausART faszinierte die Lyrikerin Marion Poschmann die Anwesenden mit ihren ungewöhnlichen Sprachbildern. Poschmann, Jahrgang 1969, ist in Essen geboren, studierte Germanistik, Slawistik und Philosophie und lebt als freie Schriftstellerin und Dichterin in Berlin. Zahlreiche Stipendien und Förderpreise bezeugen die Qualität ihrer bisherigen Veröffentlichungen und bekunden gleichzeitig die hohen Erwartungen, an denen man ihr künftiges Schreiben messen wird. 2004 erhält sie ein Stipendium der Villa Massimo. Die Stadt Meersburg spricht ihr den Droste-Förderpreis zu, für ihren Schwarzweissroman wird sie 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2007 erhält sie ein Stipendium in Bamberg und Worpswede. Zwei Lyrikbände sind bislang erschienen: 2002 Verschlossene Kammern und 2004 Grund zu Schafen. Aus beiden las Marion Poschmann.
Die Sprache ihrer Gedichte wirkt sinnlich verwirrend, und das Bild kommt so wunderschön daher, verweigert sich aber seltsamerweise der schönen Abbildung im Kopf. Das kommt, weil die Dichterin so filigrane Wortnetze spinnt, deren Bedeutung sich vielleicht erst vage zeigt, wenn man sich in ihnen verfangen hat, ohne das Warum zu erkennen. Es ist erstaunlich, wie präzise Marion Poschmann den Zeitgeist durch und mit ihrer Lyrik erfährt.
In einem Gespräch, das Iris Radisch für Die Zeit mit Sarah Kirsch und Marion Poschmann führte, äußern sich beide auf folgende Frage? recht hübsch und sehr passend.
ZEIT: Obwohl Sie beide so unterschiedlich vorgehen, könnte (!) ich doch behaupten, hier mit zwei der bedeutendsten lebenden Naturlyrikerinnen an einem Tisch zu sitzen.
KIRSCH: Ich schreibe keine Naturlyrik.
POSCHMANN: Natur muss man erst einmal definieren.
Vieles lässt sich gerade aus diesen kurzen Antworten auf eine nicht gestellte Frage erschließen. Beide haben eine enge Beziehung zur Natur. Beiden ist Natur Projektion und Identifikation. Beide haben mit Naturfrömmigkeit nichts, aber auch gar nichts am Hut, und beide sind im wahrsten Sinne des fremden Wortes von sehr verschiedener ART.
Nach der Lesung gab Ron Winkler dem Publikum aus seiner Sicht einen Einblick in die Art und Weise, wie Marion Poschmann ihre Welt dichterisch erfährt. Winkler, 1973 in Jena geboren, lebt wie Frau Poschmann in Berlin als freier Autor und Übersetzer. Außerdem ist er seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift intendenzen.
Eines seiner Lieblingsgedichte von Marion Poschmann, so sagt er, sei das in der FAZ besprochene Kleine Rasenstück, eine bewusste Assoziation zu Dürer. 100g Gras, wie Licht, das sich bewegte,/ Licht, das knitterte, schnelle Lebensläufe/ ohne Höhepunkte, Schwarzweissaufnahmen:/ nickende Blitze.
Der Natureindruck wird hier gründlich getilgt, statt Rasenidyll steigt ein undefinierbarer Gedankenraum über dem Urbild auf und verwischt die Horizonte. Wo die Gegenden unstet sind, so Ron Winkler, kann die Poesie keine Absehbarkeit propagieren.
Noch einmal erklang an diesem Tag das dichterische Wort im Originalton. Wie immer beging man nachmittags den Dichterweg, den Grünen Junipfad, um ewig grün zu bleiben und in freier Natur den Worten der Dichter zu lauschen. Der darauf folgende Sonntag stand ganz im Zeichen des russischen Dichters Ossip Emiljewitsch Mandelstam. Reges Besucherinteresse auch an diesem Tag.
Mandelstam gehörte im Jahre 1912 zur Gruppe der Akmeisten um Nikolaj Gumiliow und Anna Achmatowa. Die vorgetragenen Gedichte umspannen seine Schaffensperiode von 1910 bis 1938. Sie zeigen auf, mit welcher Unbeugsamkeit er seinen künstlerischen Weg beschreitet und wie gewaltig und klug er seine Sprache im Gedicht in doch sehr unterschiedlichen Situationen zu inszenieren weiß.
...doch bin ich nicht wölfischen Bluts – Welterfahrene Häuslichkeit bei Ossip Mandelstam, lautet der Vortrag Fritz Mieraus, mit dem er den Dichter vorstellt. Mierau, in Berlin lebend, wurde 1934 in Breslau geboren, ist Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Essayist und Herausgeber.
