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Wie das Erasmus+-Projekt Bildung transformiert

Mit Kopf, Herz und Hand

Donnerstag, 18. September 2025, 14:15 Uhr
Ein Winterabend, in den Tassen dampft der Tee, auf dem Tisch steht das Spielbrett bereit, ein Kreis aus lieben Menschen, man lacht, spielt und lebt gemeinsam. Was in der Familie funktioniert, soll auch an den Schulen Einzug halten - spielerisches lernen in der Gemeinschaft. Wie das funktionieren kann und wie sich auch schwierige Themen kreativ übermitteln lassen, zeigt ein europäisches Projekt an dem auch die Nordhäuser Hochschule beteiligt ist...

Das Projekt "Games for Goals"- spielerisch die Kinderrechte lernen (Foto: agl) Das Projekt "Games for Goals"- spielerisch die Kinderrechte lernen (Foto: agl)

„Als wir das erste Mal das Spiel über Kinderrechte in einer Grundschule ausprobiert haben, geschah etwas, das uns allen im Gedächtnis blieb.
Ein Junge zog die Karte mit der Aufschrift „Jedes Kind soll unabhängig von Beeinträchtigungen am gesellschaftlichen Leben gleichberechtigt teilnehmen können“. Also trotz Behinderung das bestmögliche Leben genießen können. Der Junge, der an einer seltenen Erkrankung litt, rief sofort voller Begeisterung: „Ja, das bin ich, schaut mal!“. In diesem Moment wurde klar, wie tief solche Spiele wirken können: sie schaffen Identifikation, schenken Sichtbarkeit und verbinden abstrakte Begriffe mit persönlichen Erfahrungen“, sagt Friedrich Ederer, der ein Dozent bei der Hochschule Nordhausen sowie einer der deutschen Partner im Projekt “Games for Goals“ ist.

Das EU-geförderte Erasmus+-Projekt bringt Nicht-Regierungsorganisationen, sogenannte „NGOs“ und Hochschulen aus fünf europäischen Ländern zusammen – Deutschland, Frankreich, Portugal, Belgien und die Niederlande. Unter der Leitung der französischen NGO „Le Partenariat“ entwickelt das Konsortium von 2022 bis 2025 neue, kreative Lehrmethoden im Bereich Globales Lernen und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). Ziel ist es, Grundschullehrer in Europa praxisnah zu unterstützen und Kinder spielerisch mit den UN-Nachhaltigkeitszielen (SDGs) vertraut zu machen.

Ein zentrales Element: die Entwicklung von innovativen Lernspielen für Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren. Drei Spiele gibt es bereits, sie sind kostenlos verfügbar und können europaweit heruntergeladen und im Unterricht eingesetzt werden.

Nachhaltigkeit spielerisch vermitteln

Friedrich Ederer erklärt die Grundidee: „Wir wollen Nachhaltigkeit in Unterhaltung bringen- spielerisch, kreativ und für alle zugänglich.“ Die Zusammenarbeit der Hochschulen organisiert sich in regelmäßigen großen Treffen, an denen Studierende, Lehrende und NGO-Vertreter teilnehmen. Gemeinsam werden Prototypen entwickelt, in Schulen getestet und anschließend mit den Rückmeldungen von Kindern weiter verbessert.

Drei Spiele- ein gemeinsames Ziel

Das erste Spiel trägt den Titel „Aqua Heroes" und thematisiert Wasser als lebenswichtige Ressource. Die Kinder setzen sich mit Gefahren wie Plastikverschmutzung, Dürren oder Überschwemmungen auseinander und finden über das Spiel gemeinsam zu Lösungen. In zweitem Spiel „Planet VIVO“ steht die Biodiversität im Mittelpunkt: Von der Arktis über den Wald bis hin zu den Ozeanen müssen Kinder verschmutzte Weltbereiche sauber machen, indem sie Rätsel lösen und andere Aufgaben erledigen. Außerdem reflektieren sie, was sie selbst zum Schutz der Umwelt beitragen können. Das dritte Spiel, „Ticket to Rights“, stellt Kinderrechte in den Fokus.

