nnz-online
Heimatgeschichte

Der Kohnstein glüht

Sonntag, 11. Januar 2026, 14:00 Uhr
An diesem eisigen Sonntagmorgen, bei minus 14 Grad, scheint der Kohnstein im Sonnenlicht zu glühen – ein trügerisch schöner Anblick. Denn unter dieser winterlichen Ruhe verbirgt sich ein Ort, an dem die Geschichte brannte: Hitlers Raketenberg, Tatort der Zwangsarbeit, ein Kapitel, das uns bis heute verpflichtet hinzusehen...

Der Kohnstein im Licht der Wintersonne (Foto: Tim Schäfer) Der Kohnstein im Licht der Wintersonne (Foto: Tim Schäfer)

Wer heute am frühen Morgen vom Kupferhammer bei Niedersachswerfen/Harztor aus, siehe Foto, hinüber zum Kohnstein blickte, sah einen stillen, kaum mehr bewaldeten Rücken, der sich über Niedersachswerfen erhebt. Der heute Morgen in der Sonne regelrecht zu glühen scheint. Ein vertrauter Anblick für viele Menschen im Südharz. Und doch ist dieser Berg keiner wie jeder andere. Er trägt Narben – unsichtbar und sichtbar für das Auge, tief eingeschrieben in die Geschichte dieser Region. Der Kohnstein ist ein Ort, an dem sich im 20. Jahrhundert technische Hybris und menschliches Leid auf grausame Weise berührten. Ein Ort, an dem die nationalsozialistische Rüstungsmaschinerie „Wunderwaffen“ bauen ließ – und an dem Tausende Zwangsarbeiter starben.

Wer hier lebt, weiß: Der Berg ist mehr als ein geografischer Punkt. Er ist ein Mahnmal.
Schon in den 1930erJahren begann die WiFo, ein weitverzweigtes Stollensystem in den Anhydrit zu treiben. Offiziell ging es um Treibstofflager. Als die britische Luftwaffe 1943 Peenemünde bombardierte, suchte das NSRegime fieberhaft nach einem neuen Standort für die Raketenproduktion. Der Kohnstein wurde zur Antwort – und zum Schauplatz eines Menschheitsverbrechens. Mit der Einrichtung des KZAußenlagers Dora begann ein Kapitel, das bis heute schwer zu begreifen ist. Die ersten Häftlinge lebten und arbeiteten wochenlang unter Tage, ohne Tageslicht, in Staub, Lärm und giftigen Dämpfen, lungenkrank. Sie schliefen in den Stollen, zwischen Maschinen, Schutt und Abgasen. Viele überlebten diese ersten Monate nicht.

Der Berg, der heute so friedlich wirkt, war damals ein Ort des Sterbens. Mag sein, der Berg glühte auch im Winter 1944/45 so wie an diesem Morgen, ebenso winterlich, im Schnee und Frost. Der Himmel war ein gläsernes, gefrorenes Blau, und der Rauch aus dem Schlot des KZ-Krematoriums stieg auf wie ein schwarzer, starrer Dorn, der die Luft verletzte. Er stand in der Landschaft wie ein kaltes, lautloses Urteil, das niemand aussprechen wollte, und dass doch alles durchdrang.

Gleichzeitig wuchs im Inneren des Kohnsteins das „Mittelwerk“ heran – eine unterirdische Fabrik, in der die V2Rakete montiert wurde. Ein technisches Prestigeprojekt, das bis heute Mythen nährt. Doch wer sich ernsthaft mit der Geschichte beschäftigt, weiß: Die V2 war technisches Wunderwerk, viel mehr aber ein Produkt der Zwangsarbeit. Sie tötete im Einsatz weniger Menschen, als beim Bau im Kontext NS-Zwangsarbeit starben. Ein bitteres Paradox, das die moralische Leere dieses Projekts offenlegt. Bis heute nachhallt. Als amerikanische Truppen im April 1945 Mittelwerk und das Lager erreichten, fanden sie ausgemergelte Häftlinge, Leichen, Chaos. Befreiung! Technologie für Amerika. Viele Gefangene waren bereits auf Todesmärsche getrieben worden. Die Bilder, die damals entstanden, gingen um die Welt – und sie prägen bis heute das Bild von MittelbauDora und vom Kohnstein bzw. der Umgebung hier.

Bis in die 1950-er Jahre sollten die ehem. Produktionsanlagen im Berg, die Stollen, massiv gesprengt werden, was nicht durchgängig erfolgt ist. Das Material des Kohnsteins, vorzüglich reiner Anhydrit und Gips, wurde in DDR- Zeiten (Leuna-Werke Walter Ulbricht, Merseburg) massiv gewonnen, für Industrie und Wohnungsbau im Aufbau des Sozialismus verarbeitet und auch exportiert.

Bis heute wird das Material im Tagebau abgebaut. Heute ist die Gedenkstätte MittelbauDora Nordhausen ein zentraler Ort des Erinnerns – und ein Ort, der uns zwingt, hinzusehen. Nachzudenken. Denn der Kohnstein ist nicht nur ein Stück Landschaft. Er ist ein besonderes Kapitel unserer Geschichte. Ein Kapitel, das uns mahnt, wachsam zu bleiben.

Wer hier lebt, weiß: Die Vergangenheit liegt nicht weit unter der Oberfläche. Sie liegt direkt unter unseren Füßen.
Tim Schäfer
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de