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Schrebergärten haben mit Leerstand zu kämpfen

Kleiner Garten, was nun?

Samstag, 07. März 2026, 09:00 Uhr
Über 860.000 Kleingärten und rund fünf Millionen fleißige Gärtnerinnen und Gärtner gibt es in Deutschland, der Schrebergarten ist Kulturgut. Auch in Nordhausen ist das "Gärtchen" seit über 100 Jahren Teil des gelebten Alltags, in Zeiten schwindender Bevölkerung stehen die Vereine, die das Kleingartenwesen am Leben halten, aber vor großen Herausforderungen...

Mit dem Frühling kehrt das Leben auch in die Gartenanlagen zurück, immer mehr Parzellen bleiben inzwischen aber unbesetzt (Foto: agl) Mit dem Frühling kehrt das Leben auch in die Gartenanlagen zurück, immer mehr Parzellen bleiben inzwischen aber unbesetzt (Foto: agl)

Das älteste, aktive Mitglied im Kleingartenverein Dahlie ist 92 Jahre alt. Im kommenden Jahr stehen zwei weitere 90. Geburtstage an, die Anlage mit der schönen Aussicht auf Windlücke und Borntal ist mit 113 Jahren selbst ein Urgestein, die älteste Kleingartenanlage der Stadt*.

Nachdem der Verein 2015 am Rand des finanziellen Ruins stand, hat man sich unter neuer Leitung aufgerappelt und seitdem ist eine Menge passiert. Die gemeinschaftlichen Arbeitseinsätze zur Pflege der Anlage finden wieder regelmäßig statt, im Frühjahr stehen Container für Grünschnitt zentral allen zur Verfügung, die Tore und einige Zäune wurden erneuert, ein kleiner Parkplatz gebaut, im oberen Teil der Anlage konnten Strom- und Wasserversorgung saniert werden und finanziell steht man auch wieder auf festerem Boden. Die ehemalige Kneipe dient inzwischen als Vereinsheim, mit Gartenfesten- und Filmabend oder kooperativer Apfelernte hat man versucht, wieder mehr gemeinsames erleben in die Dahlie zu bringen und zur WM will man im Sommer gemeinsam Fußball schauen.

Die Dahlie ist ein Glücksfall. Der „Notvorstand“, der damals das Ruder übernahm, ist kein Provisorium geblieben, mit Martin Kurze hat man einen vergleichsweise jungen Vorsitzenden, der sich für die Anlage einsetzt. „Martin war die treibende Kraft in den letzten Jahren. Er ist immer unermüdlich vorgerannt und hat die Dinge wieder ins Laufen gebracht.“, erzählt Judith Beate, die sich im Vorstand um die Kommunikation mit den rund 135 Mitgliedern und um die Finanzfragen kümmert. Zur Jahresversammlung im Februar wird Kurze verdient und herzlich zum 10jährigen Jubiläum gratuliert und nach einer Dekade Arbeit hat man den Ehrenamtlichen auch wieder eine kleine Vergütung gegönnt.

Martin Kurze arbeitet im Schichtbetrieb, findet aber trotzdem viel Zeit für seine Gartensparte, zur Not auch mit dem eigenen Transporter. Nach zehn Jahren Ehrenamt gab es im Verein für das Engagment zur Jahreshauptversammlung viele Dankesworte und auch ein paar Geschenke (Foto: agl) Martin Kurze arbeitet im Schichtbetrieb, findet aber trotzdem viel Zeit für seine Gartensparte, zur Not auch mit dem eigenen Transporter. Nach zehn Jahren Ehrenamt gab es im Verein für das Engagment zur Jahreshauptversammlung viele Dankesworte und auch ein paar Geschenke (Foto: agl)

