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Ein Wiedersehen im Jahre 2127 (1)

Montag, 26. März 2007, 07:23 Uhr
Nordhausen (nnz). Die nnz kann einen neuen Autor in ihrer Redaktion begrüßen. P. Grabsch hat Fähigkeiten, die der nnz zu gänzlich neue Möglichkeiten der Berichterstattung verhelfen. Den ersten Beitrag von P. Grabsch haben wird in mehrere Teile gegliedert. Mit einem Klick geht los zum Start.


Am gestrigen 16. Februar des Jahres 2127, dem Feiertag anlässlich der 50. Wiederkehr des Tages des Beschlusses der UNO zur Auflösung aller Staaten, besuchte Henry Quang Tao, der Obermensch III der mitteleuropäischen Weltregion, den Raum Südharz-Hainleite, um sich über den Stand der Vorbereitungen auf das Jubiläum „l 200 Jahre Nordhausen" zu informieren. Ich durfte ihn als Reporter begleiten.

Beim Anflug unserer Linienrakete vom etwas veralteten Typ „Bella Ballistica" (unser OM III verzichtet grundsätzlich auf individuelle Beförderung) aus Richtung St. Petersburg blendeten uns die Spiegelungen des Morgenlichtes auf der technisch veralteten 10-Quadratkilometer-Fotovoltaik-Anlage des Brockens etwas, so dass das Aufsetzen der Oldtimer-Rakete mittels Landeradar leider etwas unsanft erfolgte. Wie lange noch dürfen solche antiquierten Verkehrsmittel unseren Menschen überhaupt noch zugemutet werden, fragte ich unseren Flugkapitän, der mich aber nicht verstand, weil er taub war. Dies sei eine Folge einer Notlandung auf dem künstlichen Marsmond „Epsilon" mit geöffnetem Fenster vor zehn Jahren, flüsterte mir die Glugbegleiterin zu.

Der Landeplatz für Linienraketen lag auf dem Hainfeld am nördlichen Stadtrand von Nordhausen direkt neben der berühmten Landebahn 2 des Flughafens „Unterharz", von dessen Tower herab man jenen wunderbaren Blick bis an die westlichsten Vororte Nordhausens an der Eichsfelder Pforte hat. Also ließ ich es mir nicht nehmen, sogleich diesen Eindruck aufzusaugen. Ich ließ meinen Blick schweifen über die Türme und Hochhäuser meiner Stadt und über die Palmenhaine um sie herum bis hinüber zu dem Wald der 200 Großwindräder auf der Hainleite, während der OM zunächst die Flughafentoilette aufsuchte.

Heimat, wie vertraut du mir doch bist! Und wie sehr habe ich deinen Anblick vermisst während meiner zweijährigen Arbeit für die „Daily Pimpemel" im Südpazifik, der heutzutage so unfreundlich kalten Region, aus der ich gelegentlich von Bord des Atomeisbrechers „Sahara II" von unseren dramatischen und leider vergeblichen Versuchen durch das Packeis der Südsee nach Australien durchzubrechen, auch für diese Zeitung berichtet habe.

Nun aber bestieg ich nach meinem erleichtert durchatmenden OM und seinen Begleitern den bereitstehenden Luftkissenbus und wir schwebten meiner altvertrauten Stadt entgegen. Zunächst ging es durch den Museumsortsteil Stolberg mit seinen gepflegten uralten Fachwerkhäusern, über seltsames Steinpflaster hinweg. Mir kamen die fast lebensecht wirkenden Plastikfiguren an den Fenstern und Türen der Häuser ein wenig überzogen dargestellt vor, oder haben sich die Menschen des 21. Jahrhunderts vor dem großen Klimawandel tatsächlich so aufwändig angezogen? Dann ging es durch ein leicht mäandernes Tal, in dem sich viele Menschen aus den untergegangenen Niederlanden angesiedelt haben. Diese Menschen wollten nie wieder im Flachland wohnen! Es hat mich deshalb besonders berührt, dass Traditionsvereine des ehemaligen Deichvolkes hier im Thyratal das Modell einer Windmühle in Originalgröße aus Plastik nachgebaut haben, obwohl unmittelbar daneben Wassermühlen den Touristen, die ja besonders gern aus den asiatischen Ebenen in diese kleingebirgige Landschaft reisen, Eindrücke von frühgeschichtlicher Technik vermitteln.

An zwei Stellen des Tales sah ich in den Gärten der holzbeschuhten Holländer tatsächlich haushohe dunkelgrüne Nadelgehölze. Sollten das wirklich originäre Reste der legendären „Fichten" sein, die hier vor dem großen Klimawandel in großer Zahl dicht nebeneinander gestanden haben sollen, wie man in älteren Schriften liest? „Wald" nannten unsere Vorfahren solche künstlich angelegten Gehölzfelder, in denen seinerzeit größere Tiere sogar frei herumlaufen durften!

Nach rechts abbiegend konnte ich noch flüchtig das verblasste Hinweisschild mit dem Denkmalschutzsymbol und dem Pfeill „zur Wüstung Rottleberode" lesen, dann schwebte unser Bus schon durch den Ortsteil Stempeda, mußte abbremsen, weil mehrere Klassen der Gesamtoberschule „Barbara Pinke" aus diesem Ortsteil den OM fähnchenschwenkend und Ständchen bringend begrüßen wollten. Auf der zügigen Weiterfahrt erkannte ich die beachtliche Weiterentwicklung unserer Stadt Nordhausen in den letzten Jahren. Wo sich früher das dörfliche Buchholz an einen Hang schmiegte, verteilen sich heute die bescheiden schmalen Straßen der indischen Kolonie strahlenförmig von einem blauweiß gemusterten Klosterkomplex aus in die sanfte umgebende Hügellandschaft.

