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LKW-Unfälle: „….zwischen LKW zerquetscht“

Freitag, 14. November 2025, 08:17 Uhr
Die Schlagzeilen über Unfälle mit LKW-Beteiligung lesen sich nicht selten wie jene von Kriegsberichterstattungen. Wir sollten uns aber an das mit diesen Unfällen verbundene Chaos und Leid nicht gewöhnen, meint nnz-Kolumnist Bodo Schwarzberg...

Jüngster Unfall auf der A38 bei Nordhausen (Foto: S. Dietzel) Jüngster Unfall auf der A38 bei Nordhausen (Foto: S. Dietzel)
„LKW total zerrissen“, „Totale Zerstörung nach LKW-Crash“, „LKW-Fahrer stirbt auf der A38“, „Auto wird zwischen LKW zerquetscht“, „LKW fährt in Stauende. Vier Tote auf der A6…“, - diese Aufzählung ließe sich fast endlos fortsetzen.

Allein auf der A 38 gab es zwischen Bleicherode und Sangerhausen in den vergangenen vier oder fünf Monaten mindestens drei schwere LKW-Unfälle mit toten bzw. schwer verletzten LKW-Fahrern.

Die damit verbundenen Meldungen gehören längst zur alltäglichen Nachrichtenflut wie Wetterberichte, Börsenkurse und Veranstaltungstipps. Vergessen wird dabei oft, was jeder dieser Unfälle für im Einsatz befindliche Rettungskräfte jedes Mal und unter Umständen auch längerfristig mental bedeutet, und natürlich für die Angehörigen der Unfallopfer:

Ansatzweise konnte man sich dies vor wenigen Tagen bei der Lektüre eines Artikels in der Frankfurter Rundschau vorstellen, als sie unter der Überschrift „LKW knallt in Stauende – Notamputation auf der A 67“ davon berichtete, wie ein Notarzt den unrettbar eingeklemmten Fuß des Fahrers im bereits brennenden Führerhaus amputieren musste, während Ersthelfer und Feuerwehr verzweifelt versuchten, das Feuer einzudämmen.

Die Frage ist, ob man sich mit solch dramatischen Szenen wirklich abfinden muss. Zwar sank laut Statistischem Bundesamt die Anzahl Getöteter bei Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen von 140 im Jahre 2021 auf 103 im Jahre 2024, und auch das Forschungs-Informationssystem Mobilität und Verkehr (FIS) stellt fest: „Die Beteiligung von Güterkraftfahrzeugen an Unfällen mit Personenschaden relativ zum Fahrzeugbestand hat sich von den Jahren 1995 bis 2019 um 49,7 Prozent reduziert.“ 2020 waren 24.730 LKW-Fahrer an Verkehrsunfällen beteiligt, knapp 60 Prozent als Verursacher.

Als besonders dramatisch werden vielfach auch die durch Abbiegeunfälle schwer verletzten oder getöteten Radfahrer wahrgenommen, die oft in Großstädten geschehen und für die es nicht selten zahlreiche Zeugen gibt. Mehrere Dutzend Radfahrer, die sich dabei im berühmten toten Winkel befinden und von den LKW-Fahrern übersehen werden, verlieren dadurch alljährlich in Deutschland ihr Leben. Durch Abbiegeassistenten, die aber meist nur in neuen LKWs eingebaut werden, konnte die Zahl von getöteten Radfahrern aber zum Beispiel 2021 gegenüber den Vorjahren bereits halbiert werden.

Diese in der Tendenz positiven Zahlen sind bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass sich die Güterverkehrsleistung in Deutschland seit 1991 laut Statista mehr als verdoppelt hat.

Dennoch gibt es einige Wermutstropfen zu verlieren, weil die Zahlen noch viel besser ausfallen könnten: Denn das Ziel der Politik, den Güterverkehr verstärkt auf die Schiene zu bringen, scheiterte bisher kläglich. Nach wie vor werden nur 18 bis 20 Prozent der transportierten Güter per Bahn zum Empfänger gebracht, bis 2030 sollen es 25 Prozent sein, was jedoch angesichts der katastrophalen Situation der Deutschen Bahn erneut als utopisch gelten dürfte.