Silberschweif am Horizont
Die Geschichte der „Dahlie“ ist ein Glücksfall aber auch eine Ausnahme und trotz der guten Entwicklungen steht man in den kommenden Jahren vor großen Herausforderungen. Die Stromversorgung in der Hauptanlage muss erneuert werden, Kostenpunkt: rund 70.000 Euro. Mit Lottomitteln und Ehrenamtsförderung ist das nicht zu stemmen, größere Fördertöpfe gibt es für das Kleingartenwesen nicht, weder auf der Landes- noch auf der Bundesebene. Es bleibt nur der Weg, die Kosten gestaffelt umzulegen. Zwanzig Leerstandsgärten muss der Verein zur Zeit in Schuss halten, in der Hoffnung das sich neue Interessenten finden, wobei man hier in den letzten Jahren nicht nur gute Erfahrungen gemacht hat. Säumige Pächter, vernachlässigte Parzellen an die nur schwer heranzukommen ist, Termine mit Anwälten und Gerichtsvollziehern - auch das gehört leider zum Alltag.

Ein Menetekel sieht, wer zur Jahresversammlung einen Blick in die Runde warf: viele, viele ergraute Häupter. Wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen auch schlägt sich die Demographie auf die Kleingärten durch - die fleißigen Gärtner werden immer älter, es fehlt an Nachwuchs und die über ein Jahrhundert gewachsenen Strukturen kommen in ihrer jetzigen Form an ihre Grenzen.

Im ländlichen Raum ist das Kleingartenwesen bereits auf dem Rückzug, erzählt Bernd Stodolka, Vorsitzender des Nordhäuser Kreisverbandes der Kleingärtner. 2.800 verpachtete Parzellen zählt der Verband im Landkreis, weitere 400 stehen leer, eine Quote von rund 15 Prozent. Bei den Nachbarn im Kyffhäuserkreis hat man die Marke von 30 Prozent bereits überschritten und punktuell ist auch die Lage im Nordhäuser Kreis akut. In Sollstedt etwa geht die Leerstandsquote den 50 Prozent entgegen. „Früher gab es fast in jedem Dorf Kleingärtnerei, heute haben wir dort die größten Leerstände. Aber auch in den städtischen Bereichen wird es schwieriger. Die Anlage am Rossmansbach in Nordhausen Ost hat bald 30 Prozent Leerstand und es kommt irgendwann der Punkt, an dem die Vereine das nicht mehr stemmen können und man sich fragen muss, wie es weiter gehen soll“, sagt der Kreisvorsitzende.

Bernd Stodolka steht dem Kreisverband der Nordhäuser Kleingärtner vor und kennt die Sorgen der Gartenvereine (Foto: agl) Bernd Stodolka steht dem Kreisverband der Nordhäuser Kleingärtner vor und kennt die Sorgen der Gartenvereine (Foto: agl) Stodolka, der lange bei der städtischen Wohnungsbaugeselleschaft SWG gearbeitet hat, meint den Kleingärten stehe das bevor, was in der Wohnungswirtschaft schon lange praktiziert wurde: der Rückbau. „Wir werden nicht verschwinden, aber wir werden kleiner. Wo und wie das passiert, was Bestand haben sollte, wo sich Investitionen lohnen und wo nicht - das sind auch stadtplanerische Fragen, die wir alleine nicht beantworten können. Aber wir können und müssen sowohl mit dem Kreis wie auch mit der Stadt an entsprechenden Entwicklungskonzepten arbeiten“.

Die Gretchenfrage ist auch hier das Geld, Beräumung im größeren Stil kann schnell teuer werden, zu teuer als das Vereine mit ein paar hundert Mitgliedern solche Aufgaben stemmen könnten. Entsprechende Fördertöpfe gibt es in Thüringen bisher nicht und wird auf Bundesebene über derlei Herausforderungen gesprochen, offenbaren sich schnell zwei Welten, erzählt Stodolka. „Die Strukturen in den alten Bundesländern sind anders gewachsen. Die Probleme, die wir hier sehen, kennt man nicht in dem Umfang und in den Ballungsgebieten gibt es lange Wartelisten, da können Monate und Jahre ins Land gehen, ehe man einen Kleingarten bekommt. Man redet da schnell auf ganz anderen Ebenen und wir finden dabei nicht richtig Gehör. In Thüringen zeigt sich die neue Landesregierung immerhin inzwischen aktiver als in der Vergangenheit. Man bemüht sich, fängt aber auch gerade erst an.“

