Meine Meinung:
Grotewohlring oder Stresemannring?
Donnerstag, 18. Dezember 2025, 16:08 Uhr
Die Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur Evelyn Zupke, schlägt vor, zahlreiche, nach sozialistischen oder kommunistischen Persönlichkeiten benannte Straßen in Ostdeutschland nach DDR-Bürgerrechtlern zu benennen. Einige Gedanken dazu von nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg...
Die Gumpertstraße fiel, welch ein Glück, fast 700 Jahre lang bei der Straßenbenennung nach Politikern durchs Raster. Für das Jahr 1376 ist bereits die Bezeichnung Gumprechtis Gasse dokumentiert. -Vielleicht hat sie das auch vor der Zerstörung gerettet? (Foto: B. Schwarzberg)
Jede Gesellschaft benennt Straßen nach ihren Herrscher- oder Gründergestalten, nach denen, die die gerade bevorzugte Ideologie aufschrieben und verbreiteten und Jenen, mit denen sich das alltägliche Handeln der jeweils herrschenden Parteien und deren Strukturen am besten legitimieren lässt. Das Rechtfertigen einer bestimmten Ideologie, von Gesetzen und der jeweiligen Verfassung, sowie deren Schaffung bzw. Umsetzung durch Legislative, Exekutive und Judikative soll für jeden Bürger und jede Bürgerin im öffentlichen Raum sichtbar sein.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871, also des sogenannten Zweiten Reiches, gab es wohl kaum eine deutsche Stadt ohne Straßen und Plätze, an deren Blechschildern nicht die Namen der deutschen Kaiser Wilhelm I. und später Wilhelm II. prangten.
Diese hielten sich auch verbreitet in der Weimarer Republik, obwohl man Wilhelm II. neben seiner Verantwortung für den Ersten Weltkrieg die Flucht in die Niederlande als Bruch des Treueeids und Fahnenflucht übelnahm. Aber die Bevölkerung hatte sich an die Namen gewöhnt, und wohl schon damals hätte eine Umbenennung hin zu Politikern der neuen Regierungen zu gefühltem Identitätsverlust, zu Kosten und vor allem zu großem bürokratischen Aufwand geführt.
Im Dritten Reich dann wurde aus fast jeder zentralen Dorf- oder Hauptstraße eine Adolf-Hitler- oder Hermann-Göring-Straße. In Nordhausen trug der Marktplatz den Namen des Diktators und Reichskanzlers.
Eine auffallende Inflation neuer Straßennamen gab es, um beim Beispiel Nordhausen zu bleiben, im Jahre 1945, als laut Wikipedia insgesamt 63 Straßennamen aus der Zeit zwischen 1851 und 1945 umbenannt wurden. Dies symbolisierte den radikalen Bruch der nun kommunistischen Herrscher im Osten Deutschlands mit der monarchistischen und nationalsozialistischen Vergangenheit.
Zwischen 1946 und 1989 gab es dann noch einmal 46 Umbenennungen Nordhäuser Straßen.
Dass kaum etwas so vergänglich ist, wie ein politisch gefärbter Straßenname, zeigen aber auch die vergangenen 35 Jahre: Denn erneut wurden in Nordhausen 30 Straßen und Plätze umbenannt, davon 27 aus der Zeit sowjetischer Besatzung und der DDR: Aus der Otto-Nuschke-Straße wurden wieder Am Frauenberg, aus dem Otto-Grotewohl-Ring wieder der Stesemannring, aus der Ernst-Thälmann-Straße die Bochumer Straße und aus der Karl-Liebknecht-Straße die Hesseröder Straße.
Der Wunsch, einem vorherrschenden oder auch nur gefühlten politischen Mainstream mittels eines Straßennamens Ausdruck zu verleihen, beflügelt, je nach dem Gang der Geschichte, häufige Umbenennungen: So wurde der bereits erwähnte Stresemannring unter dem Namen des kurzzeitigen, nationalliberalen Reichskanzlers von 1923 Gustav Stresemann 1930 angelegt und von den Nationalsozialisten 1933 in Albert-Leo-Schlageter-Ring umbenannt. Schlageter gehörte zu den Kultfiguren der frühen NSDAP und war bereits 1923 im Zuge seiner Aktivitäten um das besetzte Ruhrgebiet hingerichtet worden.
Zwischen 1945 und 1968 hieß die Straße am Neuen Friedhof erneut Stresemannring, danach nach dem Vorsitzenden der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone und SED-Mitgründers Otto-Grotewohl-Ring und seit 1990 wieder Stresemannring.
