Sonderausstellung zum 80. Jahrestag der Bombardierung
Notizen aus dem Irrenland
Freitag, 04. April 2025, 15:00 Uhr
Vor 80 Jahren fielen die Bomben über Nordhausen und sie fielen nicht nur auf Einheimische, sondern auch viele Menschen, die nicht aus freien Stücken hier waren. Unter ihnen auch vier junge Niederländer, deren Tagebucheinträge aus den Jahren 1943 bis 1945 tiefe Einblicke in die letzten Tage des alten Nordhausen ermöglichen...
6. April 1945 Laut meinem Vermieter: Nordhausen existiert nicht mehr. Ganze Straßenzüge wurden dem Erdboden gleichgemacht. Gestern Abend, als es dunkel war, stand die Petrikirche wie eine Fackel in Flammen; jetzt bei Tageslicht sieht man nur noch einen steinernen Klotz ohne Spitze.
Sommer 1970, George Schluter und sein 12 Jahre alter Sohn Nico sind zu einem Waldspaziergang aufgebrochen, unweit ihres Hauses bei Amsterdam. Der Vater erzählt vom Krieg und seiner Zeit als Dienstverpflichteter in Deutschland. In eine kleine Stadt am Südharz hatte es ihn und zehn andere Jungen verschlagen. Und er erzählt von den Tagebüchern, die er und ein paar seiner Freunde damals geführt haben. Der Junge fragt, ob er das Tagebuch einmal lesen könne, der Vater sagt: Ja, wenn ich einmal nicht mehr bin.
Die ersten Zeilen liest Nico Schluter erst 2008, nach dem Tod seiner Eltern. Seite um Seite lernt er den Vater noch einmal neu kennen und sieht die Welt aus den Augen eines 19 Jahre alten Jungen, über den in der Fremde die Hölle hinein bricht.
Aus diesen Aufzeichnungen, zwei weiteren Tagebüchern und einigen Notizen folgt er den Wegen des Vaters und seiner Freunde Bert de Bruin, Jaap Knijn und Ton von Pinxteren durch das alte Nordhausen. Leben und erleben der jungen Niederländer in der Fremde kann man seit gestern auch in Nordhausen nachspüren - in der Flohburg wurde anlässlich des 80. Jahrestages der Bombardierung der Stadt eine Sonderausstellung aus der Feder Nico Schluters eröffnet.
Nico Schluter hat die Aufzeichnungen seines Vaters und seiner Freunde zu einem umfassenden Zeitzeugenbericht ausgearbeitet (Foto: agl)
In 260 Zitaten verteilt auf 23 Themengebiete führt die Ausstellung Dienstverpflichtete in Nordhausen 1943 - 1945 durch die letzten Kriegsjahre in Nordhausen und wirft ein Schlaglicht auf die Alltagsrealität in der Stadt, die Verfasstheit ihrer Menschen, die Stimmung in der Gesellschaft, auf Religion, Arbeit, Umgang und Ideologie.
09. Juli 1943 Viele Leute in der Fabrik zweifeln an etwas, aber da Zweifel Hochverrat ist, zweifeln sie nicht, verstehen Sie? Mir ist jedenfalls klar, dass all diese Abzeichen ein bisschen Unsinn sind.
Als Germanen werden die Niederländer generell besser behandelt als andere Zwangsarbeiter. Ihr Alltag stand im starken Kontrast zu dem vieler anderer Ausländer, mit denen einige der Niederländer auch in Kontakt kamen, führt Schluter gestern Nachmittag in der Flohburg aus. Zwei der elf jungen Männer arbeiten am Fließband in den MBA Werken, der späteren IFA, und schrauben hier an Panzermotoren. Untergebracht werden George und Jaap im Barackenlager zusammen mit französischen, polnischen und ukrainischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
22. September 1943 Heute Nachmittag sind 60 polnische Mädchen angekommen und deshalb müssen wir die Baracke verlassen. Überall im Lager werden Abtrennungen gemacht, damit wir von der polnischen Krankheit verschont werden.
Andere treffen es besser, müssen Schreibtischarbeit verrichten und kommen als Mieter bei deutschen Familien unter. George und Jaap finden auch Anschluss in der Kirche, dürfen im Chor mitsingen, eine Zeit lang zumindest.
23. Januar 1944 Heute sind wir fünf Monate in diesem Irrenland. Und immer noch Krieg.
Über die mitunter sehr persönlichen Tagebucheinträge zeichnet die Ausstellung ein breites Bild der letzten Monate im alten Nordhausen. Unterstützt wurde Schluter dabei vom Nordhäuser Stadtarchiv, dem Museum Flohburg und auch dem IFA-Museum. Letztlich seien die Kollegen aber nicht viel mehr als Statisten gewesen, lobt Stadtarchivar Dr. Wolfram Theilemann, der übergroße Teil des Geleisteten sei Herrn Schluter zu verdanken, der die Idee mit unbändiger Energie und Elan habe Realität werden lassen.
