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Wie weiter mit den Kindergärten?

Fehler in der Matrix

Donnerstag, 20. November 2025, 11:20 Uhr
Heute Nachmittag lädt die Stadt Nordhausen zur Bürgerversammlung. Auf der Tagesordnung steht dann auch die Zukunft der Nordhäuser Kindergärten. Drei Einrichtungen stehen zur Disposition, an den Bewertungskriterien gab es zuletzt aber reichlich Kritik…

Protest im Bildungsausschuss Anfang November (Foto: agl) Protest im Bildungsausschuss Anfang November (Foto: agl)

Es gibt undankbare Aufgaben, die niemand wirklich gerne macht und in dieser Liste dürften Einsparungen bei Kindergärten und Schulen weit oben stehen. Ein heißes Eisen, mit dem man sich politisch keine Freu(n)de machen kann, das aber im Angesicht stetig sinkender Geburtenzahlen an sich nicht zu vermeiden ist.

In der Stadt Nordhausen blickt man dieses Jahr zuerst auf das schmale Portemonnaie, dann auf die Kostenpunkte, weiter auf die Bevölkerungsentwicklung und landet schließlich bei den Kindergärten. Bleibt alles wie es ist, führt man bis zum Jahr 2040 voraussichtlich rund 400 Plätze mehr mit sich, als man laut Prognose tatsächlich braucht. Weniger Kinder, weniger Kindergartenplätze - die Logik ist einfach und bei mehreren hundert Betreuungsplätzen liegt die Schließung von ganzen Einrichtungen nahe.

Die Matrix
Die nächsten Fragen, die sich aufdrängen: wer, wo, wann. Im zuständigen Fachamt des Nordhäuser Rathauses wollte man sich dieser Problematik ganz sachlich nähern und erarbeitete eine „Bewertungsmatrix“, die über ein Punktesystem die Einrichtungen identifizieren sollte, die auf Grundlage der Fakten am ehesten geschlossen werden könnten. Sechs Kategorien wurden aufgeführt: Auslastung, Platzkosten, baulicher Zustand, Konzeptvielfalt, Trägervielfalt sowie der „Planungsraum“, also die Lage.

Wer mehr Punkte hat schneidet besser ab, besonders gewichtet wird die letzte Kategorie „Lage“, hier macht der Wert 25 Prozent des Gesamtergebnisses aus, alle anderen Kategorien liegen bei 15 Prozent. Als kurzes Fallbeispiel: der ökumenische Kindergarten. Die Auslastung wird mit drei Punkten bewertet, die Einrichtung gehört zu den größten der Region, über 200 Kinder besuchen hier Krippe und Kindergarten. Man hat über die letzten Jahre etwas an Auslastung verloren, steht aber weiter solide da. Bei den Platzkosten liegt der Ökumenische ebenfalls bei drei Punkten, die Kosten liegen zwischen 10.000 und 11.000 Euro, besser wäre nur, wenn man unter diesen Wert käme. Baulicher Zustand und Konzeptvielfalt werden ebenfalls mit drei bewertet, im Punkt Trägervielfalt erhält man den höchsten Wert - der Kindergarten untersteht keinem der großen Träger und ist als Kita mit religiösem Grundsatz einzigartig, trägt also zur „Vielfalt“ bei. In der Kategorie „Lage“ kommt der Kindergarten im Herzen der Altstadt auf nur einen Punkt - es gibt im Umkreis von 600 Metern (Luftlinie) noch weitere Einrichtungen.

Unter den 21 Kindergärten in der Stadt Nordhausen und ihren Ortsteilen kristallisieren sich so drei Schlusslichter heraus: das „Tierhäuschen“ zwischen Weberstraße und Töpferstraße, das „Haus Kunterbunt“ in Nordhausen Ost und das „Domschlösschen“ in der Altstadt.

Die Bewertungsmatrix zur Kindergarten-Bedarfsplanung, Stand 28. Oktober 2025 (Hervorhebungen durch die Redaktion) (Foto: Stadt Nordhausen) Die Bewertungsmatrix zur Kindergarten-Bedarfsplanung, Stand 28. Oktober 2025 (Hervorhebungen durch die Redaktion) (Foto: Stadt Nordhausen)

Fehler in der Matrix
Soweit, so eindeutig. Nur hat das alles Hand und Fuß, was man sich da im Rathaus ausgedacht hat? Im mehr als nur gut besuchten Bildungs-Ausschuss kamen daran eine ganze Reihe an Zweifeln auf. Deutlich formuliert hatte die hier unter anderem Holger Richter, der Geschäftsführer des Jugendsozialwerks, dem größten Kindergartenträger der Stadt. „Der Begriff „Matrix“ ließe ja vermuten, dass man die Bewertungskriterien in Bezug zueinander setzen würde aber genau das passiert hier nicht. Was vorgelegt wurde, ist eine Tabelle, bei der jeder Punkt nur für sich betrachtet wird und das nicht immer auf nachvollziehbare Art und Weise“, sagt Richter im Gespräch mit der nnz.

