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nnz-Forum: Der Traum von einer besseren Welt

Dienstag, 19. Juni 2007, 07:44 Uhr
Nordhausen (nnz). Der Gipfel in Heiligendamm ist längst Geschichte. Im Forum der nnz berichten drei Studentinnen der Nordhäuser Fachhochschule von ihrem Traum für eine bessere Welt.


Einmal wieder wurde die Gewalt als Instrument der Macht wirksam eingesetzt, aber dies nicht nur durch die 8 Industrienationen. Globalisierungskritiker und 17.600 Polizisten (Quelle: Ostseezeitung vom 9./10. Juni) lieferten sich während des diesjährigen Gipfeltreffens vom 06.06. – 09.06. in Heiligendamm dramatische Kampfszenen. Laut Tagesschau wurden 1.057 Demonstranten in Gewahrsam genommen, der Anwaltsnotdienst der Gipfelgegner berichtete von 1.137 Personen die in die Gefangenensammelstellen gebracht wurden. 140 von ihnen wurden als gefährlich eingestuft und in Langzeitgewahrsam genommen, 80 davon in Unterbindungsgewahrsam.

Wegen menschenunwürdiger Unterbringung der Gefangenen in den Sammelstellen leiteten die Notdienstanwälte vom "Legal Team" rechtliche Schritte ein und der dazu gehörende Republikanische Anwältinnen- und Anwaltsverein (RAV) erstattete Anzeige. Ihre Vorwürfe lauten u. a. Dauerlicht und Massenhaltung in Zellen (20 Leute auf 25 qm), Behinderung der Kooperation zwischen Anwälten und der in Gewahrsam genommenen, sowie unbegründete Festnahmen durch die Polizeisondereinheit Kavala. Auch der Einsatz von Militärhubschraubern und Tornados wird derzeit massiv kritisiert, da militärische Mittel laut Grundgesetz nicht als Amtshilfe der Polizei gelten und der Einsatz dieser somit nicht legitim war. Laut Financial Times wäre der Einsatz nur gerechtfertigt, wenn auf dem Filmmaterial einzelne Demonstranten nicht zu erkennen sind. Eine Überprüfung des Filmmaterials wird in den nächsten Wochen Aufschluss darüber geben ob die militärischen Maßnahmen rechtmäßig waren.

Zu diesem Thema möchte ich hinzufügen, dass es mir so vorkam als müsse man im Krieg an fossilen Kraftstoffen nicht sparen – man beobachtete während dieser Tage dutzende von Hubschraubern, ca. 2933 Polizeibusse, mit Polizisten angereist aus ganz Deutschland, wobei Nachts über Stunden Motoren liefen, um die Kälte zu überstehen. Im Ausnahmezustand scheinen gute Vorsätze schnell vergessen.

Zu den Demonstrationen
Auf Seiten der Polizei ist die Zahl der verletzten Beamten schwer einzuschätzen, da Falschmeldungen wie nach der Demonstration in Rostock am Samstag dem 02.06.07 von 8 Schwerverletzten auf 2 korrigiert wurden. Angebliche Säureangriffe stellten sich im nach hinein als Enten heraus. Im Ostseekurier war zu lesen, dass die Polizisten der Einheit Kavala einige Meldungen, die an die Presse weitergegeben wurden selbst nie zu Ohren bekommen hätten und konnten sich diese auch nicht erklären.

Fragt sich aus welchem Hintergrund falsche Meldungen in die Öffentlichkeit gestreut wurden und welchen Zweck diese hatten und haben. Gewalt erzeugt Gegengewalt, aber manipulierte Gewalt schafft Wut und bringt eine angespannte Situation zum eskalieren. Wurden Polizei und Demonstranten für höhere Zwecke benutzt, beispielsweise zum Dienste des Ausbaus eines Überwachungsstaates? Einen guten Tipp an den Schwarzen Block: Im Glashaus sollte man nicht mit Steinen werfen!

