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Nordhausen schießt sich frei

Montag, 28. August 2006, 09:06 Uhr
Nordhausen (nnz). Am 29. September gibt es am Nordhäuser Theater wieder eine „große“ Premiere. Und schon mal vorab: Es wird kein Gefälligkeits-Theater werden...


Den Vorwurf, Webers Figuren hätten im Gegensatz zum Mozartschen „Personal“ keine Tiefe, blieben typenhaft und an der Oberfläche, mußte sich dessen 1821 uraufgeführter Oper Der Freischütz von Anfang an gefallen lassen. Das durch unselige Kürzungspläne des Landes bedrohte Theater Nordhausen tritt nun bei seiner ersten Premiere der neuen Spielzeit an, dieses Vorurteil zu widerlegen.
Gerade in diesen schwierigen Zeiten setzt das Haus sein Potential offensiv ein: Attraktives Musiktheater für die Region und ein Ensemble, das in der
Lage ist, nahezu alle Rollen dieser großen Oper abzudecken. Die Regie für diese Produktion hat Kay Link übernommen, der für intensiv erzählende Inszenierungen und sorgfältige Personenführung bekannt ist.

Gemeinsam mit seiner Ausstatterin Olga von Wahl entsteht ein Freischütz, der einen werkgerechten und zugleich zeitgemäßen Zugriff mit kraftvollen Bildern
verspricht. Kay Link entwickelt seine Inszenierung ganz aus der Konstellation der Hauptfiguren heraus. Gerade deshalb kommt er sehr nah an das Eigentliche dieser großartigen Oper heran, an das Entsetzen und die Verzweiflung, die unter dem idyllischen Schein der Jagd- und Jungfernchöre lauern. Die Qualität dieser Oper besteht darin, dass die handelnden Figuren uns auch heute noch sehr nah und verständlich erscheinen.

Es sind Menschen, die uns begegnen. Deshalb ist der zerrissene Max nicht der alleinige Sympathieträger und Kaspar mehr als ein böser Finsterling, Agathe und Ännchen nicht nur zwei in „schwermütig“ oder „munter“ eingeteilte Biedermeier-Frauchen. Wir erleben Menschen, deren Suche nach einem eigenen Lebensentwurf durch verschiedene Schattierungen von Gewalt verunmöglicht wird, sei es durch Krieg, Ausgrenzung oder Unterdrückung durch den Vater.

Nur „wer schuldlos von Leben darf kindlich der Liebe des Vaters vertraun.“ Wer also sein eigenes Leben lebt und sich zu weit von der Herde entfernt, wird im
Umkehrschluss schuldig. Und – das mag bei Freischütz erstaunen – es geht auch um Eros und Verführung. Maskuline Gewalt, Jagd, Lust bilden eine
Mischung, die in der großartigen Musik Webers ihre explosive Kraft entfaltet.

Mit großer Genauigkeit und Sensibilität lauscht der junge Regisseur der Musik und dem Text auch gerne übersehene Details ab. Ab 29. September 2006 im Theater Nordhausen.
Autor: nnz

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