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Kulturerhalt in der Fremde

Der Kampf der Überlebenden

Freitag, 13. Dezember 2024, 14:00 Uhr
In den Jubel um den Sturz eines Diktators mischen sich Sorgen um die ohnehin fragile Lage des Nahen Ostens. Das die alles andere als sicher ist, nicht nur in Syrien, mahnt auch die jesidische Gemeinde in Deutschland an, ein Nordhäuser hat das zuletzt auch vor den Vereinten Nationen deutlich gemacht…

Die jesidische Gemeinde in Nordhausen mahnte auf dem Rathausplatz schon im vergangenen Jahr dazu, den Völkermord nicht zu vergessen. Der Kampf um Anerkennung und den Erhalt ihrer Kultur geht auch heute weiter (Foto: agl) Die jesidische Gemeinde in Nordhausen mahnte auf dem Rathausplatz schon im vergangenen Jahr dazu, den Völkermord nicht zu vergessen. Der Kampf um Anerkennung und den Erhalt ihrer Kultur geht auch heute weiter (Foto: agl)


Murad Murad zeigt einige Bilder, Fotografien alter, sehr alter Relikte, Steinreliefs aus der Zeit von Sumer und Akkad, vom Anbeginn dessen, was wir Allgemeinhin als „Zivilisation“ bezeichnen. Und dann zeigt er Fotos jüngeren Datums, traditionelle Gewänder und Musikinstrumente, wie man sie unter Jesiden bis heute trägt und spielt. Die Parallelen sind auch für das Auge des Laien offensichtlich, nach mehr als fünftausend Jahren Geschichte.

Die Heimat der Jesiden liegt im Zweistromland, dem alten Babylon, dem heutigen Irak sowie in Teilen Nordsyriens und der Türkei. Die kleine Religionsgemeinde umfasst noch zwischen einer und anderthalb Millionen Gläubigen und ist weder christlich noch muslimisch, sondern sehr viel älter. Als der Islamische Staat vor zehn Jahren über das Land fegte, brachten die islamistischen Fanatiker unsägliches Leid über die ganze Region und Tod und Verderben zu den Jesiden.

Der Vorsitzende der jesidischen Gemeinde in Nordhausen, Murad Murad, auf dem Rathausplatz im August 2023 (Foto: nnz-Archiv) Der Vorsitzende der jesidischen Gemeinde in Nordhausen, Murad Murad, auf dem Rathausplatz im August 2023 (Foto: nnz-Archiv)


„Viele unserer Städte und Dörfer wurden zerstört, tausende unserer Frauen und Kinder verschleppt und versklavt, die Ermordeten in Massengräbern verscharrt“, erzählt Murad. Wer den Jesiden zuhört, hört Geschichten von unvorstellbarer Grausamkeit und Gewalt, von Mord, Misshandlung, Vergewaltigung und Tod. Die Gräueltaten werden von der UN als Völkermord eingeordnet, um Asyl und Anerkennung muss die mit rund 200.000 Mitgliedern weltweit größte jesidische Diaspora in Deutschland trotzdem weiter kämpfen. Stimmen die nach Abschiebung verlangen gibt es genug, schließlich gilt der IS als besiegt.

Das die Sache so einfach nicht ist, zeigen die Ereignisse der letzten Wochen einmal mehr. In nur elf Tagen hat sich die Lage in Syrien komplett gedreht, Aufständische haben der Herrschaft des Assad Clans nach 50 Jahren ein Ende gesetzt. Der neue Mann an der Spitze gibt sich gemäßigt, hat aber als Al Quaida Kommandant seinen Anfang genommen und im diffusen Fahrwasser der Rebellion schwimmen extremistische Gruppen mit, darunter auch die Überreste des „Islamischen Staates“. Wie es weiter geht und was die Folgen für die weitere Region sind, vermag niemand mit Sicherheit zu sagen.

