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Lichtblick zum Wochenende

Wenn man Stimmen hört...

Freitag, 13. Februar 2026, 09:00 Uhr
Helfried Maas ist Gefängnisseelsorger in der JVA in Arnstadt. In unserem "Lichtblick zum Wochenende" schreibt er über Schuld, Verletzung, Bitterkeit oder Selbstverurteilung...

Vor kurzem bat mich unsere Kirchenzeitung darum, über einen ziemlich schwerwiegenden Vers aus dem 1. Johannesbrief zu schreiben: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“

Werke des Teufels? Was soll das genau sein? Und was bedeutet das für meine Arbeit als Gefängnisseelsorger, direkt im Kontakt mit Inhaftierten? Vielleicht so: Wenn die Bibel von den „Werken des Teufels“ spricht, meint sie nicht nur das offen Böse. Im Gefängnis zeigen sie sich oft ganz unscheinbar: Fremde Stimmen, die sagen: „Du bist auf deine Tat reduziert. Mehr wird aus dir nicht.“ Und die eigenen Stimmen der Gefangenen: „Ich ändere mich eh nicht mehr.“ Stimmen, die die Menschen oft stärker als die Mauern fesseln, weil sie im Inneren wirken.

In diese Situationen hinein spricht der Vers: „Der Sohn Gottes ist erschienen.“ Nicht erst, wenn jemand sein Leben geglättet hat. Nicht nur für die Erfolgreichen und Gewinner. Sondern mitten hinein in die eigene Schuld, die Brüche und verpassten Chancen. Jesus zerstört nicht den Menschen, sondern das, was ihn zerstört: zum Beispiel die Lügen über den eigenen Wert oder die Angst vor einem Neuanfang. Die Wirkung zeigt sich dabei manchmal erst später und vor allem auch unscheinbar: wenn jemand ohne Ausflüchte Verantwortung übernimmt. Wenn Zuhören wichtiger wird als kluge Ratschläge. Wenn ein Mensch beginnt zu ahnen, dass seine Geschichte noch nicht zu Ende erzählt ist und dass Zukunft mehr sein kann als die Verlängerung der Vergangenheit.

Gefängnismauern gibt es nicht nur aus Beton. Auch außerhalb leben Menschen in inneren Zellen aus Schuld, Verletzung, Bitterkeit oder Selbstverurteilung. Die Zusage dieses Verses gilt uns allen: Christus ist gekommen, um das zu durchbrechen, was uns gefangen hält. Freiheit beginnt oft unscheinbar. Und vielleicht fühlt sie sich auch nicht sofort danach an...

Helfried Maas, Gefängnisseelsorger in der JVA Arnstadt
Autor: red

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