Wir kamen dort nur im Schritttempo voran, weil silbergraue, wiederkäuende Kühe mitten auf der Fahrbahn lagen und vom Fahrer mit einem Flötensignal erst zum Aufstehen gebeten werden mussten. Ein ganz anderer Eindruck erwartete uns im anschließend passierten sogenannten Petersdorfer Viertel, benannt nach einer früher dort gelegenen Wohnstätte störrischer Bergsiedler, die in der Mitte des vorigen Jahrhunderts an chronischer kollektiver Trunksucht zugrundegegangen sind. Unübersehbar sind heute dort die Symbole chinesischer Architektur und Folklore; ein Teppich von fernstlich geschweiften Dächern, von deren Traufen rotgelbe Seidenlampions schaukeln, bedeckt den ganzen Hügel. Ihren Ausgang nahm diese Kolonie von einer ehemaligen Ausflugsgaststätte „Hans Rigi". An den Hängen des angestauten Rossmannsbaches im Tal der sogenannten „Windlücke" standen Hunderte melodisch schnatternder Frauen im knöcheltiefen Schlamm der terrassenförmig angelegten Reisfelder. Der Busfahrer wies mich daraufhin, daß am Eingang zu diesem Tal denkmalgeschützte Reste einer sogenannten Wurzelkläranlage aus dem letzten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts zu sehen sind, die Zeugnis ablegen von einem der skurilsten ökologischen Irrwege der damaligen Zeit.

Die Hütten der chinesischen Mitbürger erstrecken sich bis etwa auf die Mitte des Stadtberges. Dort befindet sich die im Volksmund als „Silberbrotgabe" bezeichnete Stelle mit einem kleinen Findling, dessen Aufschrift nicht mehr lesbar ist. Aktuelle Nachforschungen im Stadtarchiv rührten zu der Erkenntnis, dass vor 175 Jahren an dieser Stelle ein Heimatforscher namens „Silberborth" bestattet wurde. Die Bezeichnung „Silberborthgrab" ist wohl im Laufe der Jahrzehnte dann zu „Silberbrotgabe" verballhornt worden.

Je näher unser Bus an den alten Stadtkern heranschwebte, umso tränengetrübter glitt mein Blick über das schmucke Häusermeer...


Patrique Benjamin Grabsch

wurde 1971 als zweites Kind der blinden Altsaxophonistin Sabine Grabsch in Nordhausen geboren. Der Vater blieb unbekannt - schließlich hatte die alleinerziehende Mutter die Väter ihrer Kinder nicht erkennen können. Frühzeitig wurde dagegen die ursprünglich musikalische Begabung des Kindes erkannt und der Knabe als Nutznießer eines Sonderstipendiums der Richard-Tonlos-Stiftung zum Studium an das Konservatorium in Zella bei Mehlis geschickt.

Bereits mit sechzehn Jahren erlangte Patrique unter der feinfühligen Anleitung des bekannten Musikpädagogen Prof. Quietsch-Kratzinger die Konzertreife als Schlappgeiger. Sein Freizeithobby aber war der Hooligan-Einsatz bei Eishockeyspielen. Beim unvergessenen Endspiel um den Word-Blamations-Cup 1994 (Icenoses Moskau gegen Schuppeneis Glasgow, 3 : 5 n. Verlängerung) zog er sich einen offenen Schädelbruch zu. Während einige andere Teilnehmer der Stadionausschreitungen damals nicht überlebten, konnte Patrique im Moskauer Boris-Jelzin-Krankenhaus gerettet werden, obwohl seiner Verletzung eine Hirnhautentzündung nachfolgte.

Sein Leben wurde durch den neuartigen Einsatz einer Hirnhautprothese aus Plastikfolie gerettet, jedoch gingen durch die unvermeidliche Absaugung eines Teils des zertrümmerten Stirnhirns einige seiner natürlichen Begabungen verloren. So roch er nichts mehr, erkannte keine Noten mehr und litt fortan unter einer schweren Buttermilch-Allergie.

Andererseits zeigten sich schon in der Genesungsphase nach der Kopf-OP erstaunliche neue Fähigkeiten des Patrique. Grabsch vermochte visionär Bilder, Abläufe und Entwicklungen des Lebens der Menschen 100 bis 150 Jahre im Voraus zu erkennen. In Trance-ähnlichem Zustand beschreibt er mit gepresster Stimme diese seine Visionen, die er selbst auf Tonband festhält und später aufschreibt. Er arbeitet heute als freier Journalist. Die Redaktion schätzt sich glücklich, diesen bemerkenswerten Autor aufgrund seiner Heimatverbundenheit zur Mitarbeit für diese Zeitung gewonnen zu haben. Es bedarf wohl kaum des besonderen Hinweises, dass wir uns weder für den Inhalt noch für die Form dieser Visionen in irgendeiner Weise verantwortlich fühlen.
Ihre nnz


Hier, liebe nnz-Leser, endet der erste Teil der Reisebeschreibung. Mehr gibt es morgen zu lesen.
Autor: nnz

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