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Ein Wiedersehen im Jahre 2127 (2)

Dienstag, 27. März 2007, 07:23 Uhr
Nordhausen (nnz). „Je näher unser Bus an den alten Stadtkern heranschwebte, umso tränengetrübter glitt mein Blick über das schmucke Häusermeer.“ So endete gestern der erste Teil der seherischen Reisebeschreibung von P. Grabsch. Wie es weitergeht, das erfahren Sie mit dem bekannten Klick.


Noch immer fehlt mir das Verständnis dafür, warum ausgerechnet jenes Stadtquartier, wo die zehn größten und traditionsreichsten Greiseninternate der Stadt gebaut wurden, „Schöne Aussicht" heißt. Aber heutzutage muss ja jedermann bereits ab dem vollendeten 125. Lebensjahr sich in die Obhut einer solchen Versorgungskaserne begeben, obwohl er dann noch (statistisch gesehen) durchschnittlich 20 Lebensjahre vor sich hat. Doch scheinbar zufriedene ältere Menschen standen dort und schwatzten miteinander auf den Rollbürgersteigen, ich konnte aber durch meine Tränenschleier keinen von ihnen erkennen. Wegen Reparaturarbeiten an der automatischen Gehwegüberdachung in der unteren Stolbergerstraße (für die Zeit des Monsuns) bog unser Bus schon in die Nebelungstraße ab.

Die Promenade war schon am frühen Morgen sehr belebt von flanierenden Bürgern in stadt-farbenen Bikinis oder luftig-lockeren Kimonos, was früher in den sogenannten Wintermonaten undenkbar gewesen wäre. Ich sah Bürger aller Altersstufen von etwa 2 bis 120 Jahren. An den Wegen der Promenadenanlagen hockten Bettler mit dem vorgeschriebenen Aufdruck „ALG II" auf den Kimonos, wobei niemand daran Anstoß nimmt, dass sich eigentlich keiner mehr an den Sinn und Ursprung dieser Buchstabenfolge erinnern kann.

Zu Fuß gingen wir die Promenade hinab. Rechterhand sah ich gerührt die stark rostgeschädigte Figur eines Helmefischers. Das antiquierte Angelgerät in seiner Rechten ist längst abgebrochen und sollte gelegentlich durch eine Plastikrute ersetzt werden. Einen kurzen Blick nur warf ich auf den kühlen Zehngeschosser des CTO-Ortsverbandes, in dem diese in unserer Stadt seit langer Zeit führende Partei ihrer alten Konkurrenz, den Spezialdemokraten, in sportlicher Fairneß seit kurzem im Souterrain einige Räume überlassen hat.

Das frühere Stadttheater auf der rechten Seite unseres Weges interessierte mich schon mehr. Vor langer Zeit, genau gesagt bis zum Ende der Genital-Aera, also in den dunklen Jahren der menschlichen Fortpflanzung auf der Basis körperlicher Wechselberührung, hat man zugelassen, dass in diesem ehrwürdigen Gebäude sich exaltiert artikulierende Redner gestenreich und in Kostümen vor zahlendem Publikum (vermutlich unter Ausnutzung von Behinderungen ihrer Besucher in puncto eigener Phantasie) vorgegebene Texte deklamieren, gelegentlich sogar singen und in besonderen Fällen dazu sogar hopsen durften!

Man vermutet neuerdings, dass damals sogar relativ knappe öffentliche Gelder für solche dekadenten Erscheinungen verausgabt worden sind! „Kultur" nannten unsere Altvorderen so etwas, wobei heute unter Sprachforschern strittig ist, auf welcher Silbe dieses jetzt unbekannten Begriffs die Betonung gelegen haben mag. Heutzutage wird in diesem Hause und (auf Wunsch) in aller Öffentlichkeit im sogenannten Foyer die feierliche maschinelle Befruchtung als gesetzliche Pflicht jeder Frau im Alter von 16 bis 40 Jahren vorgenommen.

Den Zeitpunkt wählt bekanntlich jede Frau selbst, muss allerdings die Zahl von mindestens drei Geburten insgesamt erreichen. Die Befruchtungsapparatur kann auf Antrag und bei nachgewiesenen anatomischen Kenntnissen seit etwa fünf Jahren vom Wunschpartner der Frau, der zugleich Samenspender sein darf, selbst bedient werden. Die Entbindungen werden immer öffentlich im Parkett mit Unterstützung von vereidigten Fruchtlosem in Gegenwart der Verwandtschaft und Nachbarschaft ausgeführt. Dann kamen wir endlich am Rathaus an...

Hier endet der zweite Teil der Reisebeschreibung von P. Grabsch. Morgen geht es weiter.
Autor: nnz

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