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80. Jahrestag der Bombardierung Nordhausens

Von der Realtiät fortgerückt

Donnerstag, 03. April 2025, 14:29 Uhr
Das unbeschreibliche in Worte zu fassen ist eigentlich eine Aufgabe für den Dichter. Vor der Stele am Rathaus fand man heute auch mit Poesie Wege, die Schicksalstage Nordhausens vor 80 Jahren eindringlich in die Gegenwart zu holen…

Gedenken zum 80. Jahrestag der Bombardierung Nordhausens (Foto: agl) Gedenken zum 80. Jahrestag der Bombardierung Nordhausens (Foto: agl)


In den öden Fensterhöhlen
Wohnt das Grauen,
Und des Himmels Wolken schauen
Hoch hinein.


Die Zeile aus Schillers "Lied von der Glocke" kannte Carla Buhl noch nicht, als sie an der Hand der Mutter im Alter von 10 Jahren durch das zerstörte Nordhausen irrte. Heute, 80 Jahre später, sind es die passenden Worte das zu beschreiben, was sie als junges Mädchen auf der Flucht aus der zerstörten Stadt erlebt hat.

Das elterliche Wohnhaus stand auf dem Petersberg. Als die Bomben kamen, war der alte Gewölbekeller die Rettung für die kleine Familie. „Es war ein Krach. Ein nicht enden wollender, sich materialisierender Krach. Wie Peitschenhiebe. Zwanzig Minuten, die nicht enden wollten.“, erzählt die alte Dame heute vor der Stele am Rathaus. Die Stille, die danach einsetzte, sei noch bedrückender gewesen. Einen Jägerrucksack und eine Einkaufstasche hatte die Mutter mit in den Keller retten können. Ein paar Kleider, ein Laib Brot, etwas Butter und ein Set Besteck war alles, was der Familie geblieben war.

Carla Buhl war 10 Jahre alt, als die Bomben fielen (Foto: agl) Carla Buhl war 10 Jahre alt, als die Bomben fielen (Foto: agl) Mit der Schwester auf dem Arm der Mutter und ein paar anderen Überlebenden geht es durch die zertrümmerte Stadt. „Wohin wir auch blickten, es war nichts mehr da, nur kaputte Reste. Es war verrückt. Im wörtliche Sinne "verrückt". Aus der Realität fortgerückt.“ Unterschlupf findet man, während die Stadt brennt, in Petersdorf, später im Immenrode. Tage danach kehrt die Familie zurück, von ihrem Haus bleibt nur der Schornstein, der Kindergarten in der Blödaustraße ist verschwunden und das Keglerheim, in dem man oft gefeiert hatte, ist zur Grabstätte geworden. Ferne Erinnerung, die für Carla Buhl bis heute lebendig geblieben sind.

Der Blick zum Petersberg fällt ihm am Jubiläumstag schwer, sagt der Oberbürgermeister, denn seine Familie hatte dort an jenem 4. April Tote zu beklagen. Hunderte und Tausende kamen im Inferno um, Bürger, Flüchtlinge, Zwangsarbeiter und Häftlinge verloren ihr Leben und wenn es Ihnen blieb, dann oft alles Hab und Gut. Viele Nordhäuser Familien können ähnliche Geschichten erzählen, so man den Alten denn auch zuhört. In das Herz und das Gedächtnis wurde dieser Tag eingebrannt, sagt Buchmann heute, der schönen, stolzen, alten Stadt wurde ihr Gesicht und ihre Geschichte genommen.

Doch aufgegeben habe man nicht. Wo alles verloren war, blieben Mut und Zuversicht und eine Liebe zur Stadt. Diese Tage müssten unvergessen bleiben und seien in jedem Jahr wichtig, auch um zu mahnen, was Krieg und Gewalt anrichten und warum man sich für Hoffnung, Versöhnung und Frieden einsetzen sollte. Nie wieder dürfe jenes Gedankengut Fuß fassen, das soviel Leid gebracht hat. Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat müsse man verteidigen und dürfe Hass und Hetze nicht tolerieren, sagt der OB.

Die Umdeutung der Vergangenheit sei auch damals der erste Schritt auf dem Pfad in den Krieg gewesen, führte Birgit Pommer aus. Legenden wurden gestrickt, Wahrheiten in Zweifel gezogen, dann kamen Diskriminierung, Rassismus, Ausgrenzung, Verfolgung und schließlich ein Krieg, der an seinen Ausgangspunkt zurückkehrte. Die Lehren der Geschichte gelten wieder für die Gegenwart, es dürfe kein wegschauen mehr geben. „Nie wieder ist jetzt und jeden Tag“, schließt Pommer.

Ein großes Glockengeläut wird heute um 16 Uhr an den ersten Angriff am 03. April erinnern, morgen werden die Glocken um 09.30 Uhr schlagen. In der Flohburg eröffnet man am Nachmittag eine Sonderausstellung, die das Leben in der Stadt aus der Sicht von vier jungen „dienstverpflichteten“ Männern aus den Niederlanden beschreibt und vom Dom wird man morgen Nachmittag einen Kreuzweg durch die Stadt führen. Viele Aktionen kommen dabei nicht aus den Amtsstuben, sondern der Gesellschaft, lobt der Oberbürgermeister am Vormittag. Die Menge, die ihm trotz früher Stunde und unter der Woche lauscht, ist ein gutes Zeichen. Noch vergisst Nordhausen nicht.
Angelo Glashagel
Autor: red

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