Fernsehen und Unterschicht
Sonntag, 22. Oktober 2006, 09:03 Uhr
Nordhausen (nnz). Arme und Alte sowie Menschen mit einfacher Schulbildung sitzen deutlich länger vor dem Fernseher als Reiche, Junge und gut Gebildete. Wer das feststellte und welche Einsichten sich damit verbinden versucht nnz zu verdeutlichen.
Festgestellt hat das die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für das Jahr 2005. Nach einem Bericht des "Focus" zeigen deren Daten, dass der durchschnittliche Zuschauer täglich drei Stunden und 31 Minuten fern sieht. Bei Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von maximal 1000 Euro seien es dagegen fünf Stunden und 16 Minuten. Wer mit 1000 bis 2000 Euro monatlich auskommen müsse, schaltet jeden Tag für vier Stunden und acht Minuten den Fernseher ein. Gut betuchte Zuschauer, die mehr als 4000 Euro netto zur Verfügung haben, sehen nur zwei Stunden und 20 Minuten fern, diejenigen mit einem Haushaltseinkommen zwischen 3000 und 4000 Euro zwei Stunden und 46 Minuten.
Auch die Auswertung nach Bundesländern bestätigt laut "Focus" die soziale Schichtung: Alle ostdeutschen Bundesländer einschließlich Berlin lägen bei der Sehdauer beträchtlich über dem Durchschnitt. Zuschauer mit Hauptschulabschluss verbringen täglich gut vier Stunden vor dem Fernseher. Die mit Abitur sehen nur zwei Stunden und 45 Minuten fern. Rentner schalten täglich fast fünf Stunden, Arbeitslose viereinhalb Stunden ein.
Zum Inhalt der Programme, die jene armen und alten Menschen bevorzugen, prägte ja schon der Entertainer Harald Schmidt vor geraumer Zeit in seiner flopsigen Art den Begriff "Unterschichtenfernsehen". Was man damals leicht hinnahm, scheint heute an Bedeutung zu gewinnen. Zumindest haben sich Wissenschaftler des Begriffes angenommen und nach seinem Inhalt untersucht. Danach soll sich die so genannte Unterschicht nach Ansicht des Potsdamer Fernsehwissenschaftlers Lothar Mikos tatsächlich durch bestimmte Fernsehgewohnheiten erkennen lassen.
Der von Schmidt benutzte Begriff "Unterschichtenfernsehen" sei jedoch zu allgemein und vor allem nicht das, was sich viele klischeehaft darunter vorstellten, sagte Mikos. Er ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam. "Unterschichtenfernsehen ist, wenn überhaupt, kein bestimmtes Programm, sondern eine kulturelle Haltung."
Die als Unterschicht soziologisch erfassten Menschen seien ganz verschieden in ihrem Fernsehgeschmack. Gemeinsam sei ihnen jedoch, was sie nicht sähen. "Die "Unterschicht" vermeidet Sendungen mit Kultur, Politik und Geschichte – also Nachrichten, Polit- und Kulturmagazine oder zeithistorische Dokumentationen", sagte Mikos.
Die Debatte um eine neue Unterschicht läuft nach Mikos' Ansicht nach kurzer Zeit bereits "in eine falsche Richtung". Wenn jetzt vor allem von Armut gesprochen werde, sei das nicht das, was die meisten Soziologen und auch Medienforscher beobachteten. "Es geht um einen Lebensstil. Die Unterschicht grenzt sich sozusagen mental selbst aus, indem sie die gesellschaftlich erwünschten Haltungen wie Flexibilität, Mobilität, Wissenshunger oder Multimedia-Begeisterung nicht annimmt." Das sei im übrigen nichts Neues, sondern schon seit vielen Jahren zu beobachten. Die Leute verweigerten sich geistig, ließen sich schlicht und einfach nicht auf die Rolle des "mündigen Bürgers" ein, sagte Mikos weiter.
Auslöser der Debatte um eine neue Unterschicht war in der vergangenen Woche eine Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. In dem 500-Seiten-Papier ist von Unterschicht keine Rede. Jedoch hatten Meinungsforscher eine Gruppe ausgemacht, die sich selbst im Abseits sieht. Immerhin acht Prozent der Bevölkerung soll dieses "abgehängte Prekariat" in der Bevölkerung ausmachen.