Warum sich das glitschige Pflaster des Stresemannrings angesichts seiner politisch so ungleichen Namenspatrone noch nicht gehoben hat, ist nur schwer nachvollziehbar.
Dass die Straße, die ich als Kind unter dem Namen Grotewohl-Ring kennenlernte, über viele Jahre eigentlich Stresemannring hieß, wusste ich von meinen Nordhäuser Großeltern, die ihn, wohl aus Gewohnheit weiterhin so bezeichneten. Die Umbenennungen, mögen sie vielleicht aus so mancher politischen Sicht gerechtfertigt erscheinen, stiften einfach Verwirrung, denn sicher dauerte es damals nicht nur bei mir eine Weile, bis feststand, dass Stresemannring und Grotewohl-Ring dieselbe Straße meinten.
Obwohl nach Wende und DDR-Anschluss aber bereits wieder so viele Straßen um-, neu- oder rückbenannt wurden, reicht das der eingangs erwähnten SED-Opferbeauftragten noch immer nicht aus:
"Aber Straßennamen sind eben so etwas Präsentes. Nicht nur für die Opfer der SED-Diktatur, aber auch für alle anderen Menschen, die gar nicht so viel über die Geschichte wissen. Dann nehmen die Menschen den Namen auf und hinterfragen ihn gar nicht", sagte Frau Zupke laut mdr.de.
Die in vielen ostdeutschen Städten beispielsweise noch reichlich vorkommenden Straßen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, Ernst-Thälmann-Straßen, Wilhelm-Pieck-Straßen oder Lenin-Straßen müssten ihrer Meinung nach umbenannt werden. Laut Deutschlandfunk sollten sie, so Zupke, Namen von Personen erhalten, die in der DDR Widerstand geübt hätten.
Dabei haben sich die aktuelle Bundesregierung und auch die für Benennungen zuständigen Kommunen eigentlich den Bürokratieabbau auf die Fahnen geschrieben, denn jedwede weitere Straßenumbenennung führt zu vermeidbaren Papierbergen bei Bürgern und in Verwaltungen und zu viel vergeudeter Zeit. Nicht zuletzt sind Straßennamen, auch wenn sie politisch nicht jedem passen, ein Stück weit Identität für ihre Bewohner, ja auch ein Stück ostdeutscher Identität, von der man in der vereinten Bundesrepublik bekanntermaßen noch nie allzu viel gehalten hat.
Und selbst dann, wenn frühere DDR-Bürgerrechtler die neuen Namensgeber einer dann ehemaligen Lenin- oder Wilhelm-Pieck-Straße sind, wenn diese dann also zum Beispiel Gauck-Straße oder Katrin-Göring-Eckert-Straße heißen würden, wäre der nächste Streit vorprogrammiert: Zum Beispiel, weil die tatsächlichen Leistungen der DDR-Bürgerrechtler heute recht unterschiedlich beurteilt werden:
Keine Geringere als die 2023 verstorbene, grüne, einstige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, versuchte, deren Leistung mit denkwürdigen Worten zu relativieren – in Ihrem Vermächtnis einer Pazifistin. Was ich noch zu sagen hätte:
Mediale Wortführer und Interpreten aber wurden andere –und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit (in der Wendezeit-B.S.) auf sowjetischer Seite, immer wirkmächtiger wurde die Legende von der eigenen großartigen Widerstandsleistung. Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maßvoll war und den Grad überlebenstüchtiger Anpassung nicht wesentlich überschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen und verkennen, was andere zum großen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hat.
Sollten also beispielsweise die Nordhäuser Alexander-Puschkin-Straße plötzlich Katrin-Göring-Eckardt-Straße heißen, so wäre neuer Streit vorprogrammiert. Denn andere könnten kommen, und eine Egon-Krenz-Straße bevorzugen, da dem mächtigen Nachfolger von Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden wesentlich mit zu verdanken ist, dass während der Wendedemonstrationen kein einziger Schuss fiel. Vielleicht hat Krenz ja so einen Bürgerkrieg mit unzähligen Opfern verhindert?
Oder es könnte jemand kommen und eine Straße nach eher wenig bekannten Offizieren der DDR-Grenztruppen benennen wollen, weil diese nicht durchdrehten, als die wendetrunkenen Demonstranten durchaus verständlicherweise, aber dennoch nicht immer zimperlich mit den bewaffneten Uniformierten umgingen. Und auch über eine wieder zu benennende Straße der DSF wäre dann vielleicht wieder zu diskutieren, denn eine Deutsch-Sowjetische Freundschaft war nach dem Zweiten Weltkrieg mit 27 Millionen toten Russen, Belarussen und Ukrainern alles andere als selbstverständlich und hatte auch mahnenden Charakter, den man heute so gern vergisst und der doch notwendiger denn je wäre.