Neben den Texttafeln wurde die Schau mit einigen Exponaten angereichert, darunter auch ein alter MBA Motor, ein Volksempfänger, diverese Zeitungen sowie zeitgenössisches Mobiliar und eine Reihe an Fotos, Bildern und Gemälden.
In der Chronologie kommt, was kommen muss: die Bombenangriffe, deren Jahrestag man gestern gedachte. Zu den ersten Angriffen am 03. April 1945 schreibt Jaap Knijn:
03. April 1945 Ich suche sofort den Graben auf. Der Himmel war schwer bewölkt, also waren keine Flugzeuge zu sehen, aber umso mehr zu hören. Ich beiße die Zähne zusammen, falte meine Hände und falle von einem Stoßgebet ins nächste. Die Tränen kommen mir in die Augen. In einem Augenblick zieht das Elternhaus durch meine Gedanken, aber dann ist es auch schon wieder weg, und ich denke kaum noch. Eine Bombe nach der anderen schlägt ein. Es ist, als ob die Hölle losgebrochen ist und meine letzte Lebensminuten gekommen ist. Ohne das ich es merke, kaue ich Gras im Mund. Es regnete Erdbrocken auf meinen Kopf.
Mit dem Bombenhagel ist der Schrecken nicht vorbei, als die Flugzeuge längst weitergezogen sind, droht Unsicherheit von andere Stelle:
05. April 1945 Wir müssen die weiße Fahne hissen, da die Stadt jetzt als offene Stadt freigegeben wurde. Ich habe sofort meinen Kopfkissenbezug aufgehängt. Überall wehen weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation. Über die Partei wird geschimpft und die Führung sowieso, die SS werden in die Hölle gewünscht. Nach etwa zwei Stunden kommt jemand vorbei und sagt, dass die weißen Fahnen wieder eingeholt werden müssen. Neue Panik. Keine weiße Fahne ist mehr zu sehen, da die SS angeblich damit gedroht hat, überall dort, wo eine Fahne hängt und ein Mann zu Hause ist, diesen zu erschießen.
Dienstverplichtet bietet einen Blick auf die Geschehnisse, die man so in Nordhausen noch nicht gesehen hat: ein Blick vom Außen aus dem Innen. Die gestrige Vernissage war gut besucht und diese Ausstellung hätte es in den kommenden Wochen und Monaten verdient, noch viele weitere Besucher zu sehen. Zeit bleibt noch bis zum 07. September, bis dahin ist die Ausstellung zu den üblichen Öffnungszeiten der Flohburg zugänglich.
Angelo Glashagel
Autor: red6. April 1945 Laut meinem Vermieter: Nordhausen existiert nicht mehr. Ganze Straßenzüge wurden dem Erdboden gleichgemacht. Gestern Abend, als es dunkel war, stand die Petrikirche wie eine Fackel in Flammen; jetzt bei Tageslicht sieht man nur noch einen steinernen Klotz ohne Spitze.
Sommer 1970, George Schluter und sein 12 Jahre alter Sohn Nico sind zu einem Waldspaziergang aufgebrochen, unweit ihres Hauses bei Amsterdam. Der Vater erzählt vom Krieg und seiner Zeit als Dienstverpflichteter in Deutschland. In eine kleine Stadt am Südharz hatte es ihn und zehn andere Jungen verschlagen. Und er erzählt von den Tagebüchern, die er und ein paar seiner Freunde damals geführt haben. Der Junge fragt, ob er das Tagebuch einmal lesen könne, der Vater sagt: Ja, wenn ich einmal nicht mehr bin.
Die ersten Zeilen liest Nico Schluter erst 2008, nach dem Tod seiner Eltern. Seite um Seite lernt er den Vater noch einmal neu kennen und sieht die Welt aus den Augen eines 19 Jahre alten Jungen, über den in der Fremde die Hölle hinein bricht.
Aus diesen Aufzeichnungen, zwei weiteren Tagebüchern und einigen Notizen folgt er den Wegen des Vaters und seiner Freunde Bert de Bruin, Jaap Knijn und Ton von Pinxteren durch das alte Nordhausen. Leben und erleben der jungen Niederländer in der Fremde kann man seit gestern auch in Nordhausen nachspüren - in der Flohburg wurde anlässlich des 80. Jahrestages der Bombardierung der Stadt eine Sonderausstellung aus der Feder Nico Schluters eröffnet.
