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Wie wird man Marktschreier?

Donnerstag, 13. November 2025, 16:55 Uhr
Die Echte Gilde der Marktschreier macht noch bis zum Samstag Halt in Nordhausen. Wir haben uns auf dem Platz mit den Händlern unterhalten und sie gefragt, wie sie zu ihrem Beruf gekommen sind…

Noch bis zum Samstag auf dem August-Bebel-Platz (Foto: C. Wilhelm) Noch bis zum Samstag auf dem August-Bebel-Platz (Foto: C. Wilhelm)
Für lautstarke Unterhaltung sorgen derzeit der WATTWURM, Aal-Hinnerk, Käse-Mey, Nudel-Kiri, Käthe-Kabeljau, Milkaaa-Maaaxxx und viele mehr auf dem August-Bebel-Platz. „Ich hoffe, dass Du von dem Aal richtig Durchfall bekommst!“ schallt es von einem der Verkaufsstände in norddeutsch hinüber zu einer Dame, die sogleich in lautes Gelächter verfällt. Mit vollgepackten Tüten steht Nudel Kiri auf seinem Wagen und legt eine Packung nach der anderen oben drauf.

Genauso kennen wir die Marktschreier, beliebt bei Jung und Alt mit einer Vielzahl an Spezialitäten im Gepäck und preiswerten Überraschungen. Es macht große Freude, dem Markttreiben zuzuschauen. Nach der Eröffnung gestern durch Bürgermeisterin Alexandra Rieger sind heute vergleichsweise wenig Leute auf dem Platz. Die Händler hoffen auf mehr Besucher in den nächsten Tagen und haben Zeit für ein kurzes Gespräch.

Als erstes komme ich mit Ludwig ins Gespräch. Er betreibt den Stand mit den Holländischen Pommes. Zum Marktschreien ist der 78-Jährige Bochumer durch seine Frau gekommen. "Wir hatten in Holland, der Heimat meiner Frau, einen Imbiss und nachdem meine Frau vor vier Jahren verstorben ist, habe ich beschlossen, alleine durch das Land zu ziehen. Was soll ich zu Hause sitzen? Das ist nichts für mich!“ Er ist nicht nur in Deutschland unterwegs, sondern auch in Österreich und der Schweiz.

Gleich neben Ludwig am Stand von Corn Dogs lerne ich die junge Kfz-Mechanikerin Sonja Guhlke kennen. Die 32-Jährige konnte leider in einer noch reinen Männerdomäne keinen Fuß fassen und wurde von ihren männlichen Kollegen nicht akzeptiert. Ihre Freude am Austausch mit Menschen hat sie nun in ihrer Tätigkeit als Marktschreierin gefunden.
Noch bis zum Samstag auf dem August-Bebel-Platz (Foto: C. Wilhelm) Noch bis zum Samstag auf dem August-Bebel-Platz (Foto: C. Wilhelm)

Heiko Hoffmann alias Aal-Hinnerk kommt aus Hameln. Zum Beruf des Marktschreiers ist er durch einen Zufall gekommen. „Es entstand aus einer Schnapsidee. Wir waren vor 31 Jahren auf einer Party und ein Kollege sagte zu mir, ich sei der ideale Partner für seinen Onkel. Nach drei Bier sagte ich aus Spaß, wenn er gut bezahlt, kann er sich ja mal vorstellen. Dann bin ich aus Neugierde mal zwei, drei Wochen mitgefahren und wollte es ein Jahr lang probieren. Aus dem Jahr sind inzwischen 31 Jahre geworden.“

Martin, der Wattwurm aus Heiligenstadt, war mit auf dem Platz und ist erst seit sieben Wochen mit dabei. Er bot gemeinsam mit Voitek Wurstwaren feil.

Gleich gegenüber duftet es nach Tscheburek (Käse im Teig). Es sind ukrainische Spezialitäten im Angebot und ich komme mit Sofia und Iwan aus Blankenburg ins Gespräch. Die Juristin und der Pharmazeut sind das erste Mal beim Markt dabei und kamen vor drei Jahren nach Deutschland. Sofia erzählt mir, dass sie in der Ukraine Jura studiert hat und ein Master-Diplom besitzt.

Das wird aber in Deutschland nicht anerkannt. Sie möchte nicht immer als Marktschreierin arbeiten. Aber damit ihr Jura-Studium anerkannt wird, müsste sie noch zwei Jahre studieren. Das sei mit zwei Kindern fast unmöglich. Ihr Ziel ist es, unsere Sprache besser zu lernen: „Wir arbeiten seit zwei Jahren auf Märkten, Stadtfesten und Veranstaltungen. Da lerne ich viel. Und mit einem Blick auf die Zukunft sagt die junge Frau abschließend: „Ich glaube, es hängt alles vom Beten ab, es hängt alles von mir ab, von mir selbst. Ich denke, wenn ich die Sprache lerne und ein gewisses Niveau erreiche, dann kann ich einen besseren Job finden um hierbleiben zu können.“

Cornelia Wilhelm
Autor: red

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