Jedem Anwesenden wurde an diesem Vormittag klar, dass Mierau durch die Art seines Vortrages nicht nur verstand, mit Geist und Kenntnis zu informieren, sondern, dass man auch spürte, dass da eine geistige Verwandtschaft des Vortragenden zum Vorgetragenen bestand. Das kann man vielleicht am besten mit dem Urteil des Dichters Wulf Kirsten zusammenfassen, der in Mierau einen Historiker der Wahrheit erkennt, der sich zu keiner Zeit davon abringen ließ, Verdecktes, Verborgenes, meist Unbequemes ... ans Licht zu bringen.
Unglücklich der, den, wie sein Schatten/ Der Hunde Bellen schreckt und der Wind mäht;/ Und arm, der, selbst nur halblebendig/ Zum Schatten um Almosen geht. Das genau ist es, was Mierau so anschaulich dem darüber tiefbewegten Publikum darzulegen wusste: Es gibt Menschen, die sich in jeder Situation selbst treu bleiben. Mandelstam war sein ganzes Leben ein Unbehauster. Seine Heimat fand er in seiner inneren Häuslichkeit, in seiner Überzeugung, in seiner Würde als Mensch: ...doch bin ich nicht wölfischen Bluts.
Mierau, der sich als junger Mann vornahm, eine Mandelstamausgabe der gesammelten Werke herauszugeben, begegnete in seinen Ausführungen der Vergeblichkeit seines damaligen Ansinnens mit einem Mandelstamzitat: Nicht aufgeregt sein: Ungeduld ist Luxus./ Ich werde sanft Geschwindigkeit entwickeln/ Und kühlen Schrittes gehen wir auf die Bahn;/ Meine Distanz – ich halte sie, wie immer.
Diese Verse wurden 1931 geschrieben. Für Mandelstam beginnt eine Zeit der offenen Repression. Stalin selbst hat sich ihn zum persönlichen Feind auserkoren. Angesichts der 1934 verfassten, auf Stalin gemünzten, Verse scheint das auch nicht verwunderlich:
...Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,/ Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt, ... Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten - / Und breit schwillt die Brust des Osseten.
Viel Zeit verbrachte Mandelstam in Gefängnissen und Lagern. Im Dezember 1938 stirbt er im Durchgangslager Wtoraja Retschka und findet in einem Massengrab seine letzte Ruhe.
Doch seine Gedichte haben überlebt. Sie an diesem Junisonntag in der Dichterstätte gehört zu haben, war bewegend. Fritz Mierau und Ron Winkler werden wir abermals in zwei Jahren zu den 12. Diskursen erleben. Ron Winkler wird uns dann als Dichter begegnen und Fritz Mierau stellt uns den russischen Lyriker Sergej Jessenin vor.
Karin Kisker
Autor: nnzAuch Sarah Kirsch war präsent: Auf edlem roten Papier stand geschrieben: Und für die Diskurse drücke ich die Daumen. Das Programm ist so gut, wie es das sonst nirgends giebt, kömmt es mir vor. Grüße for die Füße und alles Gute am Hute! Um es vorab zu sagen: Sarah Kirschs Daumendrücken hat geholfen, weil das Programm auch wirklich so gut war, wie´s der Dichterin in ihrer Grußadresse vorkommt.
Alle gesammelten Stühle des Salong Musenbundt waren an beiden Tagen besetzt. Und man hielt es auch zum zehnten Male wieder mit Goethe, wie es am 30. November 2002 anlässlich der ersten Diskurse bereits verkündet ward: Wir wollen, dass die Menschen in unserer Dichterstätte erfahren, was welterfahrene Häuslichkeit sei. Wohlergehen soll es ihnen dabei mit Dichtung, trefflichen Bildern und Musik - eben ganz im Sinne des Alten.
So begann der Samstag denn auch mit der Eröffnung der neuen Hauskunst- Galerie, der HausART Nr. XXI // 3/2007 Zauberlicht – farbige Blätter zum Werk Sarah Kirschs.
Diese im wahrsten Sinne des Wortes zauberhaften Blätter stammen von der Berliner Künstlerin Ruth Tesmar und sind eigens für die Jubiläums-Diskurse der Dichterstätte gestaltet. Tesmar, 1951 in Potsdam geboren, promoviert, Diplom für Malerei und Grafik an der Berliner Kunsthochschule, ist seit 1993 Professorin des Seminars für Künstlerisch-Ästhetische-Praxis an der Humboldt Universität und leitet dort das Menzel-Dach, das ganz im Sinne humboldtscher Tradition bestrebt ist, durch lebendige Anschauung Intellektualität mit Intuition und Imagination zu verbinden, eine Ausnahmeerscheinung in Deutschland!