Wenn der Vorhang fällt
Im Kempinski Hotel residierend tranken Angela, George, Tony, Wladimir, Romano, Nicolas, Steven und Shinzo Champagner und aßen Salat aus Wildkräutern und Flusskrebsen, Wildschwein und Zanderfilet sowie Erdbeeren mit Vanilleeiscreme. Zur selben Zeit waren da noch 18.000 Demonstranten in den Camps rund um Heiligendamm. Die Küchen der in Reddelich, Wichmannsdorf und Rostock untergebrachten G8-Kritiker reichten ausschließlich vegane Biokost wie Linsen- und Gemüsesuppe. Das Essen von den so genannten Volksküchen (Voküs) wurde gegen eine kleine Spende ausgegeben. Selbst auf den Blockaden wurden Demonstranten mit Mahlzeiten verpflegt.

Für Polizisten des Einsatzkommandos Kavala fiel das Gourmetessen an den Blockaden aus. Sie klagten über mangelnde Versorgung und zum Teil sogar verschimmeltes Essen, so ein Bericht der Ostsee-Zeitung vom 9/10. Juni 07. Anwohner der belagerten Dörfer waren erfreut über die sensationellen Ereignisse und brachten Verpflegung an die „Front“. Sie äußerten sich größtenteils positiv über die G8-Demonstranten. Es ist schon beachtlich, wenn ein Dorf innerhalb von ein paar Tagen einen Einwohnerzuwachs von über 1000% bekommt. Auch für die Supermärkte rund um die Camps war der G8 gewinnbringend – im Gegensatz zum restlichen Einzelhandel. Unbedacht konsumieren war während dieser Tage out. Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Schokolade aus den Voküs stammten ausschließlich aus fairem Handel und das Konzept „du bist was du isst“ wurde in den Camps eine Woche lang gelebt. Leider wird dies bei vielen bzw. den meisten nur ein Ausnahmezustand bleiben. Laut Spiegel soll es wohl auch Demonstranten gegeben haben, die während dieser Tagen trotzdem bei den Billigdiscountern wie Lidl & Co einkaufen gingen und somit die soziale und ökologische Ausbeutung (Mönig-Raane, Margret; Bsirske, Frank (Hrsg.): Schwarz-Markt) der Gesellschaft unterstütz(t)en. Dort stand man dann auch mit den Polizisten in derselben Mission Schlange. Wir sind ja alle nur Menschen mit denselben Bedürfnissen.

Schlange stehen für die Sicherheit unserer Staatschefs
Unser Fazit ist, dass auf der Schaubühne Heiligendamm ein prunkvolles Theater inszeniert wurde, welches die wirklichen Probleme dieser Welt überspielen sollte. Selbstverständlich werden 60 Milliarden Euro zur Weiterentwicklung Afrikas bereitgestellt. Jedoch ist zu erwähnen, dass diese z. T. wieder an Wirtschaftsunternehmen der OECD´s zurückfließen. Anstatt Generika zu legalisieren, wurden Patentrechte gesichert. Das heißt, die Industrieländer werden auch weiterhin teure Antiretrovirale Medikamente zur HIV Bekämpfung exportieren und durch das riesige Marktpotential in Entwicklungsländern werden die großen Pharmakonzerne ihre Gewinne weiter steigern. Da die Markteinnahmen jedoch nicht in soziale oder kulturelle Programme für Deutschland fließen, sondern bei den Kapitalstarken Unternehmen hängen bleiben, werden wir, die Polizisten, Studenten, Arbeitslosen, Kranken, 1-Euro Jobber, Kinder, Rentner... wohl kaum an diesem Geschäft profitieren. Also hat (ganz) Deutschland den Innovationsbonus und hält daran fest. Richtig so, diese eine Szene des G8 Schauspiels kostet ja nur 8.000 Aidskranken Menschen pro Tag den Tot, sichert den Industrieländern aber dafür billige Rohstoffe.

Wir träumen trotzdem noch von einer besseren Welt. Irgendwie, irgendwo, irgendwann.
3 Studierende der FH-Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
Autor: nnz

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