Die Aspekte „Auslastung“ und „Platzkosten“ in Bezug zueinander zu betrachten sei schon betriebswirtschaftlich naheliegend. Wo die Platzkosten niedrig und die Auslastung hoch ist, gebe es für wirtschaftliche Einsparungen keine Luft mehr nach oben, in der Einzelbetrachtung würde so eine Wechselwirkung aber nicht statt finden. Zudem würden die bestraft, die in Zeiten hohen Bedarfs für mehr Platzkapazitäten gesorgt haben. „Vor ein paar Jahren, als noch akuter Platzmangel geherrscht hat, da hat man jede Besenkammer zum pädagogischen Raum umfunktioniert. Und jetzt fällt das den Kindergärten auf die Füße“, erzählt Richter.

Unverständlich sei auch der Punkt „baulicher Zustand“. „Bei einem Objekt, das der Stadt gehört und der Träger als Mieter auftritt, ist es verständlich, dass man im Rathaus als Vermieter weiß, wo Investitionsbedarf besteht und wie hoch die zu erwartenden Kosten ausfallen könnten. Aber die Stadt ist nicht überall Eigentümer und uns ist nicht bekannt, dass sich in unseren Liegenschaften jemand im Vorfeld nach dem baulichen Zustand erkundigt hätte. Da wurden einfach Fantasie-Punkte vergeben.“, kritisiert der JuSoWe-Chef. Ein weiterer Aspekt: Einrichtungen, auf denen eine „Fördermittelbindung“ liegt, werden mit der höchsten Punktzahl bewertet. Soll heißen: würde die Stadt hier die Türen schließen, müsste sie rechtlich gebunden Fördergelder zurückerstatten. Das betrifft vier Einrichtungen, die damit eigentlich gänzlich aus der Betrachtung fallen könnten.

Schwammig bis nebulös sei auch die Kategorie „Konzeptvielfalt“. Wer in der Arbeit mit den Kindern lediglich einen pädagogischen Ansatz verfolgt, der bekommt auch nur einen Punkt, mehrere Ansätzen bringen zwei Punkte, ein „Alleinstellungsmerkmal“ wird mit drei Punkten goutiert und eine integrative Einrichtung oder Krippe erhält vier Punkte. Die Betrachtung sei verkürzt und werde dem Arbeitsalltag in den Kindergärten nicht gerecht, meint Richter, pädagogische Vielfalt finde sich eigentlich überall.

Der Punkt „Trägervielfalt“ schlägt dem Jugendsozialwerk besonders ins Kontor, als größter Träger mit mehr als drei Einrichtungen bekommt man in der „Matrix“ automatisch die wenigsten Punkte. „Die Erklärung der Stadt ist hier, dass man im Sinne der Marktvielfalt Träger mit wenigen Einrichtungen stärker Gewichten muss. Den ökumenischen Kindergarten gibt es nur einmal, würde der geschlossen, würde der Anbieter vom Markt verschwinden. Das passt aber nicht, wenn es um Betreiber wie das Rote Kreuz oder das Studentenwerk geht. Die verschwinden nicht vom Markt, wenn ihnen ein Kindergarten in Nordhausen abhanden käme“, sagt Richter.

Und dann ist da noch der Punkt „Lage“. Wer im Radius von vier Kilometern alleine dasteht, erhält die höchsten Punktzahlen. Das trifft in Nordhausen eigentlich nur auf die Ortsteile zu, die damit ebenfalls faktisch aus der Betrachtung fallen. Der Ansatz sei mehr eine politische Entscheidung, als eine, die auf einer neutralen Betrachtung von Auslastung und Kosten beruhe, meint Richter. Den ohnehin gebeutelten Dörfern will man nicht auch noch die Kindergärten nehmen, obwohl die demographischen Aussichten hier in den meisten Fällen noch trüber aussehen, als in der Stadt.

