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Ostraka in Limlingerode

Montag, 17. Juli 2006, 08:41 Uhr
Nordhausen/Limlingerode (nnz). Am kommenden Samstag (22. Juli) erklingt in der Dichterstätte in Limlingerode die älteste Individuallyrik der Menschheit, sie stammt aus dem Altertum Ägyptens. Man entdeckte sie auf kostbaren Papyrusrollen und auf einfacheren Kalksteinscherben, den Ostraka. Ein nnz-Beitrag von Heidelore Kneffel.


Museen in Kairo, London, Turin und St. Petersburg bewahren sie. In deutscher Sprache liegen sie in einer Übertragung von Hannelore Kischkewitz vor, die sich in vielfältiger Form in der Ägyptologie einen Namen gemacht hat. Ursprünglich wurde lyrische Dichtung in Ägypten mündlich verbreitet. Die Autoren sind so gut wie nicht bekannt. Erst seit ca. 1320 v.u.Z. schrieb man Liebeslyrik auf, zusammen mit anderer Dichtung, z. B. Märchen. Eine Vollendung erreichte sie in der Amarna-Periode, im Neuen Reich, während der Herrschaft des Königs Echenaton und seiner Gemahlin Nofretete. In ihrer neuen Religion erhoben sie den Gott Aton, personifiziert als Sonnenscheibe, zum alleinigen Gott. Deshalb erklingt am 22. 7. der „Sonnengesang“ dieses außergewöhnlichen Königs gleichfalls in der Dichterstätte.

Auch in der Liebeslyrik drückt sich das neue Weltbild aus. Sie bewegt sich zwischen Erleben und Reflexion. Mit großer Freimütigkeit werden die Skalenwerte der Gefühle beschrieben. Die Begegnungen zwischen Mann und Frau sind deutlich unkonventioneller als im Alten und Mittleren Reich. Sie treten sich als zwei Einzelpersönlichkeiten gegenüber, die durch ihre Zuneigung aneinander gebunden sind. Ihre Begegnungen finden in der Abgeschiedenheit der Natur statt, wie es auch die Reliefkunst und die Malerei aufzeigen. Es gibt Beschreibungslieder, Tageslieder, Klagelieder und Lieder als Liebeszauber.

Sehr häufig ist die Anrede als Bruder und Schwester. Das ist nicht der Beweis der Geschwisterehe im alten Ägypten, die bei den Pharaonen hin und wieder stattfand, um die Dynastie zu erhalten. In der Liebeslyrik ist es der Ausdruck eines besonders innigen Zueinandergehörens – Geliebter und Geliebte sind gemeint. Die Lieder wurden von einem Erzähler vorgetragen, den Klanghintergrund bildeten Laute, Trommel, das Rasseln des Sistrums und das Schlagen der Hände im Takt, wie es auch die Wandmalereien zeigen. In den Vitrinen der Dichterstätte wird es eine umfangreiche Ausstellung ägyptischer Kunstreproduktionen geben. Am Samstag, dem 22. Juli 2006, 14.30 Uhr
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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