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Meine Meinung:

Kontakte mit Moskau - Justus Frantz macht es vor

Donnerstag, 06. November 2025, 16:57 Uhr
Der deutsche Star-Dirigent und Pianist Justus Frantz wurde vom russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau mit dem „Freundschaftsorden“ geehrt. Entgegen aller Kritik: Solche Kontakte brauchen wir, meint nnz-Kolumnist Volker Reine...


Erinnern Sie sich an das Abkommen von Dayton vor genau 30 Jahren? US-Präsident Bill Clinton schloss damals die Präsidenten von Bosnien, Kroatien und Serbien auf einer Militärbasis in Ohio förmlich ein und zwang sie so zu Verhandlungen, die mit dem genannten Abkommen zum Ende des Krieges in Bosnien und Herzegowina führten.

Dieser Krieg forderte mehr als 100.000 Opfer. Isetbegowić, Tudjman und Milošević schafften nach vier Jahren Krieg, nach dem Massaker von Srebrenica und dem Granateneinschlag auf dem belebten Marktplatz von Sarajewo in Bosnien und Herzegowina das für unmöglich gehaltene. Jeder der drei Präsidenten musste dafür Zugeständnisse machen.

Man stelle sich vor: der serbische Präsident Milosevic, den man vor dem internationalen Kriegsverbrechertribunal ab 2002 mit 66 Anklagepunkten wie Massaker, Vertreibungen und Völkermord konfrontierte, wurde trotz seiner Verbrechen nicht isoliert. Man brauchte ihn zur Beendigung des Bosnienkrieges.

Der Westen, allen voran die USA, mussten der Diplomatie im Interesse der Bevölkerung im ehemaligen Jugoslawien den Vorrang vor allen anderen Erwägungen einräumen, wenngleich die NATO völkerrechtswidrig serbische Stellungen ohne UN-Mandat bombardiert hatte.

Was aber hat das mit Justus Frantz und Wladimir Putin zu tun? Der Dirigent gehört zu den wenigen, die es trotz aller Anfeindungen und Schmähungen durch deutsche Medien und deutsche Politiker wagen, eine eisige Mauer des Schweigens zwischen dem Westen und Russland zu durchbrechen, trotz aller russischen Verbrechen in der Ukraine. Er schüttelt dem aktenkundigen Kriegsverbrecher Putin die Hand und lässt sich von ihm den Freundschaftsorden ans Revers heften.

„Man müsse Feindschaften überwinden, für ihn sei Kunst eine Brücke“, schrieb der NDR eine Aussage des Musikers aus dem Jahre 2024. Demnach sagte Frantz: „Die Frage ist: Was hat diesen Krieg ausgelöst und wissen Sie: Es gehören immer mehrere Leute dazu.“

Ob wir gegenwärtig, dem Namen des russischen Ordens entsprechend, eine Freundschaft zu Russland aufbauen können und sollten, diese Frage stellt sich gegenwärtig nicht. Aber stets die Frage der Diplomatie:

„Für den Westen ist die Dämonisierung von Wladimir Putin keine Politik, sondern ein Alibi für das Fehlen einer Politik“, sagte der Friedensnobelpreisträger und frühere US-Außenminister Henry Kissinger noch im Jahre 2022 laut Focus Online.

So sind es wohl nicht nur die expansiven Interessen Russlands, und das behauptete Desinteresse Russlands an effektiven Friedensverhandlungen, sondern das Fehlen einer westlichen Vision, die zu immer neuen Opfern führen, ja eine Nichtanerkennung russischer Sicherheitsinteressen.

Eine solche Vision muss aber die Sicherheitsinteressen Russlands einschließen. Dass Russland mit der Osterweiterung der NATO nicht glücklich sein kann und dass Russland unter allen Umständen eine NATO-Mitgliedschaft der Ukraine verhindern möchte, ist genauso nachzuvollziehen, wie das Interesse der USA, sich ihren südamerikanischen Hinterhof von aus ihrer Sicht linken Regimen freizuhalten, niedergeschrieben in der Truman-Doktrin von 1947, über die niemand trotz zahlreicher US-Militäroperationen diskutieren würde.

Beruht also die scharfe Kritik an Prominenten, die sich trotz aller Schmähungen seit 2022 um Kontakte nach Moskau bemühen, unter anderem auch auf Ängsten des Westens vor einer laut Kissinger fehlenden wirklichen Vision als Voraussetzung einer Konfliklösung?

Ausgerechnet die grüne Politikerin Antje Vollmer und einstige Vizepräsidentin des Bundestages gab darauf in ihrem Vermächtnis kurz vor ihrem Tod eine denkwürdige Antwort:

„Die Ukraine, so heißt es, kämpfe nicht nur für ihre eigene Nation, sondern für die historisch universelle Mission des Westens. Wer sich machtpolitisch behauptet, wer seine Existenz mit blutigen Opfern verteidigt, gilt als Bollwerk für die europäischen Ideale der Freiheit, koste es, was es wolle. Wer aber den Weg des Konsenses, der Kooperation, der Verständigung und der Versöhnung sucht, gilt als schwach und deswegen als irrelevant, ja als verächtlich.“

Das musste nach einigen anderen deutschen Prominenten, die sich seit des russischen Überfalls auf die Ukraine nicht an das ideologische Verdikt des Westens eines Kontaktverbots hielten, nun auch Justus Frantz erleben: So schrieb beispielsweise der Bayerische Rundfunk Klassik auf seiner Seite, der Vorgang sei „empörend und eines prominenten deutschen Künstlers unwürdig“.

So kommen wir dem Frieden gewiss nicht näher.
Volker Reine
Autor: psg

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