Und noch etwas geht mir durch den Kopf, wenn ich an den historisch stetigen Wechsel der Straßennamen denke: Diese Wechsel waren meist mit einem Ende eines alten und dem Beginn eines neuen Gesellschaftssystems verbunden: Das deutsche Kaiserreich bestand 47 Jahre, die Weimarer Republik 14 Jahre, das tausendjährige Reich des Nationalsozialismus nur 12 Jahre und der Lauf des Sozialismus in der DDR wurde entgegen dem legendären Satz Erich Honeckers doch von Ochs und Esel aufgehalten und nach 40 Jahren beendet.
Das gewohnte System der Bundesrepublik Deutschland mit seinen Adenauer-, Kurt-Schumacher-, Willy-Brandt- und Kennedy-Straßen, Axel-Springer-, Rudi-Dutschke- und Genscher-Straßen besteht nun schon denkwürdige 75 Jahre. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass, mit Blick auf die Geschichte, auch dieses System recht sicher nicht ewig bestehen wird.
Ich schlage Frau Zupke aus allen vorgenannten Gründen vor, es zumindest beim jetzigen System der Straßennamen zu belassen. Ich glaube, dass damit den überaus meisten Ansprüchen als Kompromiss Genüge getan wird. Sollten Straßenumbenennungen dennoch, warum auch immer, künftig unvermeidbar erscheinen, so schlage ich politisch eher als neutral zu bezeichnende Persönlichkeiten vor: Mit der beispielsweise nach herausragenden, auch international bekannten Botanikern benannten Kurt-Wein-Straße und der Johannes-Thal-Straße, beide 1990 in Nordhausen-Ost benannt, hat man, so denke ich, gute und unverfängliche Entscheidungen getroffen, die unsere Stadt weithin und auf Dauer erstrahlen lassen.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg
Die Gumpertstraße fiel, welch ein Glück, fast 700 Jahre lang bei der Straßenbenennung nach Politikern durchs Raster. Für das Jahr 1376 ist bereits die Bezeichnung Gumprechtis Gasse dokumentiert. -Vielleicht hat sie das auch vor der Zerstörung gerettet? (Foto: B. Schwarzberg)
Jede Gesellschaft benennt Straßen nach ihren Herrscher- oder Gründergestalten, nach denen, die die gerade bevorzugte Ideologie aufschrieben und verbreiteten und Jenen, mit denen sich das alltägliche Handeln der jeweils herrschenden Parteien und deren Strukturen am besten legitimieren lässt. Das Rechtfertigen einer bestimmten Ideologie, von Gesetzen und der jeweiligen Verfassung, sowie deren Schaffung bzw. Umsetzung durch Legislative, Exekutive und Judikative soll für jeden Bürger und jede Bürgerin im öffentlichen Raum sichtbar sein.
Nach der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871, also des sogenannten Zweiten Reiches, gab es wohl kaum eine deutsche Stadt ohne Straßen und Plätze, an deren Blechschildern nicht die Namen der deutschen Kaiser Wilhelm I. und später Wilhelm II. prangten.
Diese hielten sich auch verbreitet in der Weimarer Republik, obwohl man Wilhelm II. neben seiner Verantwortung für den Ersten Weltkrieg die Flucht in die Niederlande als Bruch des Treueeids und Fahnenflucht übelnahm. Aber die Bevölkerung hatte sich an die Namen gewöhnt, und wohl schon damals hätte eine Umbenennung hin zu Politikern der neuen Regierungen zu gefühltem Identitätsverlust, zu Kosten und vor allem zu großem bürokratischen Aufwand geführt.
Im Dritten Reich dann wurde aus fast jeder zentralen Dorf- oder Hauptstraße eine Adolf-Hitler- oder Hermann-Göring-Straße. In Nordhausen trug der Marktplatz den Namen des Diktators und Reichskanzlers.
Eine auffallende Inflation neuer Straßennamen gab es, um beim Beispiel Nordhausen zu bleiben, im Jahre 1945, als laut Wikipedia insgesamt 63 Straßennamen aus der Zeit zwischen 1851 und 1945 umbenannt wurden. Dies symbolisierte den radikalen Bruch der nun kommunistischen Herrscher im Osten Deutschlands mit der monarchistischen und nationalsozialistischen Vergangenheit.
