Heiner Bötel steht wieder hinter seinem Tresen
Der letzte Dinosaurier
Mittwoch, 27. August 2025, 10:00 Uhr
Die Tante Emma Läden sind lange verschwunden, der Kiosk von früher heißt jetzt Späti und ist eher ein Phänomen der Großstadt, wer Waren aller Art sucht, fährt eben in den Supermarkt. Nur einer hält weiter wacker die Stellung, Heinrich Bötel in der Bochumer Straße…
Heiner Bötel hat seinen Laden in der Bochumer Straße nach einem halben Jahr Zwangspause wieder geöffnet (Foto: agl)
Wir befinden uns im Jahre 2025 n.Chr. und in ganz Nordhausen ist der klassische Kiosk von der Bildfläche verschwunden. In ganz Nordhausen? Nein! Ein unbeugsamer, älterer Herr hört nicht auf, dem steten Niedergang Widerstand zu leisten. Auch mit 73 Jahren steht Heinrich Bötel noch hinter seinem Verkaufstresen und bedient die Kundschaft, wie eh und je.
Der Zahn der Zeit nagt am alten Haus und auch an ihm, die schmucke Leuchtschrift aus den 1960er Jahren strahlt schon lange nicht mehr, die Reparatur ist kompliziert. Bötel selber musste zuletzt ein halbes Jahr aussetzen, der Gesundheit wegen. Ein paar Zugeständnisse an das Alter hat er deswegen machen müssen, erzählt der gelernte Komissionshändler, statt von halb sieben in der Frühe bis halb sieben am Abend die Türen offen zu halten, geht es nun etwas später los, erst ab 08.30 Uhr wird aufgesperrt. Und nach 45 Jahren im Geschäft gönnt er sich nun auch eine Mittagspause von 12.30 bis 14 Uhr, zumindest von Montag bis Donnerstag. Freitags wird weiter durchgehend bis zum Vorabend geöffnet und auch am Wochenende ist für ein paar Stunden betrieb.
1980 steigt Bötel ins Familiengeschäft ein, der eigene Vater steht da noch an der Kasse, nicht minder tüchtig als der Sohn - schon Anfang der 1930er Jahre hatte der den Laden zusammen mit dem Bruder eröffnet, damals noch getrennt nach Lebensmitteln, Feinkost und Tabak. Mitte der 60er Jahre rücken die Bauarbeiter an, aus zwei Geschäften wird eines und so ist es bis heute geblieben. In der DDR lernt Bötel junior sein Geschäft beim Konsum, 1989 übernimmt er für den Vater schließlich vollends. Waren des täglichen Bedarfs haben wir damals direkt aus Sondershausen geholt., erzählt der alte Kaufmann, eigentlich war alles knapp, selbst Sachen die in Nordhausen hergestellt wurden, wie f6 oder Korn, bekam man nicht immer einfach so. Mit ein bisschen persönlichem Einsatz, Vitamin B und der einen oder anderen kleineren Gefälligkeit kam man als findiger Kaufmann aber oft trotzdem an das, wonach der Kundschaft der Sinn stand. Das ist heute ganz anders, es gibt Riesenkataloge und wir können alles mögliche bestellen. Selbst Fahrräder habe ich schon verkauft, erzählt Bötel. Das Lager ist entsprechend gut bestückt, wenn es auch nicht mehr ganz so breit zugeht, wie in der Nachwendezeit. Im Sortiment findet sich heute vor allem Alltagsbedarf, von der Milch bis zur Großpackung Tabak.
Das Geschäft läuft immer noch gut, hat aber schon bessere Zeiten gesehen, die Studenten aus dem Bochumer Hof sind ein seltener Anblick geworden und die waren immer gute Kunden, erzählt Bötel. Der Laden hält sich weiter über Wasser, dass man ohne Miete in den eigenen vier Wände arbeiten kann, ist hilfreich. Viele haben aufgehört, aufgegeben oder sich auf Feinkost und Spirituosen spezialisiert. Aber auch da ist es schwer, noch Nachfolger zu finden. Ich bin ein bisschen wie der letzte Dinosaurier., erzählt der Händler. Die Stammgäste finden immer noch ihren Weg in den kleinen Laden und kommen nicht nur aus der direkten Umgebung, auch nach der langen Zwangspause.
Heinrich nennt ihn hier niemand, das ist das, was im Ausweis steht. Für die meisten bin ich einfach Heiner oder Herr Bötel. Und Heiner will weitermachen. An der Theke zu stehen sei allemal besser, als zu Hause rumzusitzen. Der letzte Dinosaurier wird dem Niedergang der kleinen Lädchen also weiter die Stirn bieten. Und das ganz ohne Zaubertrank.
