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Arbeitslose: Unrealistische Zahlen?

Sonntag, 30. Dezember 2001, 09:42 Uhr
Nordhausen (nnz). Dass die Bundesanstalt für Arbeit (BfA) schon auf Grund der allgemeinen Arbeitsmarktsituation in Deutschland unter ständigem Druck steht, ist eine bekannte Tatsache. Nun scheint sie zusätzlich in die Kritik zu geraten.


Ursache ist ein noch nicht veröffentlichter Bericht in „Der Spiegel“, in dem Bezug genommen wird auf eine Studie des Bonner Meinungsforschungsinstituts Infas. Danach gaben etwa 15 Prozent der befragten Erwerbslosen an, sie wollten gar keine neue Stelle mehr antreten, weil sie bereits eine Zusage für den Vorruhestand oder die Rente hätten. Fünf Prozent suchten keinen Job, weil sie schon einen neuen Arbeitsvertrag in der Tasche hatten. Und weitere sieben Prozent sehen die Arbeitslosigkeit als Übergang zu Wehr- oder Zivildienst oder zum Erziehungsurlaub.

Die Studie wurde im Auftrag der BfA erstellt, zu der 20.000 Erwerbspersonen befragt wurden. Das Ergebnis zeigt, dass das deutsche Arbeitsvermittlungssystem zum großen Teil an den wirklichen Bedürfnissen der Arbeitslosen vorbeigeht. So müssten bestimmte Gruppen von Erwerbslosen intensiver betreut werden, andere dagegen könnten aus der Statistik gestrichen werden.

Arbeitnehmer, die zwar vermittelbar wären, sich aber nicht selbst intensiv um einen Job kümmern, brauchen nicht nur mehr Betreuung, sondern auch mehr Druck zur Eigeninitiative. Junge männliche Arbeitnehmer in wirtschaftlich gesunden Gebieten zum Beispiel könnten zum großen Teil ganz aus der Statistik gestrichen werden: Sie haben oft schon einen neuen Job in der Tasche, wenn sie sich arbeitslos melden. Auch ältere Arbeitnehmer sind ein Problem: Sie haben so geringe Chancen, wieder eine Arbeit zu finden, dass sie im Grunde in der Statistik der tatsächlich vermittelbaren Arbeitnehmer nichts zu suchen haben. Hier empfehlen nach dem „Spiegel“-Bericht die Wissenschaftler, die arbeitsmarktpolitischen Bemühungen vor allem darauf zu richten, den Arbeitsplatz zu erhalten.

Bei denen aber, bei denen aktive Jobvermittlung tatsächlich gute Aussichten auf Erfolge hat, kümmern sich die Arbeitsämter zu wenig. 20 Prozent der von Infas befragten Arbeitslosen sagten, sie seien nur mäßig an einem Job interessiert. Wer sich aber in den ersten Monaten der Arbeitslosigkeit nicht intensiv bewirbt, hat fünf- bis neunmal schlechtere Aussichten auf einen neuen Job als Arbeitslose, die sich selbst intensiv um eine neue Stelle bemühen.

Die Folgen sind laut Infas katastrophal: Wer nämlich nach den ersten drei Monaten in Arbeitslosigkeit keinen neuen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt - also in einer nicht bezuschussten Stelle - gefunden hat, dessen Chancen auf einen neuen Job sinken drastisch. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit besteht nahezu keine Aussicht, eine neue Stelle zu finden: und zwar in West- und in Ostdeutschland. Während Westdeutsche im ersten Jahr der Arbeitslosigkeit eine deutlich bessere Chance auf einen neuen Job haben, nimmt der Westvorteil mit der Dauer der Arbeitslosigkeit ab. In Ostdeutschland dagegen ist die auf einen neuen Job von vornherein geringer, zumal es dort oft auch noch zusätzlich an der nötigen Motivation fehlt

Statt also klar zu differenzieren, beschäftigen sich die Arbeitsämter mit Fällen, die gar keine sind. So melden sich große Gruppen arbeitslos, um zwischen Schule und Wehrdienst, zwischen Entlassung und Rente einen Sozialversicherungsanspruch zu behalten. Daneben verwenden die Arbeitsämter viel Geld und Mühe darauf, über 50-Jährige wieder in Arbeit zu bringen - ein Unterfangen, das so lange keinen Erfolg haben kann, wie es eine Menge junger Arbeitsloser gibt.
Autor: nnz

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