Zwischen 1946 und 1989 gab es dann noch einmal 46 Umbenennungen Nordhäuser Straßen.
Dass kaum etwas so vergänglich ist, wie ein politisch gefärbter Straßenname, zeigen aber auch die vergangenen 35 Jahre: Denn erneut wurden in Nordhausen 30 Straßen und Plätze umbenannt, davon 27 aus der Zeit sowjetischer Besatzung und der DDR: Aus der Otto-Nuschke-Straße wurden wieder Am Frauenberg, aus dem Otto-Grotewohl-Ring wieder der Stesemannring, aus der Ernst-Thälmann-Straße die Bochumer Straße und aus der Karl-Liebknecht-Straße die Hesseröder Straße.
Der Wunsch, einem vorherrschenden oder auch nur gefühlten politischen Mainstream mittels eines Straßennamens Ausdruck zu verleihen, beflügelt, je nach dem Gang der Geschichte, häufige Umbenennungen: So wurde der bereits erwähnte Stresemannring unter dem Namen des kurzzeitigen, nationalliberalen Reichskanzlers von 1923 Gustav Stresemann 1930 angelegt und von den Nationalsozialisten 1933 in Albert-Leo-Schlageter-Ring umbenannt. Schlageter gehörte zu den Kultfiguren der frühen NSDAP und war bereits 1923 im Zuge seiner Aktivitäten um das besetzte Ruhrgebiet hingerichtet worden.
Zwischen 1945 und 1968 hieß die Straße am Neuen Friedhof erneut Stresemannring, danach nach dem Vorsitzenden der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone und SED-Mitgründers Otto-Grotewohl-Ring und seit 1990 wieder Stresemannring.
Warum sich das glitschige Pflaster des Stresemannrings angesichts seiner politisch so ungleichen Namenspatrone noch nicht gehoben hat, ist nur schwer nachvollziehbar.
Dass die Straße, die ich als Kind unter dem Namen Grotewohl-Ring kennenlernte, über viele Jahre eigentlich Stresemannring hieß, wusste ich von meinen Nordhäuser Großeltern, die ihn, wohl aus Gewohnheit weiterhin so bezeichneten. Die Umbenennungen, mögen sie vielleicht aus so mancher politischen Sicht gerechtfertigt erscheinen, stiften einfach Verwirrung, denn sicher dauerte es damals nicht nur bei mir eine Weile, bis feststand, dass Stresemannring und Grotewohl-Ring dieselbe Straße meinten.
Obwohl nach Wende und DDR-Anschluss aber bereits wieder so viele Straßen um-, neu- oder rückbenannt wurden, reicht das der eingangs erwähnten SED-Opferbeauftragten noch immer nicht aus:
"Aber Straßennamen sind eben so etwas Präsentes. Nicht nur für die Opfer der SED-Diktatur, aber auch für alle anderen Menschen, die gar nicht so viel über die Geschichte wissen. Dann nehmen die Menschen den Namen auf und hinterfragen ihn gar nicht", sagte Frau Zupke laut mdr.de.
Die in vielen ostdeutschen Städten beispielsweise noch reichlich vorkommenden Straßen der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, Ernst-Thälmann-Straßen, Wilhelm-Pieck-Straßen oder Lenin-Straßen müssten ihrer Meinung nach umbenannt werden. Laut Deutschlandfunk sollten sie, so Zupke, Namen von Personen erhalten, die in der DDR Widerstand geübt hätten.
Dabei haben sich die aktuelle Bundesregierung und auch die für Benennungen zuständigen Kommunen eigentlich den Bürokratieabbau auf die Fahnen geschrieben, denn jedwede weitere Straßenumbenennung führt zu vermeidbaren Papierbergen bei Bürgern und in Verwaltungen und zu viel vergeudeter Zeit. Nicht zuletzt sind Straßennamen, auch wenn sie politisch nicht jedem passen, ein Stück weit Identität für ihre Bewohner, ja auch ein Stück ostdeutscher Identität, von der man in der vereinten Bundesrepublik bekanntermaßen noch nie allzu viel gehalten hat.
