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JS-Special: Milde Gaben unerwünscht (3)

Mittwoch, 16. Januar 2002, 12:31 Uhr
Nordhausen (nnz). In den ersten beiden Teilen dieser Betrachtung wurden unter anderem die verschlungenen Pfade der Altkleider dargestellt. Den dritten Teil beginnen wir mit einer kleinen Berichtigung.


Zunächst eine Berichtigung zu der in der 2. Folge genannten Zahl der mit der Verwertung von Altkleidern befassten Unternehmen: es wurde dort von dort von etwa 90 Firmen berichtet, von denen etwa 60 hiesige und 26 ausländische dem Branchen-Fachverband angehören. Tatsächlich sollen mehr als 200 einschlägig aktive Unternehmen mit der Verwertung von Altkleidern befasst sein mit etwa 10.000 Beschäftigten und einem jährlichen Umsatz von rund einer Milliarde Euro.

Der Fachverband selbst nennt keine genauen Zahlen. Sein Pressesprecher Wolfgang Goldbach verweist auf die mittelständische Struktur der Branche und den harten Wettbewerb der Unternehmen. Die Geschäfte laufen gut, war zu hören, aber auch einzelne befragte Firmen ergehen sich lediglich in vagen Äußerungen über Umschlag, Umsätze oder gar Profite. Kleine und mittlere Unternehmen scheinen dabei allerdings ausgesprochen erfolgreiche Perioden zu haben.

Anhaltspunkte liefert dagegen das Statistische Bundesamt, nach dessen Auskünften in den vergangenen fünf Jahren jeweils zwischen 260 000 und 300 000 Tonnen brauchbare Altkleider exportiert wurden. Den Gesamtwert veranschlagt die Behörde mit 310 bis 390 Millionen Mark (158 bis 199 Mio. Euro). Wirklich aussagefähig sind aber auch diese Angaben nicht, weil Altkleidung beim Export unterschiedlich deklariert werden kann und deshalb nicht unbedingt statistisch erfasst wird. Aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums ist es „durchaus legitim“, dass die Branche bestehende Bestimmungen zu ihren Gunsten auslegt. Dass dabei Zoll und andere Behörden möglicherweise ausgetrickst werden, wird ­ natürlich ­ weder bestätigt noch bestritten.

Lange Zeit lief das Geschäft nach einem entsprechenden Bericht in „Impulse“ (6/00) reibungslos. Karitative Organisationen sammelten das Material oder legitimierten Händler dafür. Diese sortierten die Kleider, vertrieben die 1a-Ware im Inland und brachten die übrige Ware auf den Weg in Dritt- und Entwicklungsländer, nicht selten über mehrere Stationen. Vor etwa zehn Jahren machte sich die Siegburger Initiative „Südwind“ bemerkbar, die das Geschäft mit Altkleidern offenkundig werden ließ. Quasi im Gegenzug gründeten einige Verbände, meist kirchlich oder karitativ orientiert, den Verband „Fairwertung“. Deren Mitglieder, denen auch Sortierfirmen angehören, kennzeichnen ihre Aktionen mit einheitlichem Logo. Sie versichern, nachteilige Folgen bei der Weiterverwendung zu minimieren. Beispielsweise begrenzt Fairwertung Exporte nach Afrika auf höchstens zehn Prozent des Volumens.

Mit etwa 33 000 Tonnen Altkleidern jährlich ist „Fairwertung“ im Geschäft der Branche allerdings ein kleiner Fisch. Für den kommerziell eingestellten Fachverband Textilrecycling ist der Konkurrent trotzdem lästig. Schon weil dessen ethischer Anstrich als eindeutiger Wettbewerbsvorteil angesehen wird. „Fairwertung“ bemüht sich allerdings um die Rechtfertigung seines Rufes. Dafür veröffentlicht er kritische Studien über die Auswirkungen der Altkleiderexporte in arme Volkswirtschaften und versucht, alternative Verwertungsmöglichkeiten ins Gespräch zu bringen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Gepflogenheiten der Branche bemüht er sich um nachvollziehbare Rechenschaftsberichte. Ganz will aber auch Fairwertung nicht auf Gewinne verzichten, womit sie sich wieder dem Verband Südwind annähern.

Der dadurch entstandene Vorwurf der Doppelmoral scheint allerdings unbegründet. Fairwertung prüft nur den ersten Abnehmer der eigenen Lieferungen. Im weit verzweigten Weltmarkt ist es geradezu ausgeschlossen, wirkliche Transparenz zu schaffen. Die Ware geht durchaus nicht immer direkt ins Zielland ­ sondern vielfach über mehrere An- und Verkäufer bevorzugt in Polen, Tschechien oder Rumänien weiter nach Afrika, in den Nahen Osten oder auch in die Staaten der früheren Sowjetunion. Trotzdem hat es Fairwertung geschafft, auch von der international renommierten Hilfsorganisation Oxfam akzeptiert zu werden, die seit jeher zu ihrer Finanzierung Second-Hand-Läden in Großbritannien und anderen Ländern betreibt. Insider wissen auch von geschäftlichen Beziehung mit der deutschen Sektion zu berichten.

Weil Ausfuhr aber letztlich keine befriedigende Lösung ist, wirbt Fairwertung dafür, brauchbare Kleidung grundsätzlich in hiesige Second-Hand-Shops zu bringen und nicht in Altkleidersammlungen zu geben. Außerdem rät die Organisation den Verbrauchern generell dazu, Kleidung mit hoher Qualität zu kaufen und mehrere Jahre lang zu tragen. Dann müsse man in seinen Schränken nicht so oft neuen Platz schaffen. Diesem Appell schließen sich auch kommerzielle Verwerter an, Billig-Artikel bringen nämlich auch ihnen nur wenig. Der Kreislauf soll also insgesamt ein höheres Niveau bekommen.
Autor: nnz

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