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JS-Special: Sitzenbleiben passé?

Montag, 04. Februar 2002, 08:41 Uhr
Nordhausen (nnz). Der erste, wirklich ernst zu nehmende Anstoß zum Thema „Sitzenbleiben“ kam wohl unlängst von Berliner Bildungsvertretern. Was zunächst als Alleingang eingeschätzt wurde, gewinnt nun an Bedeutung, nachdem sich mit der Niedersächsischen Kultusministerin Renate Jürgens-Pieper (SPD) erstmals eine Ministerin zu diesem Thema äußerte.


Nach genauer Lektüre der für deutsche Schulen verheerenden „Pisa“-Studie zum Leistungsstand der 15-Jährigen habe sie festgestellt: „Aus Expertensicht ist das Sitzenbleiben ein wenig effektives Förderinstrument.“ Dadurch werde wertvolle Zeit vergeudet, sagte Jürgens-Pieper dem Magazin „Focus“. Außerdem verbesserten sich die Leistungen von Schülern „nicht wirklich“. Jürgens-Pieper sagte, sie rechne mit erheblichen Widerständen vor allem der Eltern. Ihnen müsse klargemacht werden, dass „der Leistungsgedanke dabei nicht auf der Strecke bleibt“.

Im Gegensatz zu Sachsens Kultusminister Matthias Rößler (CDU), der in der Sitzenbleiber-Debatte vor „Kuschel-Pädagogik“ gewarnt hatte, entspricht Jürgens-Pieper mit ihrer Forderung den Wünschen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Diese hatte zur Vergabe der Halbjahres-Zeugnisse kürzlich erklärt, die Kultusminister sollten besser in „vorbeugende Förderung investieren“, statt Jahr für Jahr rund 250 000 Schüler eine „Ehrenrunde“ drehen zu lassen.

Auch der Bundeselternrat schloss sich den Forderungen der GEW an. Das bloße „Abstrafen“ von Schülern durch das Wiederholen eines Jahres sei „völlig unsinnig“, sagte die Vorsitzende Renate Hendricks. Bei gefährdeter Versetzung sei vielmehr gezielte Hilfe für den Einzelnen notwendig. Es sei falsch, Schüler ohne Förderung einfach nur zum Wiederholen einer Klasse zu „verurteilen“. Sinnvoll seien dagegen die in einigen Bundesländern praktizierten Nachprüfungen. Schafft der Schüler eine solche Prüfung, löse dies oft einen „Motivationsschub“ aus, der meist noch Monate nachwirke.

Man wird angesichts dieser zumindest uneinheitlichen Einschätzungen und Forderungen an die Antrittsrede der derzeitigen Präsidentin der Kultusministerkonferenz, der Thüringer Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) erinnert, die sich für eine bessere Qualität von Bildung in Schulen und Hochschulen einsetzen will. Für dieses Ziel gebe es aber „keine Patentlösungen“, sagte sie. Gleichzeitig forderte sie eine „neue Lernkultur mit einer Bereitschaft zur Anstrengung und Leistung“. Wie ein solches Konzept aussehen soll, ist angesichts der zahlreichen, inzwischen in den einzelnen Bundesländern kursierenden Vorstellungen noch nicht abzusehen. Die KMK-Präsidenten steht in dem Bestreben, ein klares, von allen Ländern getragenes Entwicklungskonzept für die Schule zu bewirken, ohne Zweifel vor einer schweren Aufgabe.
Autor: nnz

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