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Verse zur Orientierung

Montag, 19. Februar 2007, 08:12 Uhr
Nordhausen (nnz). So mancher war nach der Barbarei des Nazireiches überzeugt, dass man nun Gedichte nicht mehr schreiben könne. Aber, die Sprachkunst der Lyrik, die es seit dem Alten Ägypten gibt, lebte auch nach dem 2. Weltkrieg mit seinen Vernichtungslagern weiter. Einer von denen, der seine Stimme erhob, war der am 1. Februar 1907 in Lebus an der Oder geborene Günter Eich. Dazu eine Hommage von Heidelore Kneffel.


In diesem Ort – in Lebus - im Brandenburgischen gibt es eine Dauerausstellung zu diesem unverwechsel-baren Lyriker und Hörspielautor deutscher Sprache, zusammengestellt vom Branden-burgischen Literaturbüro und der Märkischen Dichterlandschaft. Verstorben ist Eich am 20. Dezember 1972 in Salzburg.

In einem seiner Gedichte schreibt Eich: „Oder, mein Fluß, erklärbar/aus Quellen und Nebenflüssen,/mein Morgengewinn, meine Unruhe,/meine Sanduhr über den Ländern.“, und benennt so seine Verwurzelung. Zum Studium zog es ihn von 1925 – 1932 nach Berlin, Leipzig, Paris, er belegte Sinologie, Jura und Volkswirtschaft, unterzog sich aber keines Abschlusses. Seit 1927 veröffentlicht er in Zeitschriften Gedichte, 1930 erscheint sein erster Lyrikband. Gleichzeitig widmet er sich auch dem Hörspiel. Er gilt als der Begründer der poetischen Hörspielgattung. Allein bis 1939 entstehen 25 von diesen, an seinem Lebensende sind es 146. Im Jahr 1939 verliert er bei einem der Luftangriffe auf Berlin fast alle seine Manuskripte.

Bei Kriegsende ist er für einige Monate in amerikanischer Gefangenschaft, in der zwei seiner berühmten Gedichte entstehen: „Latrine“ und „Inventur“. Dort lernte er Alfred Andersch und Hans Werner Richter kennen, und durch diese kam er zur Gruppe 47, deren erster Preisträger er wurde. Die Gedichte, die er in den Kriegsjahren und ersten Nachkriegsjahren verfasst hatte, kamen in den Bänden „Abgelegene Gehöfte“ und „Untergrundbahn“ heraus, in dem der Einfluss der Naturlyrik Peter Huchels, mit dem er seit der Vorkriegszeit bekannt war, deutlich wird. Er widmet sich intensiv der Nachdichtung chinesischer Lyrik.

1951 wurde eines seiner bekanntesten Hörspiele „Träume“ ausgestrahlt, das bei einigen heftigen Protest auslöste. In ihm war auch das Gedicht „Wacht auf, denn eure Träume sind schlecht!“ zu hören. Eich schreibt: „Wacht darüber, daß eure Herzen nicht leer sind, wenn mit der Leere eurer Herzen gerechnet wird! Tut das Unnütze, singt die Lieder, die man aus eurem Munde nicht erwartet! Seid unbequem, seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt!“ Er gründet die renommierte Literaturzeitschrift „Akzente“ mit. Als Gedichtbände erscheinen „Botschaften des Regens“, „Zu den Akten“, Anlässe und Steingärten“ und „Nach Seumes Papieren“.

Als er den Georg-Büchner-Preis erhält, fordert er in seiner Rede zur Kritik an der Macht auf, und er artikuliert Einsichten in seine Versäumnisse zur Nazizeit. Lesereisen führen Eich bis nach Japan, Indien und Thailand.

Die Erfahrungen, die die Jahre ihm vermitteln, lassen die Sprache des Günter Eich immer knapper, immer lakonischer werden. Er war ständig am Sich-Häuten, also dünnhäutig, er war ein Einzelgänger, aber kein Einsiedler. Eich verachtete das vernunftlose Geschwätz und die „gelenkte Sprache“, die besonders von den Politikern postuliert wird. Zum Schluss bestehen seine Gedichte oft nur aus einer Zeile. Er selbst hat sein Schaffen in drei Phasen gesehen, in der romantischen, der neusachlichen und in der experimentellen.

In der „Dichterstätte“ werden am Samstag, dem 24. Februar, ab 14.30 Uhr Gedichte vorgetragen, die seine Frau, Ilse Aichinger, ebenfalls eine anerkannte Lyrikerin und Hörspielautorin, zusammengestellt hat.
Autor: nnz

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