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Ein Besuch bei der Jugendkunstschule

Kunst kommt vom Können

Donnerstag, 15. Mai 2025, 07:00 Uhr
Zwischen Handwerk und Kunst liegt kein großer Graben, wo sich Kreativität entfalten soll ist neben Talent vor allem Können gefragt. Und das umfasst heute nicht mehr allein den Umgang mit Pinsel oder Töpferscheibe, sondern auch mit Software und Technik…

Das Team der Jugendkunstschule, v.l.: Dramaturg und "Allrounder" Sebastian Schimmel, Produktdesigner Rodrigo Alonso Pereyra, Stoffkennerin Claudia Junge-Lande, Leiterin Martina Degenhardt und die ewige Herrin der Keramik, Eleonore Gösel (Foto: agl) Das Team der Jugendkunstschule, v.l.: Dramaturg und "Allrounder" Sebastian Schimmel, Produktdesigner Rodrigo Alonso Pereyra, Stoffkennerin Claudia Junge-Lande, Leiterin Martina Degenhardt und die ewige Herrin der Keramik, Eleonore Gösel (Foto: agl)


Ein paar schmucke Stücke haben sich die Kinder in Rodrigo Alonso Pereyras Kurs in den Winterferien gefertigt - kleine Anhänger mit Sternen und Herzen und auch Figuren aus der Welt von „Minecraft“, einem beim jungen Publikum äußerst beliebtem Computerspiel. Schere, Stift und Buntpapier wurden dafür nicht benötigt, die finalen Werke kamen aus dem 3D-Drucker und bestehen aus vielen hauchdünnen Lagen Filament.

Das „Können“ in der Kunst war aber auch hier gefragt, allein das Werkzeug war ein Modernes. Denn ehe der Drucker vor sich hin rattern kann muss die Maschine mit dem richtigen Bauplan gefüttert werden, der Wiederrum am Computer von Hand erstellt werden will. Räumliches Denken und bei komplexeren Strukturen auch eine Ahnung von Physik sind beim 3D-Druck zwingend nötig. „Im Grunde war das Produktdesign. Wer ein gestalterisches Ergebnis haben will, muss mit Material und Form umgehen können. Was mich besonders freut ist aber, dass die Kinder eine gewisse Selbstwirksamkeit erfahren und sehen, dass man nicht allein zum Konsum verdammt ist, sondern Sachen auch selber herstellen kann.“, sagt Alonso Pereyas, der seinen Weg nach Nordhausen über die Bauhaus-Universität zu Weimar gefunden hat.

Vom digitalen Bauplan zum fertigen Modell - an der Jugendkunstschule kann man sich inzwischen auch am 3D-Drucker versuchen (Foto: agl) Vom digitalen Bauplan zum fertigen Modell - an der Jugendkunstschule kann man sich inzwischen auch am 3D-Drucker versuchen (Foto: agl)


In der ästhetischen Bildung geht es um mehr als Farbtheorie oder die richtige Pinselhaltung. Wer in jungen Jahren viel mit den eigenen Händen schafft, dem fällt es später im Leben oft leichter Probleme anzugehen und zu lösen, sagt Martina Degenhardt, die Leiterin der Jugendkunstschule. „Leider gibt es viele Schulen, an denen das kaum noch stattfindet. Vor einiger Zeit haben wir mit einer vierten Klasse im Kyffhäuserkreis gearbeitet, die noch nie Kunstunterricht hatte. Es ist hanebüchen wohin die Reise mitunter geht. Kunst und Kreativität sind die Ressourcen einer innovativen Gesellschaft und sollten zu den Grundlagen der Bildung gehören“. Der Fokus dürfe nicht allein auf „MINT“ liegen - also auf Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik - vielmehr sollte man von „MINKT“ sprechen und die Kreativität in der Bildung mitdenken.