So sind auch die 19 Blätter der HausArt zu verstehen. Zeichenhaft greifen sie auf, was sich durch die Magie des Dichterinnen-Wortes der bildenden Künstlerin offenbart. Das Verständnis für Bild und Wort ergibt sich hier eben nicht allein aus der Erkenntnis von Bild und Wort. Die Symbiose beider Elemente im Bildkunstwerk zeigt, dass das Wissen um die Dinge dem unnütz ist oder gar schadet, der kein Wissen vom Geist der Dinge hat. Die wunderbar durchschatteten Blätter lassen die Farben geheimnisvoll leuchten und das Geheimnis dringt als wesentlicher Augenblick durch Maske und Aufmachung des Betrachters irrlichtgleich in sein ungeschminktes Herz. Zauberlicht !
Ruth Tesmar spürt den Leidenschaften der Dichter und Denker nach, greift ins Dunkle unserer Existenz und bringt so die lichten Seiten des Seins zum Klingen. Nichts verliert sich im Unverbindlichen, alles hat mit allem zu tun. Die Bilder zeichnen es auf: Die Dinge bestehen, weil sie in unserem Gedächtnis, in unserem Sein, Bestand haben, weil wir Menschen sind und nicht wölfischen Bluts.
Im Anschluss an die Eröffnung der HausART faszinierte die Lyrikerin Marion Poschmann die Anwesenden mit ihren ungewöhnlichen Sprachbildern. Poschmann, Jahrgang 1969, ist in Essen geboren, studierte Germanistik, Slawistik und Philosophie und lebt als freie Schriftstellerin und Dichterin in Berlin. Zahlreiche Stipendien und Förderpreise bezeugen die Qualität ihrer bisherigen Veröffentlichungen und bekunden gleichzeitig die hohen Erwartungen, an denen man ihr künftiges Schreiben messen wird. 2004 erhält sie ein Stipendium der Villa Massimo. Die Stadt Meersburg spricht ihr den Droste-Förderpreis zu, für ihren Schwarzweissroman wird sie 2005 für den Deutschen Buchpreis nominiert und 2007 erhält sie ein Stipendium in Bamberg und Worpswede. Zwei Lyrikbände sind bislang erschienen: 2002 Verschlossene Kammern und 2004 Grund zu Schafen. Aus beiden las Marion Poschmann.
Die Sprache ihrer Gedichte wirkt sinnlich verwirrend, und das Bild kommt so wunderschön daher, verweigert sich aber seltsamerweise der schönen Abbildung im Kopf. Das kommt, weil die Dichterin so filigrane Wortnetze spinnt, deren Bedeutung sich vielleicht erst vage zeigt, wenn man sich in ihnen verfangen hat, ohne das Warum zu erkennen. Es ist erstaunlich, wie präzise Marion Poschmann den Zeitgeist durch und mit ihrer Lyrik erfährt.
In einem Gespräch, das Iris Radisch für Die Zeit mit Sarah Kirsch und Marion Poschmann führte, äußern sich beide auf folgende Frage? recht hübsch und sehr passend.
ZEIT: Obwohl Sie beide so unterschiedlich vorgehen, könnte (!) ich doch behaupten, hier mit zwei der bedeutendsten lebenden Naturlyrikerinnen an einem Tisch zu sitzen.
KIRSCH: Ich schreibe keine Naturlyrik.
POSCHMANN: Natur muss man erst einmal definieren.
Vieles lässt sich gerade aus diesen kurzen Antworten auf eine nicht gestellte Frage erschließen. Beide haben eine enge Beziehung zur Natur. Beiden ist Natur Projektion und Identifikation. Beide haben mit Naturfrömmigkeit nichts, aber auch gar nichts am Hut, und beide sind im wahrsten Sinne des fremden Wortes von sehr verschiedener ART.
Nach der Lesung gab Ron Winkler dem Publikum aus seiner Sicht einen Einblick in die Art und Weise, wie Marion Poschmann ihre Welt dichterisch erfährt. Winkler, 1973 in Jena geboren, lebt wie Frau Poschmann in Berlin als freier Autor und Übersetzer. Außerdem ist er seit 1997 Herausgeber der Literaturzeitschrift intendenzen.
Eines seiner Lieblingsgedichte von Marion Poschmann, so sagt er, sei das in der FAZ besprochene Kleine Rasenstück, eine bewusste Assoziation zu Dürer. 100g Gras, wie Licht, das sich bewegte,/ Licht, das knitterte, schnelle Lebensläufe/ ohne Höhepunkte, Schwarzweissaufnahmen:/ nickende Blitze.