Der schwarze Peter
Insbesondere dieser Punkt scheint auch innerhalb des Rathauses umstritten zu sein. In der aktuellen Erläuterung der Verwaltung heißt es:

„Die Entscheidung, das Kriterium Lage der Einrichtung höher zu gewichten, berücksichtigt das derzeitig vorrangige Ziel der Stadtverwaltung, die Einrichtungen in den Ortsteilen zu stärken. In diesem ersten kurzfristigen Schritt zur Anpassung der vorhandenen Kapazitäten im Vergleich zu den künftig benötigten Plätzen sollen die fünf Kindertageseinrichtungen in den Ortsteilen gestärkt und soweit möglich erhalten werden. Inwieweit, insbesondere aufgrund der zum Teil hohen Investitionsbedarfe und sinkenden Auslastung der Einrichtungen in den Ortsteilen, dies auch mittel- und langfristig möglich ist, kann derzeit verbindlich nicht zugesagt werden.

Hinter vorgehaltener Hand war schon zur ersten Vorstellung des Verfahrens im September zu hören, dass im Haus mehrere Ansätze zur „Bewertungsmatrix“ kursierten unter anderem auch einer, der die Ortsteile nicht gesondert in Schutz nimmt.

Der aktuelle Entwurf hat seitdem reichlich Kritik eingesammelt, im Bildungsausschuss zeigten sich auch die Stadtratsmitglieder wenig beeindruckt, sowohl was die Ausarbeitung als auch die Kommunikation des Rathauses mit dem Stadtrat, den Eltern und den Einrichtungen angeht. Die Sachbearbeiterin wurde im Ausschuss dabei wiederholt und explizit von der Kritik ausgenommen.

Auch Holger Richter hat noch einmal nachgelegt, im Finanzausschuss am Montag stellte der JuSoWe-Chef die Vermutung in den Raum, dass schon beim Grundansatz nicht sauber gearbeitet wurde. In der Vorstellung der Stadt könne mit der Schließung der drei Einrichtungen Kosten in Höhe von rund 2,7 Millionen Euro eingespart werden. Das entspricht fast exakt der Mittelanmeldung der betroffenen Einrichtungen für das Jahr 2026. Im Ausschuss wollte Richter im Rahmen der Bürgerfragestunde nun wissen, ob man denn bei der Berechnung auch bedacht habe, das sich ein signifikanter Teil der Kosten bei Schließungen nur verschieben würde.

Belegungsabhängige Kostenfaktoren - die Kosten pro Platz und Kind etwa - würden von einer Einrichtung zu nächsten wandern, schließlich verschwinden mit einer geschlossenen Kita nicht auch automatisch die Kinder. Und in den Einrichtungen, die dann mehr Kinder aufnehmen, müssen gesetzlich vorgeschriebene Personalschlüssel gehalten werden. Auch ein Teil des Personals würde also schlicht wandern. Der direkte Spareffekt für das Haushaltsjahr, vermutet Richter, belaufe sich also nicht auf die angepeilten 2,7 Millionen Euro, sondern liege eher im Bereich unter 500.000 Euro.

Eine Antwort dazu gab es im Ausschuss nicht. Nur soviel scheint sicher: die Bewertungsmatrix in ihrer aktuellen Form dürfte das sein, was die Angelsachsen als „lame duck“ bezeichnen, eine „lahme Ente“. Aus wessen Feder das verfemte Werk stammt, ist nicht abschließend zu klären und es sieht so als, als würde im Rathaus der schwarze Peter gerade hin und her geschoben.

Umso interessanter dürfte zu sehen sein, was man in den Amtsstuben in der Zwischenzeit getan hat. Am Montag hätte das Thema Kindergärten im Finanzausschuss zur Sprache gebracht werden sollen, wurde aber von der Tagesordnung genommen und eine Anfrage der nnz an das Rathaus zu möglichen Änderungen an der „Matrix“ blieb bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung unbeantwortet.

Klarheit müsste nun die Einwohnerversammlung schaffen, die heute um 17 Uhr im Ratssaal stattfinden wird. Neben den Kindergärten steht dann auch das Konzept für die Kiesseen sowie der aktuelle Stand der Baustellen am Blasiikirchplatz und der Wallrothstraße auf dem Programm, man hat sich also einiges vorgenommen. Und wenn der Bildungsausschuss als Maßstab dienen darf, dürfte es voll werden.
Angelo Glashagel
Autor: red

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