nnz-Betrachtung: Pech oder Glück gehabt?
Donnerstag, 09. November 2006, 15:38 Uhr
Nordhausen (nnz). Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die hinsichtlich der eigenen erlebten Vergangenheit nachdenklich machen. Und die zwingen zu kleinen Überlegungen.
Was hatte ich doch für ein Pech! Jahrgang 1956, aufgewachsen in einem totalitären, perfiden Überwachungsstaat. In diesem System der Menschenverachtung mußte ich dann auch noch zur Schule gehen, vor allem die ersten acht Jahre in einer Polytechnischen Oberschule haben bei mir schreckliche Spuren hinterlassen. Mit der brachialen Gewalt eines diktatorischen Staates paukten mir dessen Wissensvermittler zum Beispiel dermaßen das kleine und große Einmaleins ein, daß es auch heute noch nicht aus meinem Kopf verschwunden ist. Auch heute kenne ich die Zeichen der wichtigsten chemischen Elemente und hätte auch die jüngste Eine-Million-Euro-Frage bei Herrn Jauch beantworten können. Ich hätte vielleicht auf Entschädigung klagen sollen.
Und da dieser Unrechtsstaat mit den drei verführerischen Buchstaben für das unentwegte Einbleuen von Formeln und Wörtern sorgte, gab es auch immer Kreide in der Schule. Wie gut haben es da heute Schüler in Nordhäuser Grundschulen. Wenn da die Kreide dem Lehrer ausgeht, dann wird die Schultafel – ein Relikt aus sozialistisch verordneter Erziehung? – nicht mehr benutzt. Das Kontingent, das der Lehrer zur Verfügung ist, ist nämlich erschöpft, Nachschub soll es einen Monat später geben.
Auch wenn heute Klassenarbeiten geschrieben werden, dann haben es die Schülerinnen und Schüler natürlich viel besser. Geht dem Lehrer das Kopierpapier aus oder hat er keinen Bock von den Kleinen fünf Cent fürs Kopieren einzusammeln, dann werden eben keine Aufgabenblätter mehr verteilt, die Klassenarbeit fällt aus – oder so.
All diese Vorteile konnte ich nicht genießen. Zu meiner Zeit wurden die Aufgaben für die Klassenarbeit an die Tafel geschrieben. Das machte der Pauker sogar in der Pause und klappte dann das grüne Schieferding zu. Selbst wenn man diese damalige Errungenschaft der sozialistischen Erziehung auf das Heute updaten wollte – Pech, denn die Kreide ist ja rationiert.
Und Handtücher, die müssen heute die Kleinsten auch mitbringen, wenn sie sich die Händchen abtrocknen wollen. Ist ja auch schön so, da kann Mutti zeigen, welche Handtücher zu Hause im Schrank zu finden sind. Vielfalt ist dann angesagt, nicht die Handtuch-Einfalt der 60er Jahre im vergangenen Jahrhundert.
Und so alles in allem sind unsere Jüngsten doch richtig gut dran. Sie werden in schicken Schulen unterrichtet, können antiautoritär erzogen werden, können während der Unterrichtsstunde handyfonieren, essen, trinken und ihr Basecap auf dem Kopf behalten. Und wenn sie mal eine Auszeit nehmen wollen, dann schmeißen sie in der zweiten Klasse schon mal ihre kompletten Schulsachen vom Tisch. Der Lehrer wird – pädagogisch up to date – darüber hinweg sehen. Autorität hat der schon lange nicht mehr. In der Nordhäuser Grundschule, in der all diese kleinen Geschichten sich so zutragen, scheint nur eines autoritär geregelt zu sein – die Arbeitszeit des lehrenden Personals.