Spendensammlung der Nordhäuser Gemeinde für syrische Jesiden auf der Flucht (Foto: privat) Spendensammlung der Nordhäuser Gemeinde für syrische Jesiden auf der Flucht (Foto: privat) In Syrien sind Jesiden wieder auf der Flucht, grimme Nachrichten hat man aus Afrin und Alleppo erhalten und damit begonnen, in der Nordhäuser Gemeinde Kleidung, Schuhe, Kindernahrung und andere Spenden zusammenzutragen, erzählt Murad. Auch im Irak bleibt die Lage für die verbliebenen Jesiden ungewiss. „Der IS wurde militärisch besiegt, der Geist der zu diesen Gräueltaten geführt hat, ist aber immer noch in der Bevölkerung. Die Leute, die uns das alles angetan haben, sind immer noch da. Für die Regierung im Irak sind die Jesiden Bürger dritter Klasse und für viele Leute dort gelten wir nicht einmal als Menschen.“ In Nordhausen hat sich der gelernte Apotheker wie viele seiner Landsleute ein neues Leben aufgebaut und ist dankbar dafür, Aufnahme gefunden zu haben. Seinem alten Beruf kann er in Deutschland nicht nachgehen, ein Job als Pflegehelfer hält ihn aber auf Trab und nebenher engagiert sich der 40jährige für seine Gemeinde und die Jesiden in Deutschland. Vom Nordhäuser Rathausplatz hat ihn das Engagement schon nach Berlin und zuletzt auch nach Brüssel geführt. Hier sprach Murad im Namen der deutschen Jesiden vor den Vertretern der Vereinten Nationen und bat die internationale Gemeinschaft darum, mehr für die verfolgte Minderheit zu unternehmen.


Murad Murad spricht in Brüssel zu Vertretern der Vereinten Nationen


In Anbetracht der sich überschlagenden Entwicklungen, die den Nahen Osten einmal mehr heimsuchen, ist die Hoffnung zeitnah wieder sicher in der alten Heimat leben zu können gering. Umso wichtiger sei es, dass man sich bemühe, die jahrtausende alte Kultur für folgende Generationen zu erhalten. „Wir waren einmal 80 Millionen. Unter ständiger Verfolgung hat man gelernt, die Tradition zu erhalten. Unser altes Alphabet wurde zum Beispiel auf die Hände tätowiert oder in Holz geschnitzt, damit es mitnehmen konnte. Darauf wollen wir uns jetzt wieder konzentrieren. Jesidisch ist eine ganz eigene Sprache und in seiner ursprünglichen Form sehr alt. Es gibt nicht viele Leute, die sich mit diesen Ursprüngen auskennen und leider niemanden in Deutschland. Wir sind dabei, den Kontakt zu den Fachleuten herzustellen und suchen nach Möglichkeiten, wie wir die Sprache hier am Leben erhalten können“, berichtet Murad.

Um ihr Alphabet zu erhalten haben die Jesiden unter anderem Tätowierung genutzt (Foto: privat) Um ihr Alphabet zu erhalten haben die Jesiden unter anderem Tätowierung genutzt (Foto: privat)


Auf der Suche nach Anerkennung und Hilfe hat in der Region und darüber hinaus Fürsprecher und Unterstützer gefunden, darunter den Bundestagsabgeordneten Manfred Grund, Ministerpräsident Bodo Ramelow, den Vorsitzenden der jüdischen Landesgemeinde in Thüringen, Reinhard Schramm, Thüringens Innenminister Georg Maier und dessen alten Kabinettskollegen Bernhard Stengele von den Grünen.

Derweil geht das Leben weiter und im jesidischen Kalender wartet das Jahresende, wie in den meisten anderen Kulturen auch, mit einem Fest auf: „Ida Ezi“ wird man am kommenden Freitag in Sollstedt feiern und auch das Weihnachtsfest soll dabei nicht außen vor bleiben. Unabhängig von dem, was die Nachrichtenlage zu berichten hat.
Angelo Glashagel
Autor: red

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