nnz-online

Schon ein kleines Jubiläum

Mittwoch, 13. Juni 2007, 18:01 Uhr
Nordhausen/Limlingerode (nnz). Wilhelm Busch schrieb von dem Sauseschritt, in dem die Zeit voraneilt. Auch bei den „Limlingeröder Diskursen“, die immer am letzten Juniwochenende stattfinden, ist es so! Ein Vorgschmack in Ihrer nnz – aufgeschrieben von Heidelore Kneffel.


Es sind bereits die 10., die am 23.06. und 24.06.2007 ab 10.00 Uhr - natürlich mit einem Jubiläumsprogramm - aufwarten. 18 Dichtende, die der deutschsprachigen Lyrik hohes Ansehen geben, trugen bis dato ihre Verse in Limlingerode vor. Als Poetin ist in diesem Jahr Marion Poschmann, geboren 1969 in Essen, eingeladen, deren Lyrikband „Zeit für Schafe“ von Lesern und Kritikern mit höchster Aufmerksamkeit aufgenommen wurden. Zur Förderung dieses Talentes vergab und vergibt man Preise und Stipendien. In diesem Jahr bekam sie letztere z. B. in Bamberg und in Worpswede, wo sie sich zur Zeit aufhält. Auch in der berühmten Villa Massimo in Rom, wo auch Sarah Kirsch ein Jahr lebte, arbeitete Marion Poschmann.

Apropos Sarah Kirsch! Zu deren 70. Geburtstag 2005 wurde in „DIE ZEIT“ ein umfangreiches Doppelinterview von Doris Radisch, der bekannten und einflussreichen Literaturkritikerin, veröffentlicht, und zwar traf sie sich in Tielenhemme an der Eider mit der dort lebenden Sarah Kirsch und mit Marion Poschmann, die aus Berlin angereist war. Bei beiden Lyrikerinnen ist die Natur immer wieder Ausgangspunkt zur poetischen Reflexion über die Vielfalt des Lebens.

Vom Dichter Wulf Kirsten aus Weimar erfuhren die Mitglieder des Fördervereins 2006, dass er in Meersburg am Bodensee bei der Preisvergabe des Annette-von-Droste-Hülshoff-Preises Marion Poschmann erlebt hätte, die den Förderpreis bekam. Er hat ihr für sich sogar den Hauptpreis zuerkannt. Ein Kritiker schreibt über ihr Dichten: „Die Doppelbödigkeit ihrer von Schönheit leuchtenden und Wortmagie funkelnden Texte ... bewahren sie vor Epigonentum und Kitsch.“ Man darf also sehr gespannt sein auf die Lesung am 23.6.07 ab 10.00 Uhr.

Wie es zu den Diskursen Brauch ist, wird der Lesende von einem Kenner vorgestellt. Dies tut in diesem Jahr Ron Winkler, Jahrgang 1973, der in Jena Germanistik und Geschichte studierte, selbst dichtet und derzeit als freier Schriftsteller, Essayist, Übersetzer, Lektor, Redakteur, Herausgeber in Berlin lebt. Also, ein junges lyrisches Team tritt im grünen grünen Juni in Limlingerode auf!

Am 1. Diskursetag erwartet die Besucher auch ein besonderes Kunstereignis. Die Künstlerin Ruth Tesmar, Jahrgang 1951, aus Potsdam stammend, in Berlin an der Humboldt-Universität seit 1993 als Professorin für Künstlerisch-ästhetische Praxis im berühmten „Menzel-Dach“ lehrend, zeigt ihre eigens zu den 10. „Limlingeröder Diskursen“ entstandene farbige Blätter zu Sarah Kirschs Gedicht „Zauberlicht“, in dem ein Falke, rollende Luft, des Erzfreunds Augensterne und das bisschen Land auftreten. Die Künstlerin Ruth Tesmar ist der Schrift zugeneigt und dem Schreiben, sie liebt Schriftsteller, sie liebt Wissenschaftler einst und heute. Von deren Leben und Werk ist sie angezogen, sie entschlüsselt es für sich und andere in ihren künstlerischen Bildschöpfungen, lässt ihnen aber auch Unentschlüsseltes.

Genannt seien Ovid, Dante, Kleist, Heine, Rimbaud, Fontane, Else Lasker-Schüler, Ossip Mandelstam, Erich Arendt, Christa Wolf, Alexander von Humboldt, Hermann von Helmholtz, Wilhelm Leibniz u. a. Ein beeindruckender Kosmos von Zeichnungen, Holzdrucken, Collagen, Holzplastiken ist so entstanden, der in Gruppen- und Einzelausstellungen öffentlich wurde, auch in Büchern und Theateraufführungen. Genaueres über diese Künstlerin wird man am Samstag von Karin Kisker erfahren. Zur Entstehung ihres Sarah-Kirsch-Zyklusses äußert sie sich selbst. Am Nachmittag des 1. Diskursetages wird die Wanderung auf dem „Grünen Junipfad“ mit Lyrik im seereichen Wald stattfinden. Festes Schuhwerk ist zu bevorzugen!

Der Sonntag ist ab 10.00 Uhr dem großen russischen Dichter Ossip Mandelstam gewidmet, dessen Leben 1891 in Warschau begann und in St. Petersburg fortgesetzt wurde. Nach einem Studium der Philologie und Philosophie in Paris, Heidelberg und St. Petersburg erscheint 1913 sein erster Gedichtband „Stein“. Neben den Gedichten schreibt er Prosa, Essays, Kinderbücher, ist Übersetzer. Er ist ein Ruheloser, ein Unangepasster in stürmischer Zeit. Seit 1919 hält er sich häufig im Süden Sowjetrusslands auf, er sucht „Arbeit und Brot“. Während der stalinistischen Zeit fällt er zunehmend in Ungnade, wird 1935 aus Moskau nach Woronesch verbannt, 1938 nach Denunziation erneut verhaftet und wegen konterrevolutionärer Aktivitäten, wie sein Leben und Schreiben von offizieller Seite benannt wird, in ein Arbeitslager bei Wladiwostok verbracht, wo er am 27. 12. 1938 stirbt.

Der exzellente Kenner der russischen Dichtung des 20. Jahrhunderts, Fritz Mierau aus Berlin, wird in seinem Vortrag: „... doch bin ich nicht wölfischen Bluts.“ diesen Dichter vorstellen. Mierau ist mit seiner Frau Sieglinde der „Dichterstätte Sarah Kirsch“ seit Anbeginn verbunden. Anlässlich einer Laudatio auf ihn äußerte Wulf Kirsten: „Der als ‘Historiker der Wahrheit’ apostrophierte Forscher ... hat sich zu keiner Zeit davon abbringen lassen, Verdecktes, Verborgenes, meist Unbequemes ... ans Licht zu bringen.“

In einem literarisch-musikalischen Programm hört man Gedichte und Briefe Ossip Mandelstams und Kompositionen von Ulrike Müller und Antje Finkenwirth – von diesen auch vorgetragen – über Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa, Aleksander Blok und Ossip Mandelstam. Man wird also eine hochinteressante Zeit an den zwei Sommertagen in Limlingerode haben!
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de