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Teilhabe am Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung

Kleine Zahlen, großer Erfolg

Montag, 07. Juli 2025, 17:06 Uhr
Der Weg zur beruflichen Erfüllung führt für Menschen mit Behinderung häufig über die Werkstätten. Vor sechs Jahren wurden Wege aufgetan das zu ändern und auch in Nordhausen hat man sich auf den Weg gemacht. Beim Horizont-Verein hat man dazu heute Bilanz gezogen. Die gesellschaftlichen Hürden bleiben hoch…

Rückblick und Ausblick - nach sechs Jahren zog man beim Horizont heute Bilanz (Foto: agl) Rückblick und Ausblick - nach sechs Jahren zog man beim Horizont heute Bilanz (Foto: agl)

Eine Frau im Rollstuhl, ein Kind mit Trisomie, ein Mann mit einer Prothese - die greifbare Vorstellung von dem, was eine Behinderung ist, bezieht sich für die viele Menschen auf das Sichtbare. Der Inklusionsgedanke, also die Idee, dass alle Menschen nach ihren Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können sollten erschöpft sich entlang ähnlicher Linien, etwa bei Fragen der Barrierefreiheit. Wege zur Partizipation auch an der Arbeitswelt sollte 2018 das „Bundesteilhabegesetz“ öffnen unter anderem in dem man dem bekannten Modell der Werkstatt für Menschen mit Behinderung eine Alternative zur Seite stellt, im besten Bürokraten-Deutsch „andere Leistungsanbieter“ genannt.

Der Weg für (schwer-)behinderte Mitbürger sollte nicht zwangsweise in die Werkstatt führen, sondern durch erfahrene Träger der sozialen Arbeit direkt in den Arbeitsmarkt münden. Für die Wirtschaft Arbeitskräfte, für die Kommunen Entlastungen im Haushalt, für die Betroffenen Eigenständigkeit und Erfüllung. In Nordhausen schickte sich der „Horizont“ 2019 an, „anderer Leistungsanbieter“ zu werden und das es so leicht nicht werden würde, war den Beteiligten schon bei der Taufe klar.

Insgesamt 40 Teilnehmer haben das „Eingangsverfahren Berufsbildungsbereich“ beim Horizont seitdem durchlaufen, fünf hat man auf unterschiedliche Art und Weise im Berufsleben unter bringen können. Für Joachim Claus, einst Landrat im Kreis und seit vielen Jahren engagiert in der Nordthüringer Lebenshilfe und ihren Werkstätten, ist das ein Achtungserfolg und eine Quote, die man in diesem Bereich nur selten erreicht. Die Hürden sind groß, sagt Claus und das liegt nicht unbedingt an den Beeinträchtigungen der Teilnehmer. Als Projektbegleiter hält Claus nach Praktikumsplätzen Ausschau und sucht willige Arbeitgeber mit dem Herz am rechten Fleck. „Man merkt beim Gegenüber schnell ob jemand Kontakt mit Schwerbehinderten hatte oder nicht. Eine Rollstuhlrampe macht noch keine Inklusion.Was wir brauchen, gesamtgesellschaftlich, ist Barrierefreiheit in den Köpfen, dann können wir das Thema Behinderung auch anders angehen“.

Dank besserer Diagnostik und sind sichtbare, körperliche Beeinträchtigungen heutzutage deutlich seltener anzutreffen, als psychische und seelische Einschränkungen, gibt Markus Behrens, der Chef der Regionaldirektion Sachsen- Anhalt-Thüringen der Agentur für Arbeit zu bedenken. Gründe dafür gibt es viele, Fakt ist, wer bei Behinderungen nur an den Rollstuhl und Rain-Men denkt, der liegt falsch.

Im Projekt wird entsprechend viel getan, um für Verständnis und Akzeptanz zu sorgen und den Übergang in eine mögliche Beschäftigung zu erleichtern, erläutert Projektleiterin Anna Marie Liebau. Zwei Jahre und drei Monate dauert die Vorbereitungsphase. „Im ersten Jahr wird geschaut, wo die jungen Leute Fuß fassen wollen und können, es gibt theoretische und praktische Elemente und einen festen, durchstrukturierten Wochenplan. Es sollen Kompetenzen getestet und erworben werden, etwa in Sachen Flexibilität und dem Umgang mit Zeitdruck, man muss erst einmal ausloten, wozu sie in der Lage sind. Im zweiten Jahr stehen Praktika an und die Vermittlung in den Arbeitsbereich wird erprobt. Je nach Teilnehmer können diese beiden Bereiche auch flexibler gestaltet werden.“

Beim Arbeitgeber hilft man auch danach noch als „Kümmerer“ und Ansprechpartner aus, aber nicht auf alle Ewigkeit. Die bereits erwähnten gesellschaftlichen Schranken kommen hier ganz erheblich zum tragen, denn als Arbeitgeber sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Die Bereitschaft dazu ist verhalten aber durchaus vorhanden, auch von öffentlicher Seite. Kooperiert wird unter anderem mit der Service-Gesellschaft und den Stadtwerken, die sich hier weiter engagieren würden, verspricht Landrat Matthias Jendricke. Die Verwaltung sieht sich mit stetig steigenden Sozialausgaben konfrontiert und hofft langfristig Entlastungspotential. Lob kommt auch von Seiten der Agentur für Arbeit, hinter den vermeintlich kleinen Zahlen verberge sich großer Erfolg der gerade vor dem Hintergrund der wirtschaftlich schwierigen Lage und der demografischen Entwicklung keine Selbstverständlichkeit sei, meint Karsten Froböse, Agenturchef für Nordthüringen.

Weiter gehen
Die Aktzeptanz des Arbeitgebers ist die eine Sache, die andere ist die der Elternhäuser. „Mit über 30 Jahren Werkstattwesen müssen wir uns nach sechs Jahren nicht messen“, sagt Nicole Rosenau, Fachbereichsleiterin beim Horizont. Gemeint ist vor allem anderen der Bekanntheitsgrad. Auch bei „Inklusionseltern“ sei die Alternative zur Werkstatt häufig noch unbekannt. Anders als in der Vergangenheit ist nach der neuen Gesetzeslage den Teilnehmern, die es nicht bis zum Arbeitsmarkt schaffen, der Weg in die Werkstatt nicht mehr verwehrt. Da der Horizont selber keinen solchen Bereich vorhält, arbeitet man direkt mit der Lebenshilfe zusammen. Das Risiko ist gering, der potentielle Gewinn hoch. Und so soll es in kleinen Schritten weiter gehen. Anders als so oft im sozialen Bereich ist man nicht von Förderprogrammen und Projektzeitrahmen begrenzt, man wird in Ruhe weiter arbeiten können. Am Menschen, der Gesellschaft und der Bekanntheit.
Angelo Glashagel
Autor: red

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