nnz-online

Ist Theater wirklich alles?

Donnerstag, 17. August 2006, 08:23 Uhr
Nordhausen (nnz). Es ist in den zurückliegenden Tagen etwas ruhiger geworden. Erst am Montag werden viele Nordhäuser wieder nach Sondershausen zur Demo fahren. Dazu einige Anmerkungen.


Zugegeben, es ist ein sensibles Thema, vor allem dann, wenn man nicht in dieser Stadt geboren ist. Das Theater scheint in den zurückliegenden Tagen und Wochen der Mittelpunkt dieser Nordhäuser Welt zu sein. Sein oder Nichtsein dieser Kommune scheinen vom Bestand und vom Inhalt des Musentempels abzuhängen. Und wie das bei einer derartigen Polarisierung ist, es werden andere Facetten vergessen, die das Miteinander innerhalb eines Gemeinwesens ausmachen.

Clever gemacht von den Organisatoren der Demos ist bereits der Titel: „Nordthüringer Demo“. Allerdings, es scheint auch etwas vermessen, schließlich waren die Reaktionen auf die angedachte und ungerechtfertigte Kürzung der Landeszuschüsse außerhalb des Landkreises Nordhausen und des Kyffhäuserkreises doch eher recht verhalten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass den Menschen in und um Bad Langensalza, in und um Mühlhausen herum, das Wohl und Wehe der Nordhäuser Hochkultur am Herzen hängt? Das Gegenteil ist eher die Realität. Man vergisst in der Thomas-Müntzer-Stadt nicht, dass die Nordhäuser sich nicht gerade regional-patriotisch gezeigt hatten, als es Pläne gab, die Staatsanwaltschaft und das Landgericht in Mühlhausen dicht zu machen. Außer den obligatorischen Statements aus Rathaus und Kreisverwaltung war da nicht viel zu hören. Und da aus der sozialdemokratischen Ecke in Nordhausen auch noch skandiert worden war, dass der Sitz des Landgerichts ja in die Rolandstadt verlagert werden könne, da waren viele Restsympathien verspielt. Und mal ehrlich: Die Mühlhäuser haben die Niederlage um den Hochschulstandort immer noch nicht verkraftet.

Bleibt das Eichsfeld als Nordthüringer Kulturpartner. Die Eichsfelder werden vom Nordhäuser Theater in ihrem Kulturhaus bespielt, auch von anderen Bühnen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Und: Über die Ausrichtung der Eichsfelder weiter zu schreiben, wäre das gleiche wie eine autonome Gebirgsrepublik Südharz ins Spiel zu bringen.

Da gibt es natürlich immer wieder das Argument des weichen Standortfaktors. Die nnz hatte sich in den zurückliegenden Wochen bei denen umgehört, die sich in dieser Region angesiedelt haben. Bei Klemme oder bei Powertrain zum Beispiel sind die Ansiedlungsentscheidungen gefallen, weil die Wirtschaftsfaktoren, weil die Infrastruktur und weil die Investitionsanreize seitens der Landesregierung vorgehalten wurden. Diejenigen, die irgendwann vielleicht einmal in den Konzernzentralen über einen Standort im Industriegebiet in der Goldenen Aue zu befinden haben, die scheren sich nicht um das Theater in Nordhausen. Die schauen darauf, ob zum Beispiel die Kosten (Steuern, Energie, Abwasser) „erträglich“ sind.

Das Theater aber, ich will das hier klar sagen, muss eine Zukunft in Nordhausen haben. Angesichts geringerer Zuschüsse für Kindertagesstätten, für Jugendklubs, für die „restliche“ Kultur, für den Nachwuchssport muss über die Form und den Inhalt der Theaterzukunft diskutiert werden. In der gestern zu Ende gegangenen Umfrage der nnz plädierten 41 Prozent dafür, die Theaterzuschüsse nicht zu erhöhen. Als bedenklich hingegen scheinen mir die 57 Prozent, die bei Straßenbahn und Bus, beim Sport, bei der „restlichen Kultur“ und bei der Wirtschaftsförderung sparen würden. Das Theater in Nordhausen kann einfach nicht der Mittelpunkt dieser Nordhäuser Welt sein, sagen viele Menschen. Sie sagen es oftmals hinter vorgehaltener Hand, der Mainstream, der sich vierzehntäglich auf dem Theaterplatz breit macht, ist gewaltig.

Ich persönlich hätte mir solche Demos auch in den vergangenen Jahren gewünscht. Zum Beispiel in der Zeit, da Reemtsma sein Nordhäuser Werk per Federstrich geschlossen hatte und fast 300 Frauen und Männer ihre Arbeit verloren hatten. Klar ist aber auch. Ich finde die Art und Weise der Kürzungsandrohungen und deren Realtion zu anderen Regionen unerträglich.
Peter-Stefan Greiner
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de