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JS-Special: Es gibt keine Patentlösung

Samstag, 19. Januar 2002, 17:20 Uhr
Nordhausen (nnz). Thüringens Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) übernahm in dieser Woche den Vorsitz der Kultusministerkonferenz (KMK). Und sie tut es mit viel Engagement.


Für eine bessere Qualität von Bildung und Schulen will sich Dagmar Schipanski als neue Präsidentin der KMK einsetzen. Für dieses Ziel gebe es aber „keine Patentlösung“, sagte sie am Mittwoch in Bonn. Sie forderte eine „neue Lernkultur mit einer Bereitschaft zur Anstrengung und Leistung“. Nach der Pisa-Studie - über die nnz mehrfach berichtete - stehe das deutsche Bildungswesen „vor tiefgreifenden Veränderungen“. Die 58jährige Politikerin und Physik-Professorin übernahm turnusgemäß für ein Jahr das Präsidentenamt der KMK von Baden-Württembergs Schulministerin Annette Schavan (gleichfalls CDU).
Der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung, Ludwig Eckinger, forderte von der KMK „ein klares Entwicklungskonzept für die Schule, das von allen Ländern getragen und umgesetzt wird“. Chancengleichheit und Leistung müssten enger verbunden werden.

Schipanski erklärte in ihrer KMK-Rede außerdem, dass sie die Hochschulen unterstütze, die mehr Studienanfänger selbst auswählen wollten. Allerdings müsse das Abitur auch künftig die allgemeine Hochschulzugangsberechtigung sein. Nach den ersten zwei Semestern sollten die Studierenden aber in einer Prüfung den Nachweis erbringen, dass sie für den gewählten Studiengang geeignet seien.
Die Problematik, die hinter dem Ansinnen der neuen KMK-Präsidentin steht ist zweifellos eine Studie des Hochschul-Informatins-Systems (HIS) Hannover, in dem die überwiegende Zahl der Studienanfänger die Klage von Hochschulprofessoren und der Wirtschaft bekräftigt wird, dass Abitur und Fachhochschulreife nicht mehr sehr viel wert seien: 80 Prozent der Erstsemester geben „ernsthafte Wissens- und Fähigkeitsdefizite“ zu, die nach dem Start rasch behoben werden sollten, um den Hochschulanforderungen zu genügen.

Die HIS-Wissenschaftler sprechen von einem „alarmierenden Befund“ auf der Grundlage einer Befragung von rund 8000 Studienanfängern im Wintersemester 2000/2001. In Medizin, mathematisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen wird überdurchschnittlich häufig die Vorbereitung in der Schule als mangelhaft eingestuft. Die Studienanfänger entdeckten Lücken in Mathematik und zweiter Fremdsprache sowie Nachholbedarf in wissenschaftlichen Arbeitstechniken und beim Umgang mit dem Computer. Lediglich 35 Prozent der Erstsemester bescheinigen Schulen, gutes Rüstzeug geliefert zu haben. Nur jeder dritte Studienanfänger ist der Ansicht, dass das Abutur oder die Fachhochschulreife ausreichend zum Studium befähige. Dennoch sind nur ein Viertel der Befragten für Aufnahmetests an Hochschulen. Ein weiteres Ergebnis: 57 Prozent der Studienanfänger stammen aus Akademikerfamilien - vor zehn Jahren waren es erst 44 Prozent.

Prof. Schipanski übernimmt angesichts all dieser Erkenntnisse das Amt der KMK-Präsidentin in einer ausgesprochen schwierigen Phase. Was sie in dem Jahr ihrer Amtszeit bewerkstelligen kann, bleibt abzuwarten. Nun ist Dagmar Schipanski allerdings eine ausgesprochene Fachfrau, war sie doch vor ihrer Zeit im Thüringer Kabinett Dekanin der Fakultät für Elektrotechnik an der TU Ilmenau und für zwei Jahre Rektorin der Hochschule. Man kann einiges von ihr erwarten.
Autor: nnz

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