Und selbst dann, wenn frühere DDR-Bürgerrechtler die neuen Namensgeber einer dann ehemaligen Lenin- oder Wilhelm-Pieck-Straße sind, wenn diese dann also zum Beispiel Gauck-Straße oder Katrin-Göring-Eckert-Straße heißen würden, wäre der nächste Streit vorprogrammiert: Zum Beispiel, weil die tatsächlichen Leistungen der DDR-Bürgerrechtler heute recht unterschiedlich beurteilt werden:
Keine Geringere als die 2023 verstorbene, grüne, einstige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages, Antje Vollmer, versuchte, deren Leistung mit denkwürdigen Worten zu relativieren – in Ihrem Vermächtnis einer Pazifistin. Was ich noch zu sagen hätte:
Mediale Wortführer und Interpreten aber wurden andere –und sie wurden immer dreister. Immer kleiner wurde in ihren Interpretationen der Anteil am Verdienst der Gewaltfreiheit (in der Wendezeit-B.S.) auf sowjetischer Seite, immer wirkmächtiger wurde die Legende von der eigenen großartigen Widerstandsleistung. Alle kundigen Zeitzeugen wissen genau, dass der Widerstand und der Heldenmut von Joachim Gauck, Marianne Birthler, Katrin Göring-Eckardt durchaus maßvoll war und den Grad überlebenstüchtiger Anpassung nicht wesentlich überschritt. Manche Selbstbeschreibungen lesen sich allerdings heute wie Hochstapelei. Sie verschweigen und verkennen, was andere zum großen Wandel beitrugen und dass mancher Reformer im System keineswegs weniger Einsatz und Mut gewagt hat.
Sollten also beispielsweise die Nordhäuser Alexander-Puschkin-Straße plötzlich Katrin-Göring-Eckardt-Straße heißen, so wäre neuer Streit vorprogrammiert. Denn andere könnten kommen, und eine Egon-Krenz-Straße bevorzugen, da dem mächtigen Nachfolger von Erich Honecker als Staatsratsvorsitzenden wesentlich mit zu verdanken ist, dass während der Wendedemonstrationen kein einziger Schuss fiel. Vielleicht hat Krenz ja so einen Bürgerkrieg mit unzähligen Opfern verhindert?
Oder es könnte jemand kommen und eine Straße nach eher wenig bekannten Offizieren der DDR-Grenztruppen benennen wollen, weil diese nicht durchdrehten, als die wendetrunkenen Demonstranten durchaus verständlicherweise, aber dennoch nicht immer zimperlich mit den bewaffneten Uniformierten umgingen. Und auch über eine wieder zu benennende Straße der DSF wäre dann vielleicht wieder zu diskutieren, denn eine Deutsch-Sowjetische Freundschaft war nach dem Zweiten Weltkrieg mit 27 Millionen toten Russen, Belarussen und Ukrainern alles andere als selbstverständlich und hatte auch mahnenden Charakter, den man heute so gern vergisst und der doch notwendiger denn je wäre.
Und noch etwas geht mir durch den Kopf, wenn ich an den historisch stetigen Wechsel der Straßennamen denke: Diese Wechsel waren meist mit einem Ende eines alten und dem Beginn eines neuen Gesellschaftssystems verbunden: Das deutsche Kaiserreich bestand 47 Jahre, die Weimarer Republik 14 Jahre, das tausendjährige Reich des Nationalsozialismus nur 12 Jahre und der Lauf des Sozialismus in der DDR wurde entgegen dem legendären Satz Erich Honeckers doch von Ochs und Esel aufgehalten und nach 40 Jahren beendet.
Das gewohnte System der Bundesrepublik Deutschland mit seinen Adenauer-, Kurt-Schumacher-, Willy-Brandt- und Kennedy-Straßen, Axel-Springer-, Rudi-Dutschke- und Genscher-Straßen besteht nun schon denkwürdige 75 Jahre. Wir sollten uns aber bewusst sein, dass, mit Blick auf die Geschichte, auch dieses System recht sicher nicht ewig bestehen wird.
Ich schlage Frau Zupke aus allen vorgenannten Gründen vor, es zumindest beim jetzigen System der Straßennamen zu belassen. Ich glaube, dass damit den überaus meisten Ansprüchen als Kompromiss Genüge getan wird. Sollten Straßenumbenennungen dennoch, warum auch immer, künftig unvermeidbar erscheinen, so schlage ich politisch eher als neutral zu bezeichnende Persönlichkeiten vor: Mit der beispielsweise nach herausragenden, auch international bekannten Botanikern benannten Kurt-Wein-Straße und der Johannes-Thal-Straße, beide 1990 in Nordhausen-Ost benannt, hat man, so denke ich, gute und unverfängliche Entscheidungen getroffen, die unsere Stadt weithin und auf Dauer erstrahlen lassen.
Bodo Schwarzberg