Nico Schluter hat die Aufzeichnungen seines Vaters und seiner Freunde zu einem umfassenden Zeitzeugenbericht ausgearbeitet (Foto: agl)
In 260 Zitaten verteilt auf 23 Themengebiete führt die Ausstellung Dienstverpflichtete in Nordhausen 1943 - 1945 durch die letzten Kriegsjahre in Nordhausen und wirft ein Schlaglicht auf die Alltagsrealität in der Stadt, die Verfasstheit ihrer Menschen, die Stimmung in der Gesellschaft, auf Religion, Arbeit, Umgang und Ideologie. 09. Juli 1943 Viele Leute in der Fabrik zweifeln an etwas, aber da Zweifel Hochverrat ist, zweifeln sie nicht, verstehen Sie? Mir ist jedenfalls klar, dass all diese Abzeichen ein bisschen Unsinn sind.
Als Germanen werden die Niederländer generell besser behandelt als andere Zwangsarbeiter. Ihr Alltag stand im starken Kontrast zu dem vieler anderer Ausländer, mit denen einige der Niederländer auch in Kontakt kamen, führt Schluter gestern Nachmittag in der Flohburg aus. Zwei der elf jungen Männer arbeiten am Fließband in den MBA Werken, der späteren IFA, und schrauben hier an Panzermotoren. Untergebracht werden George und Jaap im Barackenlager zusammen mit französischen, polnischen und ukrainischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern.
22. September 1943 Heute Nachmittag sind 60 polnische Mädchen angekommen und deshalb müssen wir die Baracke verlassen. Überall im Lager werden Abtrennungen gemacht, damit wir von der polnischen Krankheit verschont werden.
Andere treffen es besser, müssen Schreibtischarbeit verrichten und kommen als Mieter bei deutschen Familien unter. George und Jaap finden auch Anschluss in der Kirche, dürfen im Chor mitsingen, eine Zeit lang zumindest.
23. Januar 1944 Heute sind wir fünf Monate in diesem Irrenland. Und immer noch Krieg.
Über die mitunter sehr persönlichen Tagebucheinträge zeichnet die Ausstellung ein breites Bild der letzten Monate im alten Nordhausen. Unterstützt wurde Schluter dabei vom Nordhäuser Stadtarchiv, dem Museum Flohburg und auch dem IFA-Museum. Letztlich seien die Kollegen aber nicht viel mehr als Statisten gewesen, lobt Stadtarchivar Dr. Wolfram Theilemann, der übergroße Teil des Geleisteten sei Herrn Schluter zu verdanken, der die Idee mit unbändiger Energie und Elan habe Realität werden lassen.
Neben den Texttafeln wurde die Schau mit einigen Exponaten angereichert, darunter auch ein alter MBA Motor, ein Volksempfänger, diverese Zeitungen sowie zeitgenössisches Mobiliar und eine Reihe an Fotos, Bildern und Gemälden.
In der Chronologie kommt, was kommen muss: die Bombenangriffe, deren Jahrestag man gestern gedachte. Zu den ersten Angriffen am 03. April 1945 schreibt Jaap Knijn:
03. April 1945 Ich suche sofort den Graben auf. Der Himmel war schwer bewölkt, also waren keine Flugzeuge zu sehen, aber umso mehr zu hören. Ich beiße die Zähne zusammen, falte meine Hände und falle von einem Stoßgebet ins nächste. Die Tränen kommen mir in die Augen. In einem Augenblick zieht das Elternhaus durch meine Gedanken, aber dann ist es auch schon wieder weg, und ich denke kaum noch. Eine Bombe nach der anderen schlägt ein. Es ist, als ob die Hölle losgebrochen ist und meine letzte Lebensminuten gekommen ist. Ohne das ich es merke, kaue ich Gras im Mund. Es regnete Erdbrocken auf meinen Kopf.
Mit dem Bombenhagel ist der Schrecken nicht vorbei, als die Flugzeuge längst weitergezogen sind, droht Unsicherheit von andere Stelle:
05. April 1945 Wir müssen die weiße Fahne hissen, da die Stadt jetzt als offene Stadt freigegeben wurde. Ich habe sofort meinen Kopfkissenbezug aufgehängt. Überall wehen weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation. Über die Partei wird geschimpft und die Führung sowieso, die SS werden in die Hölle gewünscht. Nach etwa zwei Stunden kommt jemand vorbei und sagt, dass die weißen Fahnen wieder eingeholt werden müssen. Neue Panik. Keine weiße Fahne ist mehr zu sehen, da die SS angeblich damit gedroht hat, überall dort, wo eine Fahne hängt und ein Mann zu Hause ist, diesen zu erschießen.
Dienstverplichtet bietet einen Blick auf die Geschehnisse, die man so in Nordhausen noch nicht gesehen hat: ein Blick vom Außen aus dem Innen. Die gestrige Vernissage war gut besucht und diese Ausstellung hätte es in den kommenden Wochen und Monaten verdient, noch viele weitere Besucher zu sehen. Zeit bleibt noch bis zum 07. September, bis dahin ist die Ausstellung zu den üblichen Öffnungszeiten der Flohburg zugänglich.
Angelo Glashagel