Eigenversorgung und Erholung
Bestimmte Dinge sind nur auf der Landes- und Bundesebene zu regeln. In der Dahlie etwa hadert man mit der Ein-Drittel-Regelung. Die besagt, dass im Kleingarten ein Drittel der Fläche für den Anbau, ein Drittel für die Zierde und ein Drittel für die Erholung genutzt werden müssen. Der Acker dort, das Blumenbeet hier, die Laube da. Was historisch gewachsen ist und im Sinne des Erfinders dazu dienen sollte, den weniger Wohlhabenden Grund und Boden zur Eigenversorgung zur Verfügung zu stellen, ist für manch angehenden Kleingärtner nicht mehr zeitgemäß. „Manche wollen ihren Garten vor allem als Ruhe- und Rückzugsort nutzen, weniger als Anbaufläche. Wenn sich aber zu viele Pächter nicht an die Vorgaben halten, kommt der Verein in schwieriges Fahrwasser, weil die Regeln für die Pacht dann anders greifen und es insgesamt für alle deutlich teurer werden kann“, erläutert Judith Beate. Mit dem Zollstock und Maßband läuft deswegen keiner durch die Gartenanlage, aber man muss auf die Einhaltung der Vorgaben pochen und die kommen aus dem Bundeskleingartengesetz.

Für Bernd Stodolka sind Vorgaben wie die Drittel-Regelung aber auch ein Segen, verbindet sich damit doch auch der besondere Pächterschutz, den man im Kleingarten genießt. „Für die Schrebergärten gelten besondere Umstände. Einen Pachtpreis von 0,06 Cent bekommen sie sonst nirgendwo und als Kleingartenpächter ist man so gut wie unkündbar. Die Ein-Drittel-Regelung mag ein wunder Punkt sein, aber diese Vorteile hängen da direkt mit dran“, sagt der Vorsitzende des Kreisverbandes.

Kleiner Garten, was nun?
Bei allen Herausforderungen sollte auch gesehen, was weiterhin in den Gartensparten geleistet werde, meint Stodolka. „140 Hektar machen die Gärten im Landkreis aus. Das ist urbarer Raum, in dem mit der Natur gearbeitet wird. Die Älteren sind mit dieser Verbundenheit aufgewachsen, über den Schulgarten oder auch im eigenen, kleinen Garten der Eltern oder Großeltern. Es wäre schön und wünschenswert, wenn die jüngere Generation das wieder für sich entdecken könnte aber die Zukunft der Vereine liegt nicht alleine im Generationenwechsel. Was gebraucht wird, sind zuverlässige und engagierte Menschen in den Vorständen, da spielt das Alter nur bedingt eine Rolle. Wo die Vereine gut geführt werden und auch eine Beständigkeit da ist, da geht es auch voran, dass sehen wir beim Kreisverband deutlich.“, so Stodolka.

In der Dahlie hat das bisher gut geklappt. Zur Hauptversammlung sagt eine ältere Dame im Publikum: „Die zehn Jahre Probezeit hat Martin geschafft, jetzt kann er die nächsten zwanzig weitermachen“. Es ist Raum da für Humor, trotz der Herausforderungen. Darüber wie man neue Gartenfreunde locken kann zerbricht man sich aber auch hier den Kopf. Die Krux liegt dabei auch im Wesen des Schrebergartens an sich: ein jeder macht ein bisschen Seins, seinen Acker, seinen Rückzugsort, sein „Ding“. Genügend Leute für Arbeitseinsätze zusammenzubekommen, etwa um den Leerstand vor der Verwilderung zu bewahren, kann da schnell schwierig werden. Und wenn die Anlage so Stück für Stück verkommt, vergrault das den dringend benötigten Nachwuchs. Ein „Jeder für sich“ kann auf Dauer nicht funktionieren. Es muss gemeinsam angepackt werden, in den Anlagen an sich, aber auch bei der Idee des Kleingartens an sich.
Angelo Glashagel

*In Salza wurde bereits 1904 eine Kleingartenanlage eingerichtet, neun Jahre vor der „Dahlie“, aber Salza war damals noch kein Teil der Stadt Nordhausen.
Autor: red

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