Hier spielt die Methode “Kopf-Herz-Hand“ eine zentrale Rolle.
  • „Kopf“ steht für das Wissen: Kinder setzen sich mit Inhalten auseinander, nachdenken und lernen wie im klassischen Unterricht.
  • „Herz“ bedeutet, eine persönliche Verbindung herzustellen: Sie fragen sich, was das Thema mit ihrem eigenen Leben zu tun hat und wie sie sich dabei fühlen.
  • „Hand“ heißt, etwas aktives zu tun: Kinder bewegen sich, machen etwas mit den Händen.

Diese Methode bedeutet, dass alle drei Bereiche- Denken, Fühlen und Handeln- verbunden sind und als ein Ganzes gesehen werden.

Mit dieser Methode überlegen die Teilnehmenden, welche Rechte für sie selbst, ihre Familie oder Nachbarschaft wichtig sind, lernen ihre eigenen Rechte besser kennen, diskutieren in einer Runde und tauschen sich aus. „Das Ziel ist auch zu prüfen, wie selbstverständlich für Kinder ihre Rechte sind“, erklärt Ederer.

Friedrich Ederer, der Dozent bei der Hochschule Nordhausen und einer der deutschen Partner im Projekt <i>“Games for Goals“ (Foto: agl) Friedrich Ederer, der Dozent bei der Hochschule Nordhausen und einer der deutschen Partner im Projekt <i>“Games for Goals“ (Foto: agl)

Bildung für Weltbürgertum

Für den Dozenten der Hochschule ist das Projekt mehr als nur eine Spielentwicklung: „Wir möchten ein Bewusstsein schaffen, dass wir ein Teil von etwas Größerem sind- lokal sowie global. Es geht um Weltbürgertum: Umwelt, Konsum, Verantwortung“, erklärt Ederer.

Die Spiele sollen Lehrer in Europa langfristig dabei unterstützen, die komplexen Themen wie globale Zusammenhänge, Nachhaltigkeit oder Kinderrechte verständlich und praxisnah im Unterricht zu behandeln. Mit “Games für Goals“ wird Nachhaltigkeit lebendig und greifbar, für alle verfügbar. Durch Kooperation, Reflexion und Spielspaß entsteht nicht nur neues Lehrmaterial, sondern auch ein Beitrag zu einer solche Bildung, die Kinder stärkt, Verantwortung fördert und sie als aktive Weltbürgern ernst wahrnimmt.


Der Blick auf Kinder und Erwachsene

Besonders spannend sei der Unterschied in der Reaktion auf Spiele der Zielgruppen. „Kinder sind unglaublich ehrlich, selbstbewusst und kritisch. Erwachsene brauchen oft länger Zeit, um sich mit Inhalten auseinanderzusetzen“, sagt Ederer. Gerade deswegen seien Kinder als Co-Entwickler unverzichtbar- ihre Rückmeldungen fließen direkt in die Überarbeitung der Spiele ein.

Für die Hochschule Nordhausen bedeutet das Projekt zudem nicht nur internationale Vernetzung, sondern auch Innovation in der Lehre. Studierende arbeiten aktiv an der Spielentwicklung mit, und diese Ergebnisse fließen in die pädagogische Praxis zurück. „Ich bin dankbar, dass wir uns hier mit Menschen ganz engagieren und an einem gemeinsamen Ziel arbeiten können. Ich bin froh, diese Privileg zu nutzen und Zukunft mitzugestalten“, sagt Ederer.

Das Projekt geht weiter und die Teilnehmenden haben noch viele Pläne. Gestern fand ein Fachaustausch in Niederorschel mit Lehrerinnen und Lehrern aus ganz Thüringen statt, die sich mit dem Umweltschutz und Nachhaltigkeit beschäftigen. Dabei wurden alle drei Spiele vorgestellt und die Begeisterung war groß, erzählt Ederer. Viele Lehrkräfte haben vor, sie im Unterricht einzusetzen. Außerdem sind noch weitere Sprachen wie Spanisch für das Projekt in Vorbereitung. “Games for Goals“ zeigt: Lernen kann Freude machen und zugleich die Verantwortung fördern. Und hoffentlich entstehen noch neue Spiele, die diesen Weg weiterführen.
Yelyzaveta Khurshudian
Autor: pra

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