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Wer lernt von wem?

Donnerstag, 15. März 2007, 07:18 Uhr
Nordhausen (nnz). Vom Eichsfeld lernen, heißt siegen lernen. So in etwa stellt sich das der Hauptgeschäftsführer der Nordthüringer Kreishandwerkerschaft, Dr. Bernhard Senft, vor. In punkto Berufsvorbereitung allerdings möchten die Nordhäuser den Spieß umgekehrt wissen. Die nnz mit einer Bestandsaufnahme.


Wir schreiben das Jahr 1999. Da startete im Landkreis Nordhausen ein Projekt, das Landrat Joachim Claus (CDU) gern Polytechnik nannte und nennt. Nur offiziell durfte dieser Begriff aus pädagogischen DDR-Zeiten nicht in den Mund genommen werden. Es ist wie beim Verhältnis von Medizinischem Versorgungszentrum und Poliklinik.

Das Bildungswerk Bau Hessen Thüringen kooperierte genau in jenem Jahr mit der Regelschule in Niedersachswerfen. Die jungen Menschen wurden in Nordhausen auf ihren künftigen Beruf vorbereitet. Mit Erfolg, wie sich schnell herumgesprochen hatte. Als dann Fördermittel seitens des Landes Thüringen flossen, wurde daraus das Projekt „Start Regio“. Mit im Boot saßen neben dem Bildungswerk Bau auch das IKL, die IHK, das Schulamt in Worbis, das Nordhäuser Landratsamt und die Stadtverwaltung Nordhausen.

Seit dem wird eine Berufswahlvorbereitung in 14 Berufsfeldern angeboten. Das sind bei weitem nicht nur die Bauberufe, sondern zum Beispiel Umweltgestaltung, Raumgestaltung, Entwurfslehre, Holzbau, Metalltechnik oder Kunststofftechnik. Auch Elektrotechnik ist mit dabei. Schüler der 7., 8. und 9. Klassen der Regelschulen sowie der 9. und 10. Klassen der Gymnasien sind in die Vorbereitung auf eine künftige Berufswahl einbezogen. Und das flächendeckend im Landkreis Nordhausen. Fachleute wissen, dass damit der Landkreis Nordhausen der einzige in Deutschland ist. Und so stellt sich die Frage, wer von wem lernen kann?

In der 7. Klasse können sich die Schüler eine Woche lang orientieren, sich ausprobieren, Fähigkeiten oder Begabungen austesten. Danach folgen im zweiten Schulhalbjahr fünf Tage der Praxis. In der achten Klasse wird auf diese Erfahrungen aufgebaut. Kooperationen gibt es inzwischen mit der Nordhäuser Fachhochschule und dem Regionalmanagement des Landkreises Nordhausen, mit Erfolg. Auch die Wirtschaft in Form des Unternehmerverbandes ist mit dabei.

Das Austesten der Fähigkeiten endet mit Noten und einem Zertifikat, das wiederum wichtig für die Erlangung des Berufspasses ist. Mit der Berufswahlvorbereitung sollen die Schülerinnen und Schüler an das Berufsleben herangeführt werden, sie sollen sich an Tugenden gewöhnen, die im Berufsalltag unabdinglich sind: Pünktlichkeit, Ausdauer, das arbeiten nach Normen oder die Teamfähigkeit. Das Bildungswerk Bau und das IKL legen bereits in der berufswahlvorbereitenden Phase großen Wert auf das enge Zusammenwirken zwischen Schulleitern, Lehrern und Eltern.

Umso mehr sind die Fachleute von der Haltung der Nordhäuser Stadtverwaltung enttäuscht, die das Eichsfelder Modell anpries. Entweder man habe im Rathaus noch nichts von diesem Projekt vor der eigenen Haustür gehört oder man vertraue den eigenen Projekten nicht, hieß es gestern unisono in der Wiedigsburghalle beim Forum Berufsstart.

Und so konnte sich Landrat Joachim Claus eines Seitenhiebs in Richtung Kreishandwerkerschaft nicht erwehren: Siegen lernen können in diesem Fall die Eichsfelder von den Nordhäusern, so der Kommunalpolitiker. Scheinbar aber gilt der Prophet im eigenen Lande nicht viel, wie dieses Beispiel in punkto Informationsstand des Rathauses zeigt.
Autor: nnz

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