Autor: nnzFestgestellt hat das die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für das Jahr 2005. Nach einem Bericht des "Focus" zeigen deren Daten, dass der durchschnittliche Zuschauer täglich drei Stunden und 31 Minuten fern sieht. Bei Menschen mit einem Haushaltsnettoeinkommen von maximal 1000 Euro seien es dagegen fünf Stunden und 16 Minuten. Wer mit 1000 bis 2000 Euro monatlich auskommen müsse, schaltet jeden Tag für vier Stunden und acht Minuten den Fernseher ein. Gut betuchte Zuschauer, die mehr als 4000 Euro netto zur Verfügung haben, sehen nur zwei Stunden und 20 Minuten fern, diejenigen mit einem Haushaltseinkommen zwischen 3000 und 4000 Euro zwei Stunden und 46 Minuten.
Auch die Auswertung nach Bundesländern bestätigt laut "Focus" die soziale Schichtung: Alle ostdeutschen Bundesländer einschließlich Berlin lägen bei der Sehdauer beträchtlich über dem Durchschnitt. Zuschauer mit Hauptschulabschluss verbringen täglich gut vier Stunden vor dem Fernseher. Die mit Abitur sehen nur zwei Stunden und 45 Minuten fern. Rentner schalten täglich fast fünf Stunden, Arbeitslose viereinhalb Stunden ein.
Zum Inhalt der Programme, die jene armen und alten Menschen bevorzugen, prägte ja schon der Entertainer Harald Schmidt vor geraumer Zeit in seiner flopsigen Art den Begriff "Unterschichtenfernsehen". Was man damals leicht hinnahm, scheint heute an Bedeutung zu gewinnen. Zumindest haben sich Wissenschaftler des Begriffes angenommen und nach seinem Inhalt untersucht. Danach soll sich die so genannte Unterschicht nach Ansicht des Potsdamer Fernsehwissenschaftlers Lothar Mikos tatsächlich durch bestimmte Fernsehgewohnheiten erkennen lassen.
Der von Schmidt benutzte Begriff "Unterschichtenfernsehen" sei jedoch zu allgemein und vor allem nicht das, was sich viele klischeehaft darunter vorstellten, sagte Mikos. Er ist Professor an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam. "Unterschichtenfernsehen ist, wenn überhaupt, kein bestimmtes Programm, sondern eine kulturelle Haltung."
Die als Unterschicht soziologisch erfassten Menschen seien ganz verschieden in ihrem Fernsehgeschmack. Gemeinsam sei ihnen jedoch, was sie nicht sähen. "Die "Unterschicht" vermeidet Sendungen mit Kultur, Politik und Geschichte – also Nachrichten, Polit- und Kulturmagazine oder zeithistorische Dokumentationen", sagte Mikos.
Die Debatte um eine neue Unterschicht läuft nach Mikos' Ansicht nach kurzer Zeit bereits "in eine falsche Richtung". Wenn jetzt vor allem von Armut gesprochen werde, sei das nicht das, was die meisten Soziologen und auch Medienforscher beobachteten. "Es geht um einen Lebensstil. Die Unterschicht grenzt sich sozusagen mental selbst aus, indem sie die gesellschaftlich erwünschten Haltungen wie Flexibilität, Mobilität, Wissenshunger oder Multimedia-Begeisterung nicht annimmt." Das sei im übrigen nichts Neues, sondern schon seit vielen Jahren zu beobachten. Die Leute verweigerten sich geistig, ließen sich schlicht und einfach nicht auf die Rolle des "mündigen Bürgers" ein, sagte Mikos weiter.
Auslöser der Debatte um eine neue Unterschicht war in der vergangenen Woche eine Untersuchung der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung. In dem 500-Seiten-Papier ist von Unterschicht keine Rede. Jedoch hatten Meinungsforscher eine Gruppe ausgemacht, die sich selbst im Abseits sieht. Immerhin acht Prozent der Bevölkerung soll dieses "abgehängte Prekariat" in der Bevölkerung ausmachen.