Immer mit dabei: Vierbeiner Kulle, der "Bürohund" der Jugendkunstschule (Foto: agl) Immer mit dabei: Vierbeiner Kulle, der "Bürohund" der Jugendkunstschule (Foto: agl) Die englische Entsprechung zum deutschen „MINT“ ist „STEM“, die Kunst kennt der Angelsachse als „Art“ und so kam man bei der Jugendkunstschule zu „STEAM“ und dem Projekt „STEAM Dream Team“ (was deutlich flotter klingt als MINKT Traum Gruppe). In Kooperation mit dem Schülerforschungszentrum und dem Naturpark Südharz organisiert man hier Forschungswochen für Kinder und Jugendliche, die Naturwissenschaft und Technik mit kreativen Ansätzen verbindet um sich mit drängenden Fragen der Zeit auseinanderzusetzen, erläutert Sebastian Schimmel, künstlerisches Mitarbeiter und so etwas wie der „Allrounder“ der Kunstschule. In Neustadt hat man sich im vergangenen Jahr mit dem Thema Insekten befasst, Nahrungspyramiden gebaut und wieder eingerissen und selber Tierfiguren aus Naturmaterialien gefertigt. Auch das gerade im Südharz nicht ganz unstrittige Thema Gips stand schon auf dem Programm und in den nächsten Sommerferien soll es um Wasser gehen. „Ganzheitliche Bildung muss uns eine Herzensangelegenheit sein. Wir benutzen hier zum Beispiel Cyanotypie, der Eisenblaudruck. Dahinter steht ein chemischer Prozess der in den Anfängen der Fotografie entdeckt wurde. Ändert man die chemische Formel nur ein wenig ab, bekommt man Cyclon B, das Gas mit dem Nazis Hunderttausende ermordet haben. Wir haben über diesen einen Umstand also einen Zugang zu Physik, Chemie, Geschichte und Kunst. Wer solche Zusammenhänge kennen lernt, entwickelt auch ein tieferes Verständnis für die Welt an sich.“

Die Klassiker gehen nicht verloren
Wo es gewünscht ist, arbeiten die Kunstschaffenden mit den Schulen zusammen und versuchen das abzufangen, was Zeit und Lehrplan an mancher Stelle nicht mehr hergeben. In Nordhausen pflegt man feste Kontakte zu den Gymnasien und einigen Grundschulen wie der Käthe-Kollwitz-Schule, der Förstemannschule oder auch dem Montessori-Haus und nicht selten ist man auch außerhalb von Stadt und Kreis tätig. Mit der Kunstkirche in Uthleben stellte man im vergangenen Jahr ein Theaterprojekt auf die Beine und in Rodishain konnte man den jungen Bewohnern des Kinderheims dabei helfen, kreativ eigene Grenzen zu überwinden.

Was nicht heißt, dass nicht trotzdem Raum bleibt für die klassische bildende Kunst. „Natürlich haben wir weiter die Kurse, die es immer gegeben hat, von Malerei, Radierung, Druck, Keramik bis zu den Angeboten für Kinder und Familien - das gehört alles zu einer Jugendkunstschule. Wir haben in der Woche knapp 200 Leute hier und da sind die Schulprojekte noch gar nicht mitgerechnet.“, erzählt Schulleiterin Degenhardt.

Über die Jahre sind ein paar Besonderheiten dazu gekommen, wie der Trommelkurs mit Klaus Hagedorn oder das „offene Atelier“. Letzteres ist ein Erbe der Corona-Zeit und findet bis heute jeden ersten Samstag im Monat statt. Um Ruhe in Unruhigen Zeiten zu finden begann man damals damit, sich am morgen mit einer gemeinsame Yoga Runde einzustimmen, um danach man mit den Mitteln und Möglichkeiten der Kunstschule eigenen kreativen Projekten nachzugehen, die mancher so in den eigenen vier Wänden nicht umsetzen könnte.

Das Äquivalent am Abend und ein Neuzugang im Repertoire ist „Afterwork Art“, eine gesellige Runde für Erwachsene die nach Feierabend den Tag mit Wein und Kunst ausklingen lassen wollen. Die Themen variieren, der nächste Termin steht noch nicht fest. Möglich ist aber, dass man auch die Erwachsenen einmal an den 3D-Drucker lässt. Schließlich kennen Handwerk, Kunst und Lernen keine Altersbeschränkung.

Wer mehr zum Programm erfahren will, findet die Details auch im Netz auf den Seiten der Jugendkunstschule.
Autor: red

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