Und da komme ich wieder zurück in die 60er und 70er Jahre, als ich im sozialistischen Schulsystem meinen Schaden nahm. Den damaligen Lehrer konnte ich auch nach seiner offiziellen Arbeitszeit ansprechen, der machte auch mal Elternbesuche, wenn es Schwierigkeiten gab – wie peinlich. Das aber – vermutlich – gehörte sowieso nur zu meiner totalen staatlichen Überwachung. Natürlich gibt es auch heute Lehrer, die mehr machen, die sogar zu Sprechstunden am Abend einladen. Dann aber fehlen vor allem jene Eltern, deren Kinder sich am besten dem antiautoritären Erziehungsstil angepaßt haben.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnzWas hatte ich doch für ein Pech! Jahrgang 1956, aufgewachsen in einem totalitären, perfiden Überwachungsstaat. In diesem System der Menschenverachtung mußte ich dann auch noch zur Schule gehen, vor allem die ersten acht Jahre in einer Polytechnischen Oberschule haben bei mir schreckliche Spuren hinterlassen. Mit der brachialen Gewalt eines diktatorischen Staates paukten mir dessen Wissensvermittler zum Beispiel dermaßen das kleine und große Einmaleins ein, daß es auch heute noch nicht aus meinem Kopf verschwunden ist. Auch heute kenne ich die Zeichen der wichtigsten chemischen Elemente und hätte auch die jüngste Eine-Million-Euro-Frage bei Herrn Jauch beantworten können. Ich hätte vielleicht auf Entschädigung klagen sollen.
Und da dieser Unrechtsstaat mit den drei verführerischen Buchstaben für das unentwegte Einbleuen von Formeln und Wörtern sorgte, gab es auch immer Kreide in der Schule. Wie gut haben es da heute Schüler in Nordhäuser Grundschulen. Wenn da die Kreide dem Lehrer ausgeht, dann wird die Schultafel – ein Relikt aus sozialistisch verordneter Erziehung? – nicht mehr benutzt. Das Kontingent, das der Lehrer zur Verfügung ist, ist nämlich erschöpft, Nachschub soll es einen Monat später geben.
Auch wenn heute Klassenarbeiten geschrieben werden, dann haben es die Schülerinnen und Schüler natürlich viel besser. Geht dem Lehrer das Kopierpapier aus oder hat er keinen Bock von den Kleinen fünf Cent fürs Kopieren einzusammeln, dann werden eben keine Aufgabenblätter mehr verteilt, die Klassenarbeit fällt aus – oder so.
All diese Vorteile konnte ich nicht genießen. Zu meiner Zeit wurden die Aufgaben für die Klassenarbeit an die Tafel geschrieben. Das machte der Pauker sogar in der Pause und klappte dann das grüne Schieferding zu. Selbst wenn man diese damalige Errungenschaft der sozialistischen Erziehung auf das Heute updaten wollte – Pech, denn die Kreide ist ja rationiert.
Und Handtücher, die müssen heute die Kleinsten auch mitbringen, wenn sie sich die Händchen abtrocknen wollen. Ist ja auch schön so, da kann Mutti zeigen, welche Handtücher zu Hause im Schrank zu finden sind. Vielfalt ist dann angesagt, nicht die Handtuch-Einfalt der 60er Jahre im vergangenen Jahrhundert.
Und so alles in allem sind unsere Jüngsten doch richtig gut dran. Sie werden in schicken Schulen unterrichtet, können antiautoritär erzogen werden, können während der Unterrichtsstunde handyfonieren, essen, trinken und ihr Basecap auf dem Kopf behalten. Und wenn sie mal eine Auszeit nehmen wollen, dann schmeißen sie in der zweiten Klasse schon mal ihre kompletten Schulsachen vom Tisch. Der Lehrer wird – pädagogisch up to date – darüber hinweg sehen. Autorität hat der schon lange nicht mehr. In der Nordhäuser Grundschule, in der all diese kleinen Geschichten sich so zutragen, scheint nur eines autoritär geregelt zu sein – die Arbeitszeit des lehrenden Personals.
Und da komme ich wieder zurück in die 60er und 70er Jahre, als ich im sozialistischen Schulsystem meinen Schaden nahm. Den damaligen Lehrer konnte ich auch nach seiner offiziellen Arbeitszeit ansprechen, der machte auch mal Elternbesuche, wenn es Schwierigkeiten gab – wie peinlich. Das aber – vermutlich – gehörte sowieso nur zu meiner totalen staatlichen Überwachung. Natürlich gibt es auch heute Lehrer, die mehr machen, die sogar zu Sprechstunden am Abend einladen. Dann aber fehlen vor allem jene Eltern, deren Kinder sich am besten dem antiautoritären Erziehungsstil angepaßt haben.
Peter-Stefan Greiner