Angelo Glashagel
Autor: red
Heiner Bötel hat seinen Laden in der Bochumer Straße nach einem halben Jahr Zwangspause wieder geöffnet (Foto: agl)
Wir befinden uns im Jahre 2025 n.Chr. und in ganz Nordhausen ist der klassische Kiosk von der Bildfläche verschwunden. In ganz Nordhausen? Nein! Ein unbeugsamer, älterer Herr hört nicht auf, dem steten Niedergang Widerstand zu leisten. Auch mit 73 Jahren steht Heinrich Bötel noch hinter seinem Verkaufstresen und bedient die Kundschaft, wie eh und je.
Der Zahn der Zeit nagt am alten Haus und auch an ihm, die schmucke Leuchtschrift aus den 1960er Jahren strahlt schon lange nicht mehr, die Reparatur ist kompliziert. Bötel selber musste zuletzt ein halbes Jahr aussetzen, der Gesundheit wegen. Ein paar Zugeständnisse an das Alter hat er deswegen machen müssen, erzählt der gelernte Komissionshändler, statt von halb sieben in der Frühe bis halb sieben am Abend die Türen offen zu halten, geht es nun etwas später los, erst ab 08.30 Uhr wird aufgesperrt. Und nach 45 Jahren im Geschäft gönnt er sich nun auch eine Mittagspause von 12.30 bis 14 Uhr, zumindest von Montag bis Donnerstag. Freitags wird weiter durchgehend bis zum Vorabend geöffnet und auch am Wochenende ist für ein paar Stunden betrieb.
1980 steigt Bötel ins Familiengeschäft ein, der eigene Vater steht da noch an der Kasse, nicht minder tüchtig als der Sohn - schon Anfang der 1930er Jahre hatte der den Laden zusammen mit dem Bruder eröffnet, damals noch getrennt nach Lebensmitteln, Feinkost und Tabak. Mitte der 60er Jahre rücken die Bauarbeiter an, aus zwei Geschäften wird eines und so ist es bis heute geblieben. In der DDR lernt Bötel junior sein Geschäft beim Konsum, 1989 übernimmt er für den Vater schließlich vollends. Waren des täglichen Bedarfs haben wir damals direkt aus Sondershausen geholt., erzählt der alte Kaufmann, eigentlich war alles knapp, selbst Sachen die in Nordhausen hergestellt wurden, wie f6 oder Korn, bekam man nicht immer einfach so. Mit ein bisschen persönlichem Einsatz, Vitamin B und der einen oder anderen kleineren Gefälligkeit kam man als findiger Kaufmann aber oft trotzdem an das, wonach der Kundschaft der Sinn stand. Das ist heute ganz anders, es gibt Riesenkataloge und wir können alles mögliche bestellen. Selbst Fahrräder habe ich schon verkauft, erzählt Bötel. Das Lager ist entsprechend gut bestückt, wenn es auch nicht mehr ganz so breit zugeht, wie in der Nachwendezeit. Im Sortiment findet sich heute vor allem Alltagsbedarf, von der Milch bis zur Großpackung Tabak.
Das Geschäft läuft immer noch gut, hat aber schon bessere Zeiten gesehen, die Studenten aus dem Bochumer Hof sind ein seltener Anblick geworden und die waren immer gute Kunden, erzählt Bötel. Der Laden hält sich weiter über Wasser, dass man ohne Miete in den eigenen vier Wände arbeiten kann, ist hilfreich. Viele haben aufgehört, aufgegeben oder sich auf Feinkost und Spirituosen spezialisiert. Aber auch da ist es schwer, noch Nachfolger zu finden. Ich bin ein bisschen wie der letzte Dinosaurier., erzählt der Händler. Die Stammgäste finden immer noch ihren Weg in den kleinen Laden und kommen nicht nur aus der direkten Umgebung, auch nach der langen Zwangspause.
Heinrich nennt ihn hier niemand, das ist das, was im Ausweis steht. Für die meisten bin ich einfach Heiner oder Herr Bötel. Und Heiner will weitermachen. An der Theke zu stehen sei allemal besser, als zu Hause rumzusitzen. Der letzte Dinosaurier wird dem Niedergang der kleinen Lädchen also weiter die Stirn bieten. Und das ganz ohne Zaubertrank.
Angelo Glashagel