An der DDR hätte man sich auch hier ein Beispiel nehmen können: Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ vom 17.06.1990 beklagte unter der treffenden Überschrift „Da wird derselbe Mist gemacht“, dass die „vereinigungswilligen Politiker in Ost und West“ dabei seien, „eine einmalige Chance zu verpassen. Denn noch seien die Verkehrsstrukturen in der DDR so, wie sie sich die Eisenbahnfreunde in der Bundesrepublik erträumen.“ Fast dreiviertel der Transportleistung der DDR im Güterverkehr, also prozentual bis zu viermal so viel, wie im heutigen Deutschland, transportierte demnach die Deutsche Reichsbahn.

Bekanntermaßen aber wurden weite Teile des rekordverdächtigen Streckennetzes nach der Wende stillgelegt und immer mehr Güter auf die Straße geschickt. - Der Spiegel vom Juni 1990 hatte leider die richtige Vorahnung.

Und weitere dramatische Zahlen über den LKW-Verkehr lassen aufhorchen: Immer wieder überschreiten LKW-Fahrer auf deutschen Straßen die vorgeschriebenen Lenkzeiten. Gar nicht so selten zieht die Polizei, auch auf Grund des enormen europäischen Konkurrenzdrucks in der Branche, LKW-Fahrer aus dem Verkehr, die 24 Stunden und mehr am Stück hinter dem Lenkrad sitzen.

Tickende Zeitbomben sind aber auch 40-Tonner, deren Fahrer alkoholisiert hinter dem Steuer sitzen: Das Blaue Kreuz veröffentlichte 2019 eine erschreckende Statistik, nach der von 1.200 durch die hessische Polizei kontrollierten LKW-Fahrern fast jeder sechste alkoholisiert war. Jeder 15. sei gar mit mehr als 0,5 Promille Alkohol im Blut unterwegs.

Vor kurzem berichtete eine Zeitung von einem LKW-Fahrer mit einem hohen Atemalkoholwert, dem die Polizei auf einem Rastplatz den Zündschlüssel abgenommen hatte. Als sie ihm den Schlüssel am nächsten Tag zurückbringen wollte, sei der Atemalkohol jedoch noch höher ausgefallen. Die meisten alkoholisierten Fahrer kämen aus osteuropäischen Ländern, wodurch die Handlungsmöglichkeiten der deutschen Polizei, wie dieser Fall belegt, teilweise eingeschränkt sind. Denken Sie an diese Zahlen, wenn Sie das nächste Mal auf der Autobahn unterwegs sind.

Das Blaue Kreuz malt ein dramatisches Bild über die Ursachen des hohen Alkoholkonsums: „…immer allein unterwegs auf der Fernstrecke, weit weg von zu Hause…, häufig geringer Arbeitslohn, Bewegungsmangel, schweres Heben und Tragen…“, psychische Belastungen. Überfüllte Rastanlagen zwängen die Fahrer dann nicht selten zum Überschreiten ihrer Lenkzeiten.

„Am allerschlimmsten aber ist die Einsamkeit, so berichten überlastete Fernfahrer immer wieder. Während der Rastzeiten an einen Rastplatz gekettet zu sein, ohne Freunde, Familie oder Unterhaltung lässt viele zur Flasche greifen“, so das Blaue Kreuz – Was natürlich trotzdem niemals geschehen dürfte.

All das sollten wir mit bedenken, wenn wir von schweren LKW-Unfällen lesen, auch wenn wir deren genaue Ursachen nicht immer kennen.

Eine Umstrukturierung des Gütertransportsektors, mehr Rastplätze, eine europaweite Vereinheitlichung des Lohnsystems für LKW-Fahrer und ein Weg hin zu wieder mehr Schienentransporten, all das könnte aber sicher so manches Leid ebenso eindämmen, wie auch die immer weiter steigenden Kosten für die Erhaltung der Straßeninfrastruktur.

In Deutschland einsame LKW-Fahrer aus Lettland, Rumänien oder Bulgarien könnten dann verstärkt in ihren Heimatländern eingesetzt werden, beispielsweise, um die mit Güterzügen aus ganz Europa angelieferten Waren zum Empfänger zu bringen. Am Abend wären sie dann zu Hause bei ihren Familien.

Gewöhnen sollten wir uns an die schlimmen Bilder und Berichte über Verkehrsunfälle, insbesondere mit LKW-Beteiligung, jedoch keinesfalls.
Bodo Schwarzberg
Autor: psg

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