Der Natureindruck wird hier gründlich getilgt, statt Rasenidyll steigt ein undefinierbarer Gedankenraum über dem Urbild auf und verwischt die Horizonte. Wo die Gegenden unstet sind, so Ron Winkler, kann die Poesie keine Absehbarkeit propagieren.
Noch einmal erklang an diesem Tag das dichterische Wort im Originalton. Wie immer beging man nachmittags den Dichterweg, den Grünen Junipfad, um ewig grün zu bleiben und in freier Natur den Worten der Dichter zu lauschen. Der darauf folgende Sonntag stand ganz im Zeichen des russischen Dichters Ossip Emiljewitsch Mandelstam. Reges Besucherinteresse auch an diesem Tag.
Mandelstam gehörte im Jahre 1912 zur Gruppe der Akmeisten um Nikolaj Gumiliow und Anna Achmatowa. Die vorgetragenen Gedichte umspannen seine Schaffensperiode von 1910 bis 1938. Sie zeigen auf, mit welcher Unbeugsamkeit er seinen künstlerischen Weg beschreitet und wie gewaltig und klug er seine Sprache im Gedicht in doch sehr unterschiedlichen Situationen zu inszenieren weiß.
...doch bin ich nicht wölfischen Bluts – Welterfahrene Häuslichkeit bei Ossip Mandelstam, lautet der Vortrag Fritz Mieraus, mit dem er den Dichter vorstellt. Mierau, in Berlin lebend, wurde 1934 in Breslau geboren, ist Literaturwissenschaftler, Übersetzer, Essayist und Herausgeber.
Jedem Anwesenden wurde an diesem Vormittag klar, dass Mierau durch die Art seines Vortrages nicht nur verstand, mit Geist und Kenntnis zu informieren, sondern, dass man auch spürte, dass da eine geistige Verwandtschaft des Vortragenden zum Vorgetragenen bestand. Das kann man vielleicht am besten mit dem Urteil des Dichters Wulf Kirsten zusammenfassen, der in Mierau einen Historiker der Wahrheit erkennt, der sich zu keiner Zeit davon abringen ließ, Verdecktes, Verborgenes, meist Unbequemes ... ans Licht zu bringen.
Unglücklich der, den, wie sein Schatten/ Der Hunde Bellen schreckt und der Wind mäht;/ Und arm, der, selbst nur halblebendig/ Zum Schatten um Almosen geht. Das genau ist es, was Mierau so anschaulich dem darüber tiefbewegten Publikum darzulegen wusste: Es gibt Menschen, die sich in jeder Situation selbst treu bleiben. Mandelstam war sein ganzes Leben ein Unbehauster. Seine Heimat fand er in seiner inneren Häuslichkeit, in seiner Überzeugung, in seiner Würde als Mensch: ...doch bin ich nicht wölfischen Bluts.
Mierau, der sich als junger Mann vornahm, eine Mandelstamausgabe der gesammelten Werke herauszugeben, begegnete in seinen Ausführungen der Vergeblichkeit seines damaligen Ansinnens mit einem Mandelstamzitat: Nicht aufgeregt sein: Ungeduld ist Luxus./ Ich werde sanft Geschwindigkeit entwickeln/ Und kühlen Schrittes gehen wir auf die Bahn;/ Meine Distanz – ich halte sie, wie immer.
Diese Verse wurden 1931 geschrieben. Für Mandelstam beginnt eine Zeit der offenen Repression. Stalin selbst hat sich ihn zum persönlichen Feind auserkoren. Angesichts der 1934 verfassten, auf Stalin gemünzten, Verse scheint das auch nicht verwunderlich:
...Seine Finger sind dick und, wie Würmer, so fett,/ Und Zentnergewichte wiegts Wort, das er fällt, ... Wie Himbeeren schmeckt ihm das Töten - / Und breit schwillt die Brust des Osseten.
Viel Zeit verbrachte Mandelstam in Gefängnissen und Lagern. Im Dezember 1938 stirbt er im Durchgangslager Wtoraja Retschka und findet in einem Massengrab seine letzte Ruhe.
Doch seine Gedichte haben überlebt. Sie an diesem Junisonntag in der Dichterstätte gehört zu haben, war bewegend. Fritz Mierau und Ron Winkler werden wir abermals in zwei Jahren zu den 12. Diskursen erleben. Ron Winkler wird uns dann als Dichter begegnen und Fritz Mierau stellt uns den russischen Lyriker Sergej Jessenin vor.
Karin Kisker
